TITEL kulturmagazin
Mittwoch, 29. März 2017 | 01:32

 

Ende einer Dienstfahrt nach Klagenfurt?

07.07.2008

Der versaute Betriebsausflug

WOLFRAM SCHÜTTE über die vielsagenden Reaktionen auf den in diesem Jahr besonders fernsehgerecht präsentierten Literaturwettbewerb rund um den Bachmann-Preis.

 

Nie bin ich, als ich es noch gekonnt, (ja: dem Mainstream folgend) sogar gemusst hätte, als Literaturredakteur der FR nach Klagenfurt zum sogenannten Bachmann-Preis-Lesen gefahren. Mir war der öffentliche Charakter vorlesender Autoren und damals noch ad hoc auf das gelesene literarische Fragment urteilender Kritiker vor Publikum zuwider. Physisch & psychisch zuwider, unseriös, eitel, entwürdigend. An dem verbalen Spektakel wollte ich noch nicht einmal als Zaungast teilnehmen, der über Gelesenes und Gesprochenes berichtete und beides auch noch einmal seiner Kritik unterziehen würde. Ich hielt die Veranstaltung für eine überflüssige, parasitäre, redundante Selbsterhöhung des Literaturbetriebs, in dem ich generell immer mehr Betrieb als Literatur erblickte.

Außerdem: Die durch Klagenfurt promovierte PR und das Ranking für Newcomer-Fragmente deutschsprachiger Literatur stand in gar keinem Verhältnis zur Breite, Vielfalt und Qualität der aktuellen Weltliteratur, die uns, dankenswerterweise umfassender als in jedem anderen Sprachbereich, die deutschsprachigen Verlage in Übersetzungen kontinuierlich vorlegen. Solange ich bei der FR war, erschien dort auch kein Bericht über oder aus Klagenfurt - außer der Meldung, wer dort welche Preise bekommen hatte.
Dies musste ich vorausschicken, um zu signalisieren, dass ich Partei bin und deshalb die jüngsten Hiobs-Botschaften der nach Klagenfurt gereisten Literaturkritiker mit Schmunzeln gelesen habe.

Nein, nicht mit Schadenfreude - die hatte ich, als vor ein paar Jahren eine Eingeladene mit einem genau auf die Kritikererwartung (und die der angereisten Verlagslektoren) synthetisch fabrizierten Text prompt den Hauptpreis gewann und damit der versammelten Mannschaft der Lesenden, Kritisierenden und Berichtenden den Spiegel vorhielt - und sie alle düpierte. Aber der Betrieb schluckt alles, auch seinen Sturz in eine abgrundtiefe Lächerlichkeit.

Jetzt aber, lese ich, ist das Österreichische Fernsehen, das seit Beginn (1977) in 3Sat den Wettbewerb sowohl überträgt als auch ihn ausrichtet, kräftig dabei, die Veranstaltung ganz & gar nach seinen “Format”-Wünschen zuzurichten. Und die schreibenden Zaungäste zetern darüber. Dass es einen mittlerweile allgegenwärtigen TV-Kultur-Moderator dazu erkoren hat, bei dessen ersten optischen Auftreten in der “Kulturzeit” ich als alter Cinéphiler suggestiv gezwungen war, Frankensteins Wiederkehr zu assoziieren, war wohl für die Literatur-Kritiker weniger erschreckend & irritierend, als die Versuche dieses “geckenhaften Kultur-Smalltalkers mit verschmitztem Habitus, durch menschelnde Zwischenfragen” das Vorlese- & Kritikritual “in eine zeitgemäße Fernsehtalkshow zu überführen”, wie Helmut Böttiger zornig in der SZ klagt.

Auch der österreichische Korrespondent der NZZ, Paul Jandl, war derart entsetzt, dass er das “Dienstbotenelend der Literatur” unter der Herrschaft des österreichischen Fernsehens so resümierte: “Wer in den letzten Jahren lautstark die Abschaffung des Wettbewerbs gefordert hatte, konnte sich einer empörten Aufmerksamkeit sicher sein. Was jetzt geschieht, kommt leise daher. Vielleicht schafft der Bachmann-Wettbewerb sich gerade selbst ab.” Denn auch die vorgetragenen Texte waren “von einem belanglosen Realismus”, aber dass die “Jury auf die vielen literarischen Unerheblichkeiten nicht mit Unmut reagierte” (wie sich Jandls wunderte), wird wohl vor allem daran gelegen haben, dass jeder der 7 Juroren zwei “Leichen im Keller” hatte, sprich: jeder seine beiden Wunschkandidaten unter den 14 Lesenden auf den Klagenfurter Parcours geschickt hatte.

Helmut Böttinger in der SZ hat aber am genauesten hingesehen: Da auch im Aufnahmestudio der Publikumsplatz um die Hälfte reduziert, also überfüllt war und “hexenkesselhaft verengt” das Publikum zur Ambientenstaffage gemacht worden war, habe sich “das Personal des Literaturbetriebs vor die Bildschirme im Café und im Freien zurückgezogen: Man schaute sich Klagenfurt in Klagenfurt am Bildschirm an”.
Wozu war dann der vom TV aus dem Saal gedrängte Literaturbetrieb überhaupt noch nach Klagenfurt gekommen?

Das war nämlich umso unsinniger, als die bislang viertägige “Veranstaltung auf zwei Fernsehtage komprimiert wurde, es keine freien Abende mehr gab und sogar das traditionelle Fußballspiel sowie das rituelle Baden am Samstag wegfielen”, maulte Böttiger. Dadurch aber “schienen die literarischen Texte wieder ein bisschen mehr in den Mittelpunkt zu rücken” - eine, wie ich finde, denkwürdige Feststellung, weil damit zugegeben wird, dass längst der ursprüngliche Anlass des Preis-Lesens zur Begleitmusik eines, wie Böttiger mit verzweifelter Offenheit preisgibt, “Betriebsausflugs der Literaturprofessionellen” geworden war: “Hier wollten alle guten Gewissens Zeit haben für Tratsch und Intrigen, neue Trends ausrufen, Debatten anzetteln, Beziehungen knüpfen, Nichtanwesende denunzieren und das Gefühl haben, wichtig zu sein. Wenn Klagenfurt kein Betriebsauflug mehr ist, kann man es vergessen”. Das habe ich immer geahnt; jetzt weiß ich´s, weil ein Verprellter in seinem Missmut den Offenbarungseid geleistet hat.
Wetten, dass er aber im nächsten Jahr wieder dabei sein wird - wie alle anderen Echauffierten auch?

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