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Zur Tragödie von Winnenden

16.03.2009

Söhne im väterlichen Waffenhaus - Massenmord als Amoklauf

Der private Besitz und mögliche Gebrauch von Schusswaffen kann kein individuelles Menschenrecht sein, zumindest nicht in unserer Gesellschaft. Zumindest wäre nach den Vorfällen von Erfurt und Winnenden zu überlegen, ob diese staatlich erlaubte Form von individuellem Waffenbesitz nicht radikal eingeschränkt werden, bzw. untersagt sein müsste. WOLFRAM SCHÜTTE über Winnenden und die Folgen.

 

Zum ersten Mal las ich das Wort “Amok” und vom “Amok laufen” in Erzählungen, die in Südostasien spielten. Das sei eine lokale Besonderheit der Malaien, bei denen es gelegentlich vorkomme, dass einer völlig unvorhersehbar & grundlos “durchdrehe” und in einem “Blutrausch” Amok laufe und mit einem Messer oder Schwert wahllos auf Passanten einsteche, bis man ihn selbst “zur Strecke bringen” könne.

Ob Alkohol dabei eine Rolle spiele (also die “westliche Zivilisation”) oder es eine unerklärliche Form der “malaiischen Rasse“ sei (die als “besonders verschlagen“ bezeichnet wurde), ist mir nicht mehr erinnerlich. Ich nehme eher an, dass das rassistische Argument, dessen Deszendenz aus dem 19.Jahrhundert erkennbar ist, in diesen von Europäern geschriebenen Erzählungen zur “Erklärung” herangezogen wurde.

Von Amok laufenden Malaien habe ich schon lange nichts mehr gehört & gelesen. Dafür scheinen das exotische Wort und seine Adepten bei uns heimisch geworden zu sein. Denn was in den Zwanziger Jahren die Surrealisten als “acte gratuit” mit der Definition sakralisierten, der “surrealistische Akt” bestehe darin, “mit einem Revolver auf die Straße zu gehen und wahllos in die Menge zu schießen“, ist längst zu einer sporadisch auftauchenden Handlungsweise von Studenten und Schülern vor allem in den USA & Deutschland geworden - wie jetzt eben wieder in dem schwäbischen Winnenden.

Dabei unterscheiden sich diese Massenmorde grundsätzlich von jenen literarischen Manifestationen des individuellen “acte gratuit”, der (wie Wikipedia richtig definiert) eine “willkürliche Handlung” ohne Sinn oder nachvollziehbare Motivation bezeichnet, und in der modernen französischen Literatur von André Gide bis Albert Camus als symbolische Auflehnung gegen jede Art von Determinismus und Kausalität verstanden wurde. Bei Gide und Camus ist der Mord an einem Menschen Folge der Lust- oder Zwangshandlungen einer Person, bei der das Irrationale für einen Moment “spontan” alle rationalen Hemmungen außer Kraft gesetzt hat.

Der bewaffnete “Amokläufer” aber - so spontan sein Entschluss zur Tat ebenso sein mag wie in seinem Bewusstsein, sich nach voll- oder beendeter Tat selbst zu töten - geht dagegen ziel- & ortsgerichtet vor: indem er sich die Waffe(n) besorgt, sich diszipliniert und aufrüstet zur Kampfmaschine und sich seine Ziele & Objekte & Lokalitäten aussucht.

Der „Amokläufer“ als Selbstmordattentäter


Er ist also ein Selbstmordattentäter, der sich von dem mittlerweile
weltweit epidemisch grassierenden gleichnamigen Typus dadurch unterscheidet, dass ihm der religiös-politische islamitische (Rechtfertigungs-) Hintergrund fehlt. Aber aufgrund seiner Zielobjekte - Mitschüler & -studenten, Lehrer und zufällig seinen Amoklauf kreuzende andere Opfer - scheint der Sinn und die Begründung seiner Tat aus seiner Biografie im Umkreis der von ihm gewählten menschlichen Objekte nachträglich erschließbar, wenn nicht auch aus seinen sonstigen Hinterlassenschaften und vorausgegangenen Handlungen.

Außerdem legten die meisten dieser Amok laufenden Selbstmordattentäter (wie auch ihre islamitischen Pendants) Wert darauf, der schockierten Nachwelt “rational” zu erklären, was sie zu ihrer Tat determinierte. Unmittelbar vor ihrer Tat, die in jedem Fall dem Hass entspringt, haben sie das Bedürfnis, ihre anschließend begangene Überschreitung ins Irrationale zu begründen: als Opfergang & Strafaktion, die sie vor sich rechtfertigen.

