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Mittwoch, 29. März 2017 | 01:34

 

Ein gesamtdeutscher Skandal

01.06.2009

Der doppelte Kurras

Die jetzige Entdeckung, dass der Todesschütze des ganz & gar unschuldigen Benno Ohnesorg 1967 nicht nur im Dienste der Westberliner Polizei, sondern auch in dem der Ostberliner Stasis stand, muss natürlich jeden Zeitgenossen irritieren. Auch das noch! WOLFRAM SCHÜTTE über den bis zum satirischen Klischee gesteigerten Typus des autoritären, machtgeschützten, machtdienlichen Beamten, den Kurras verkörperte.

 

Besonders eilfertige Überzeugungstäter sehen ihr Ressentiment und dessen Verschwörungstheorie sogleich bestätigt, wonach die Stasi “mitgeschossen” habe und alles, was von dieser Initialzündung ausgelöst wurde, damit zumindest mittelbar “dem Osten” entstammt habe - von eben dort, wohin die West-Berliner Mobgesinnung am liebsten die revoltierenden Studenten abgeschoben gesehen hätte. So kann man jetzt alles (aber auch alles!), was unter dem Label “68” & “Achtundsechziger” im Zuge einer weltweiten Protestbewegung in der damaligen Bundesrepublik aufgerührt, aufgewühlt und letztlich substantiell verändert wurde, als ferngesteuerter Mummenschanz der DDR-Stasi zuschreiben und damit nachhaltig entsorgen, bzw. nachträglich diskreditieren - im Dienste dessen, was sich heute “das bürgerliche Lager” nennt.

Hans Leyendecker in der SZ v. 28. 5. 09 geht aber, nach Lektüre der Stasi-Akten, davon aus, dass man in Ostberlin über die Tat des eigenen V-Manns damals ebenso irritiert war, wie alle Welt jetzt und von einem “sehr bedauerlichen Unglücksfall“ und sogar von Mord gesprochen hat. Lebenslauf & Porträt, das seine Nutznießer von ihrem Topagenten im polizeilichen Staatsschutz der Berliner Polizei nach seiner Tat entwarfen, war offensichtlich kenntnisreicher und analytischer, als je einer es im Westen auch nur versucht hätte.

Nebbich: als “Abschöpfer” ihrer “Topquelle an der Quelle” (Leyendecker) wusste die Stasi auch, welchen Charaktereigenschaften und Obsessionen sie die sprudelnden Nachrichten aus dem innersten Zirkel des Feindes verdankten: einem Musterbeispiel des autoritären Charakters mit der Obsession eines schießwütigen Waffenfetischisten, der für seine unter Westberliner-Kollegen nicht unbekannt gebliebenen Passion insgeheim Kopf & Kragen riskierte, um von seinem “Judaslohn“ als Verräter sich “monatlich für 300 bis 400 Mark Munition” kaufen zu können, wie die Stasi bemerkte - nicht aber seine westberliner Dienststelle.

Beide waren offenbar mit einer Person hoch zufrieden, deren Charakter-Typologie Klaus Theweleit, Herbert Marcuse und Alexander Mitscherlich beschreiben hatten und die in verwandten Exemplaren sich als freche, arrogante Angeklagte zwei Jahre zuvor im Frankfurter Ausschwitzprozess öffentlich gespreizt hatte. Wer jetzt das jüngste Bild, das dem Artikel Leyendeckers beigegeben ist, von dem 82jährigen Rentner Kurras betrachtet, der mit erhobenem Bierglas und einer Futterstulle in einem Berliner Biergarten dem Fotografen zuprostet, sieht auf einen Täter, der sowohl skrupel- als auch sorgenlos seine Pension verzehrt.

