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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 09:44

     

    Rumor um Kehlmanns "Ruhm"

    23.02.2009

    Szenen aus der jüngsten Literaturbetriebswirtschaft

    Das terminierte Publikationsverbot durch die Verlage gehört zu einem Marketing-Konzept, das die Kritik dressiert & instrumentalisiert - Ziel ist die werbliche Synergie eines Massenstarts, der das Buch auf breitester Front in aller Munde und vor aller Rezensions-Leser-Augen versetzt und sich im besten Fall zu einer Bekanntheitslawine verdichtet, deren Kenntnisnahme keiner ausweichen kann. WOLFRAM SCHÜTTE über die Vermarktung von Daniel Kehlmanns Ruhm und die Klage des „Rowohlt“-Verlages gegen den „Spiegel“.

     

    Eine Reminiszenz aus dem Jahre 1988: Als ich, damals Literaturredakteur der FR, die Liste der von mir zur Rezension vorgeschlagenen Neuerscheinungen an die Mitarbeiter verschickte, war ich erstaunt, dass sich um den Titel Die letzte Welt des nach seinem unauffälligen Debüt Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984) weithin unbekannten österreichischen Autors Christoph Ransmayr die Namen der meisten Mitarbeiter sammelten. Alle wollten das in der “Anderen Bibliothek” Hans Magnus Enzensbergers erscheinende zweite Buch des Neulings besprechen, dessen Debüt in einem österreichischen Verlag kaum einer bemerkt hatte.

    Dieses sprunghafte Interesse, dem ja keine vorlaufende Kenntnis & Wertschätzung zugrunde lag, machte mich stutzig. Woher kam das unerwartete Interesse & das Fieber, als Rezensent dabei zu sein? Deshalb nahm ich mir vor, das von so vielen favorisierte Buch selbst in Augenschein - und in den Urlaub, fern von den laufenden Ereignissen der deutschen Literaturkritik, zu nehmen und in Ruhe zu lesen und dort zu rezensieren.

    “We were not amused”, d.h.: es wurde eine negative Kritik. Kurz nachdem sie veröffentlicht war, rief mich der mir persönlich nicht bekannte SZ-Kritiker Joachim Kaiser an, um von mir zu erfahren, warum er als Konservativer und ich (der solcher literarischen Neigung nicht Verdächtige), als einzige dem erstaunlichen Bestseller-Erfolg von Buch & Autor nicht einen Lorbeerkranz gewunden hatten. Wir waren offenbar “die Dummen”. Waren wir die Dummen, die als einzige nicht erkannten, was doch alle anderen bemerkt hatten?

    Im Nachhinein wurde mir die Hymnensalve der deutschen Literaturkritik, die mit einem “Spiegel”-Porträt-Artikel zum Erscheinen des Romans eingeläutet worden war (ich war kein “Spiegel”- Leser), halbwegs erklärbar. Der als literarisches “Trüffelschwein” und Unseld-Ratgeber weithin geschätzte Herausgeber der “Anderen Bibliothek” und sein Verlag hatten in einem neuartigen Akt der vorauseilenden Flüsterpropaganda im Netzwerk des Literaturbetriebs Die letzte Welt als “Meisterwerk” der Moderne annonciert - und wer sollte dem qualifizierten Urteil von HME, diesem ausgewiesenen Kenner im “Museum der modernen Poesie“, misstrauen & widersprechen, hatte er doch höchstpersönlich sich Ransmayrs Anderen Welt als deren Verleger angenommen?

    Es gibt offenbar so etwas wie eine autosuggestive Konformität des literarischen Urteils, wenn sie von der richtigen Stelle & Position ausgeht und als Schneeballsystem der gegenseitigen Infektion Erfolg hat. (Der Nachteil dieser Annahme ist ihre verschwörungstheoretische Unterstellung.) Sie trifft nicht immer zu & ihr Erfolg nicht immer ein. Das Objekt, das sie befördert, wird wohl das seine dazu beitragen müssen - nicht unbedingt in sich selbst, vielleicht sogar eher durch zeitsynchrone Attraktionen, die einer Erwartungshaltung bei Publikum & Kritik entsprechen. Soweit ich weiß, ist dem damals auf dem Markt “durchgesetzten” & etablierten Ransmayr - obwohl oder weil er danach bessere Bücher geschrieben hat - kein vergleichbarer Bestsellererfolg mehr beschieden gewesen.