Die “Öffentlichkeit” der unmittelbar und mittelbar von dem Massenmord betroffenen Nachwelt dieser Täter sucht, sofort nach dem Schock des “unfassbaren” & “unerklärlichen” Geschehens, ebenfalls die Tat sich selbst zu “erklären”.
Denn deren größter Skandal, nach dem grauenvollen Geschehen, ist die Angst vor dem metaphysischen “Horror vacui”, nicht zu einer “schlüssigen”, “verständlichen” Begründung im Verhalten des Täters zu gelangen - so schmerzhaft, vorwurfsvoll, gar “halbwegs nachvollzieh- oder begründbar” seine Tat dann auch sein mag für Eltern, Verwandte, Polizei, Medien etc. Nur dann, wenn die Kausalität in der Psyche und dem Handeln des Täters schlüssig erkennbar scheint, könnte über individuelles und kollektives Versagen, Unterlassungen, Verhinderungen ein Sinn ermittelt werden, der darin besteht, möglicherweise durch daraus gewonnene Erkenntnisse vorbeugend eine ähnliche Tat künftig zu verhindern. Wenn dies auch eine Chimäre wäre, so simulierte sie doch ein gewisses Maß an kollektiver Sinn-Sicherheit beim Vollzug der daraus abgeleiteten Konsequenzen. (Bis zum nächsten Mal.)

Da die meisten solcher Amok laufenden Selbstmörder bisher Wert darauf legten, ihren vermeintlichen Heroismus als Massenmörder subjektiv-sentimental im www. zu begründen, hat nun auch die Öffentlichkeit aus Politik und Medien reflexartig befriedigt auf das angebliche, so schlüssig in das bekannte Argumentationsmuster passende Selbst-Bekennerschreiben des Winnendener Amokläufers reagiert und es (wie üblich) kommentiert.

Was aber geschieht, wenn sich jetzt - wie es sich anzudeuten scheint - herausstellt, dass es sich dabei um eine Fälschung handelte? Und wenn es so wäre: wer hat sie warum ins Internet gestellt?

Wenn es aber im Falle des Winnender Amokläufers kein solches Dokument gäbe und auch sonst keine schriftlichen Zeugnisse, aus denen erschließbar wäre, was ihn zu dieser Tat “motivierte” oder (vorsichtiger gefragt) motiviert haben könnte - was dann?
Bedeutete es die erkenntniskritische Kapitulation vor den “Natural Born Killers” (Oliver Stone), deren sporadisches Auftreten sei´s als anthropologische Konstante des metaphysisch Bösen, sei´s als Kollateralschaden unserer permissiven westlichen Zivilisation im Bereich ihrer schulisch-universitären Disziplinierungsbereiche hingenommen werden müsste?

Der private Besitz von Schusswaffen kann kein individuelles Menschenrecht sein

Da es sich aber buchstäblich um “Waffengänge” handelt, die dem Täter eine absolute Suprematie über Leben & Tod erlauben (“Einmal lebt ich wie Götter / und mehr bedarfs nicht”, spricht Hölderlin), wäre ja (neben den vielen Fragen) die naheliegendste Überlegung, ob es sich in Deutschland, wo man so leicht an Waffen nicht herankommt wie in den USA, einen Zusammenhang von väterlicher Waffenliebe und der Täterschaft des nicht als Waffenliebhaber auffällig gewordenen Sohns handelt. Bislang sind ja als Amok laufende Selbstmordattentäter gerade nicht eingetragene, aktive “Sportschützen” tätlich geworden.

Da ich nicht weiß, wer - aufgrund welcher Kriterien - als Schusswaffen-Liebhaber zu deren vielfachen Privat-Besitz legitimiert ist (und damit das staatliche Gewaltmonopol bei Schusswaffen potentiell außer Kraft setzen kann), wäre zumindest nach den Vorfällen von Erfurt und Winnenden zu überlegen, ob diese staatlich erlaubte Form von individuellem Waffenbesitz nicht radikal eingeschränkt werden, bzw. untersagt sein müsste - zumindest dann (so grotesk das sein mag), wenn neben den Waffen auch noch ein Sohn im Hause ist.

Oder: wer der exzentrischen Erotik des privaten Schusswaffenbesitzes anhängt und sein individuelles Vergnügen im Besitz unterschiedlich-vielfacher seiner Fetischobjekte sucht und findet, dürfte nur dort die Gelegenheit zu deren Gebrauch haben, wo andere diesem “Hobby” auch nachgehen: in einem Schützenverein. D.h. Waffen und Munition müssten an getrennten Orten verwahrt und nur in Anwesenheit Dritter zum Gebrauch vereint werden: im Schützenverein.

Die massenmörderischen Vorfälle von Erfurt und Winnenden - unabhängig von den Fragen nach den Täter-Profilen & -Motivationen - konnte nur zustande kommen, weil individueller Waffen- & Munitionsbesitz am selben häuslichen Ort den Tätern den direkten Weg zu ihren Amokläufen ermöglichten.

Wenn man also jetzt von wirkungsvoller Prävention spricht, müsste sie vor allem die Möglichkeit eines solchen Massenverbrechens im engsten faktischen Bereich erschweren, bzw. unmöglich machen. Der private Besitz und mögliche Gebrauch von Schusswaffen kann ja kein individuelles Menschenrecht sein, zumindest nicht in unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft aber hat die Pflicht, das Menschenmögliche zu tun, um Massenmorde unmöglich zu machen, die einzig & allein dadurch möglich werden, dass waffenfetischistische Väter nicht jederzeit die Gewähr dafür geben, dass ihre Söhne keinesfalls mit den väterlichen Gewehren und Pistolen Amok laufen.

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