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Mittwoch, 29. März 2017 | 01:32

 

Ist Hartmut Mehdorn ein Widergänger James Cagneys?

19.01.2008

Napoleonischer Bahnvorstand

Unvergesslich: ein sonntäglicher “Presseclub” der ARD, auf der Don Jordan, ein eher konservativer amerikanischer Journalist, vom DB-Bahnchef Hartmut Mehdorn als “Ihrem”, sprich: deutschen “James Cagney-Verschnitt“ sprach! Freundliches Lächeln in der Runde, von der die meisten wohl nur verstanden, dass der Amerikaner etwas Abfälliges über den kleinen bulligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Bahn-AG sagen wollte. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Wer kannte von den meist jüngeren Teilnehmern schon noch den Hollywood-Star der Dreißiger- & Vierziger Jahre, sah ihn gar vor sich: als treffende Folie für seinen deutschen Widergänger ? Wer von den politischen Journalisten wusste gar, dass James Cagney neben Edward G. Robinson der bekannteste Darsteller brutaler Gangsterbosse war - u.a. in “The Public Enemy” (1931), wo er seiner Geliebten beim morgendlichen Frühstück eine halbe Grapefruit ins schöne Gesicht drückte, weil sie etwas gesagt hatte, das ihm nicht gefallen hatte; oder z.B. in Fritz Langs “White Heat”, wo er am Ende auf einen kugelrunden riesigen Gasbehälter flieht, der in die Luft fliegt?

Cagneys Spezialität als “the man you love to hate” war das unkontrolliert-neurotische, zwischen Brutalität und Sadismus changierende Charakterbild des misstrauisch-heimtückischen Gangsters als unberechenbares Energiebündel.Nun wollte Don Jordan - ein seriöser, wenn auch gelegentlich zynischer Konservativer - den deutschen Bahnchef gewiss nicht mit den Rollen identifizieren, die Cagneys Ruhm begründeten wie nichts sonst, was er danach noch an Harmloserem gespielt hat, um sich (erfolglos) von diesen frühen Prägungen seiner öffentlichen Erscheinung zu entfernen. Aber wer Cagney sagt, meint diesen “Public Enemy” und andere Gangster.

Es ist die physiognomische Ähnlichkeit des Verkniffenen, die Kleinwüchsigkeit und der damit verbundene “Napoleon-Komplex” zum großen Auftritt, die Don Jordan zu seiner blitzhaften, genialen An- oder sogar Einsicht in einen deutschen Charakterdarsteller verhalf, der mit fast jedem öffentlichen Auftritt als Bullbeißer es ganz offensichtlich liebt, gehasst zu werden, wenn er nur auch dadurch gefürchtet wird.

Als Aufsichtsratsvorsitzender der (noch) bundeseigenen Bahn-AG hat Mehdorn keine Chance versäumt, sich als ein Napoleon zu profilieren, der auf dem Kriegs-Feld der neoliberalen Wirtschaft seinen Führungsanspruch gegenüber Politikern, Gewerkschaften und der kritischen Presse zu artikulieren und rücksichtslos durchzusetzen versteht - wie der von Schlacht zu Schlacht eilende Korse, der ja nur ein europäischer Despot sein wollte, während Mehdorn sich als Global Player fühlt (& es halbwegs ja auch ist). Im Laufe seines unaufhaltsamen Aufstiegs zu einem rabiat-brutalen Wirtschaftsführer, der kein Pardon kennt, hat der kleine Mehdorn längst den immerhin gut aussehenden, mit seinem Victory-Zeichen immer lächelnden, eher öffentlichkeitsscheuen (freilich auch Schweizer) Josef Ackermann vom Spitzenplatz des verhasstesten Kapitalisten verdrängt.