    Wahn- & Schwachsinn der Instrumentalisierung

    An diese rund zwanzig Jahre zurückliegende Erfahrung sah ich mich jetzt erinnert, als ich den zeitgleich auftretenden Jubel vieler Rezensenten über Daniel Kehlmanns “Roman in neun Geschichten” namens Ruhm vernahm. Zwar hatte ich mir vorgenommen, das neue Buch des österreichischen Autors zu lesen, dessen Vermessung der Welt mir großes Vergnügen bereitet hatte („Das schöne Rätsel von Daniel Kehlmanns Erfolg“, TiMa 6.3.06), aber der Rowohlt-Verlag & sein logistisch ausgepichtes Marketing hatte den Rezensenten von “Titel-Magazin“ nicht für wert befunden, schon lange vor dem Erscheinen mit einem “Leseexemplar” (oder Fahnen?) anzufüttern.

    So entging ich aber auch der peinlichen Verpflichtung, eine Einverständniserklärung zu unterzeichnen, die mir unter Androhung einer mittlerweile von US-Filmverleihen bei besonderen Highlights üblichen astronomisch hohen Konventionalstrafe von 250.000 ¤ (!) untersagte, mein kritisches Urteil vor der Ankunft des Buches im Handel zu veröffentlichen.

    Dieses terminierte Publikationsverbot gehört zu einem Marketing-Konzept, das die Kritik dressiert & instrumentalisiert - und wie das Startband beim Grand National in Großbritannien die nervösen Rennpferde & ihre Jockeys zurückhält. Ziel solcher terminierten Publikationserlaubnis ist die werbliche Synergie eines Massenstarts, der das Buch auf breitester Front in aller Munde und vor aller Rezensions-Leser-Augen versetzt und sich im besten Fall zu einer Bekanntheitslawine verdichtet, deren Kenntnisnahme keiner ausweichen kann.

    Dem Verlag selbst aber erlaubt die zum Stillhalten verpflichtete Kritik, wie jetzt in der FAZ geschehen, zur Förderung der Neugier vorab einen Appetizer aus dem Roman zu platzieren, der mit einem ausführlichen Interview des Autors garniert ist, in dem er potentiellen Käufern wie Kritikern erklärt, wie man sein Buch zu lesen & zu verstehen habe. Die FAZ wiederum konnte damit (”exklusiv”) aller Kollegen- & ihrer Kundschaft annoncieren, dass eben eine unter ihnen ungleicher ist als alle Gleichen, die bei Strafe zum Stillhalten verdammt waren.

    Der um seine bislang dominanten Exklusivitätsrechte gebrachte “Spiegel”, der ja z.B. 1988 das Grand National für Ransmayrs Andere Welt vorab initiiert hatte, hat die marketing-logistische Bevorzugung der FAZ konterkariert, indem er seinen Literaturredakteur nach Wien zum Autor schickte, um vorgeblich ein Gespräch mit ihm zu führen, damit die dadurch als Porträt-Gespräch camouflierte Rezension des Buchs als erste und vor allen anderen zum Stillschweigen Vergatterten erscheinen konnte. Es war kein Verriss, sondern dessen Gegenteil: beste PR.

    Ist es auch Wahn- & Schwachsinn, auf den sich die “Kritik” der Printpresse ein- & wozu sie sich instrumentalisieren lässt, so hat er doch beidseitig Methode & Gewinn: sowohl für die journalistischen “Platzhirsche“ als auch für deren verlegerische Auffütterer. Rowohlt-Verlagsleiter Alexander Fest, der zum Erscheinen des Romans in Berlin ein Fest gab, zu dem alle wichtigen Rezensenten großzügig eingeladen waren (& nur eine unter ihnen hat´s vermeldet), sah sich schon dort gezwungen, bekannt zu geben, dass Rowohlt seinen selbstverpflichtungstreuen Medienpartnern, sprich: Literaturkritikern, Genugtuung verschaffen und gegen den hinterlistigen “Spiegel” vor Gericht ziehen werde. So wird sich demnächst ein Hamburger Gericht nicht mit Literatur - wie einst im Mephisto-Fall -, sondern mit deren optimaler Vermarktung beschäftigen & klären müssen, was ein Autorenporträt von einer Buchrezension unterscheidet.

    Während wir auf die Hamburger Gerichtsentscheidung warten & der Autor zu vielbesuchten Lesungen unterwegs ist, wird das Verlangen, am Ruhm Daniel Kehlmanns zu partizipieren, mit der Metakritik der FAZ-Stichwortgeberin Kehlmanns fortgesetzt. Felicitas von Lovenberg liest einigen Kritikern, welche kritischer als erlaubt waren, nachträglich die Leviten, weil sie “wie die Jungs auf dem Schulhof dem guten Schüler die Brille wegnehmen und drauftreten”. Aufgemerkt, also! Dieser Verwilderung der Sitten unter den bösen Buben der Kritik tritt die gouvernantenhafte Schulmeisterin der FAZ mit alle Entschiedenheit entgegen.
    Zur endgültigen Abrundung dieser Szenen aus der jüngsten Literaturbetriebswirtschaft hatte uns das gerade noch gefehlt.

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