War der schuldlose Tod Benno Ohnesorgs während des “Polizeistaatsbesuchs” des Schahs und seiner polizeilich ungehindert prügelnden “Jubelperser” im von der Springer-Presse auf Studentenpogromstimmung aufgewiegelten West-Berlin ein hinreichender Grund zur massenhaften Empörung, so erst recht die Tatsache, dass die West-Berliner Polizei und Justiz den Todesschützen schützte und er aus mehreren Prozessen straffrei hervorging.

Von einem politischen Mord und einer politischen Justiz, die ihn deckte, durfte danach nicht mehr gesprochen werden. Auch jetzt noch nicht, da darüber spekuliert wird, wie man mit Kurras polizeilich und juristisch umgegangen wäre, hätte man damals schon gewusst, was man heute erst weiß: - und dies nur Dank einer (ost)deutschen Bürokratie, deren penible Dokumentation aller ihrer (geheimen) Aktivitäten eine genuine Mentalitätseigenschaft der deutschen Untertanengesellschaft im 20. Jahrhundert gewesen ist.

Dabei ist allein die Vorstellung, die Berliner Justiz hätte über Benno Ohnesorgs Todesschützen Kurras im Wissen von dessen gleichzeitiger Stasi-Agentenschaft urteilen müssen, von einer unüberbietbaren Absurdität (um nicht zu sagen: Unvorstellbarkeit), wenngleich sie ja, wie wir erst heute wissen, exakt den Fakten entsprach.

Die Stasi hat diesen Fall befürchtet und deshalb in ihrer berufsbedingten Paranoia sogar zeitweise vermutet, der BND habe ihr mit Kurras einen Kuckuck ins Nest gesetzt: einen “Agent provocateur” - also eben das, was ihr heute von einigen journalistischen Paranoikern und politischen Provokateuren und tagesaktuellen Ideologen unterstellt wird!

Widerspruchsfreie Dienstfertigkeit diesseits und jenseits “der Mauer”

Wenn man aber den ungesühnten Tod Benno Ohnesorgs im Lichte unserer jüngsten Erkenntnisse über den West-Berliner Staatsschützer und zeitgleichen Ost-Berliner Stasi-Spitzel Kurras betrachtet, schießt in dieser historischen Konstellation ein zutiefst symbolisches Bild zusammen: Kurras war bis zum satirischen Klischee gesteigert eben jener Typus des autoritären, machtgeschützten, machtdienlichen Beamten, der zur instrumentellen Verfügung & Zufriedenheit seiner beiden Dienstherren die schmutzige Arbeit verrichtete gegen alle, die gegen die “Ordnung” protestierten oder sich ihr nicht fügten, deren willfähriger, skrupelloser und gedeckter Repräsentant er war.

Der Skandal, den die jetzigen Erkenntnisse über den “doppelten Kurras” provoziert, ist nicht seine SED-& Stasi-Mitgliedschaft; sondern seine doppelte & widerspruchsfreie Dienstfertigkeit diesseits und jenseits “der Mauer”.

Wenn etwas aus Kurras‘ Pistole auf den zusammengeschlagenen, wehrlosen, unschuldigen Benno Ohnesorg “mitgeschossen” hat, dann war es der Typus des deutschen Gewaltbeamten, der zwölf Jahren nach Kriegsende im zwar politisch geteilten, aber darin faktisch vereinten Berlin eine fortdauernde Präsenz und seinen Gebrauchswert für die politische Macht besaß.

Gegen diesen mordbereiten “Muff von tausend Tagen”, gegen diese Vergangenheit, die nicht vergangen war, richtete sich der studentische Protest, deren erstes Todesopfer Benno Ohnesorg wurde. Es waren nicht “Hitlers Kinder”, die auf die Straße gingen; aber sie gingen auf die Straße gegen Hitlers fortwesende Hinterlassenschaften: in der Politik & Wirtschaft, Polizei und Justiz, in Ost- & West-Berlin. In der Person Kurras blieb zusammen, was nach 1945 getrennt schien. Jetzt erst wissen wir es wirklich.

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