Hartmut Mehdorn, dessen Vorname wie sein existenzielles Programm klingt, hat sich damit “Viel Feinde” geschaffen, aber statt “viel Ehr´” wenig Ehre gemacht. Denn selbst jenen, die z.B. in der Presse (wie der neoliberale Marc Beise, Wirtschaftsressortleiter der SZ) das taktische Geschick, die Konsequenz, die Intentionen und die Ziele des Berliner Condottiere bewunderten und ihn auf seinem Weg zur Vollprivatisierung von Staatseigentum unterstützten, ist der Cagney-Typus mittlerweile nicht nur unheimlich geworden, sondern auch mehr als peinlich, nämlich schädlich. Schädlich für das öffentliche Ansehen kapitalistischer Wirtschaftsführer. Mehdorns “brutalstmögliche” Offenheit bei seiner Machtausübung entstellt nämlich bis zur Kenntlichkeit des Wölfischen, was diese anderen Kreidefresser auf subtilere, verdeckte Weise doch genauso zu erreichen suchen, indem sie lammfromm von notwendigen “Reformen” oder “Zugzwängen” im angeblich “öffentlichen Interesse” säuseln und doch nur ihre Schäfchen für den “Shareholder-Value” ins Trockene bringen.

Mehdorns Eitelkeit ist, seit die GDL es wagte, ihm und seinen Trixereien sich zu widersetzen und sie mit keinem seiner probaten und infamen Mitteln klein zu kriegen war, nun zu einem demonstrativen Ego-Trip angewachsen. Das ist ein unzeitgemäßer Luxus persönlicher Leidenschaft, die im kapitalistischen Arbeitskampf, den Mehdorn diesmal nicht wie bisher kontrolliert korrumpieren und gewinnen konnte, nun eine persönliche Beleidigung und Demütigung erblickt, weil der bislang Allmächtige von dem farblosen Verkehrsminister Tiefensee - ausgerechnet von diesem! - offensichtlich gezwungen wurde, einen Kompromiss mit der GDL abzuschließen.

Wie sehr der “Goliath” Mehdorn diesen politischen Kompromiss mit dem “David” GDL als persönliche Beschädigung seines Egos empfunden hat, hat er - neurotisch und rachsüchtig wie bester Cagney - sofort nach seiner erpressten Unterschrift unter das Verhandlungsergebnis bekannt gemacht. Der Abschluss werde von seiner Seite zur Folge haben: Stellenabbau, Standortverlagerungen und höhere Fahrpreise. Abgestraft sollen damit alle werden, die ihm bei seinem letzten Feldzug gegen den David GDL nicht gefolgt sind: die widersetzlichen Lokführer, die übrigen Bahnbeschäftigten, die eingeknickten Politiker und vor allem auch alle Reisenden, die zuvor in überwältigender Mehrheit mit der GDL sympathisiert hatten. Hier spricht die Rache, indem sie von verbrannter Erde träumt - oder um einen Cagney-Filmtitel abzuwandeln, “Public as enemy“ behandelt.

Ein Mann von Ehre an Hartmut Mehdorns Stelle hätte, wenn er den Kompromiss für eine solche Katastrophe hielte, seinen Hut genommen - erst recht, nachdem er von allen Seiten nach seinem Wut-Ausbruch des falschen Zeugnisses bei seinen Katastrophenrechnungen geziehen wurde. Aber Mehdorn, der nie damit gegeizt hat, wenn es um die maximale Erhöhung seines Gehalts und das seiner engsten Satrapen ging, ist großzügig nur, wenn es um die Ehre seines öffentlichen Ansehens geht. Es ist ihm wurscht.

Ehrgeizig also verfolgt er seine Privatisierungspläne weiter - wie der Korse auch nach seinem Waterloo weitergemacht hätte, wenn er noch Mitkämpfer hätte rekrutieren können. Auch James Cagney, in seinen besten Rollen, hat bis zum ultimo um seine Macht gekämpft. Don Jordan konnte nicht ahnen, wie weitsichtig seine spontane Assoziation war.

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