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Der Walkürenritt auf einem Bambi: Courage!

03.12.2007

Frank Schirrmacher liebt Tom Cruise als Stauffenberg

Der Eindruck, die Scientology-Industrie habe jüngst in Frank Schirrmacher, dem einzig bekannten, weil omnipräsenten FAZ-Herausgeber, ein prominentes Mitglied in Deutschland geworben, ist sicher falsch. Zutreffend aber, dass Schirrmacher sogar mit dem Teufel paktieren würde, wenn & weil es darum geht, das “Heilige Deutschland” (v. Stauffenberg) durch die Tat & den Tod des Hitler-Attentäters vor & in aller Welt doch noch gerettet zu sehen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Besonders, wenn der “Teufel” ein so charmanter, gut aussehender und nachdenklich wirkender Hollywoodstar & bekennender Scientologe wie Tom Cruise ist, dem aufgrund seiner Mitgliedschaft in der gehirnwaschenden Sekte zunächst die Dreharbeiten für seinen selbstproduzierten Spielfilm “Valkyrie” an den Originalschauplätzen von Stauffenbergs letzten Stunden, im Berliner “Bendler Block”, verwehrt worden waren.

Das (oder müsste man eher fragen: wer?) rief aber Frank Schirrmacher auf den Plan, wider eine Welt von Denkmalspflegern, überlebenden Familienangehörigen und Scientology-Feinden mit aller seiner publizistischen Macht & seinen Verbindungen anzutreten.

Schirrmacher, der brillanteste Stratege sowohl im geschichts- als auch medienpolitischen Kampf um die ideologische Definitionsmacht nationaler Anliegen & Belange, eröffnete seinen diesmaligen Feldzug generalstabsplanmäßig am 8. Juli 2007 mit einem raffinierten publizistischen Vorstoß, setzte ihn dann als “embeddeter” journalistischer Begleitmusiker der Berlin-Babelsberger Dreharbeiten von “Valkyrie” fort und führte ihn eben jetzt, als Laudator von Tom Cruise, dem Schirrmacher in Tateinheit mit dem Medienmogul Herbert Burda den “Bambi“-Preis “für Courage“ zusprach, zu einem vorläufigen Sieg an allen Heimatfronten.

Wenn auch die Wunderwaffe - der Film - noch gar nicht gestartet und noch in Produktion ist, so besteht die “Courage“, zu deutsch der Mut des Tom Cruise nach Schirrmachers stetig angeschwollenem Lobgesang allein darin, sie überhaupt geplant zu haben und einsatzfähig machen zu wollen. Und wenn es die Propaganda fide des Nationalen verlangt, geht der mit allen Wassern eines Überzeugungstäters gewaschene FAZ-Herausgeber durch dick und dünn, um seinen Lobgesang auch noch auf der Bühne einer scheußlichen Bambi-Preisverleihung anzustimmen.

Gekonnt geblufft

Schirrmachers Überraschungsangriff am 8. Juli war in mehrfacher Hinsicht ein brillanter Coup. In seinem Artikel „Die unmögliche Mission“ musste und sollte jeder Leser erst einmal annehmen, der FAZ-Autor munitioniere aufs Vehementeste & Detaillierteste die Scientology- & Tom-Cruise-Feinde, indem er eine esoterische, kryptofaschistische Geheimorganisation beschrieb, die im Verborgenen nach der Weltherrschaft strebe und deren herausragender Agent der amerikanische Hollywoodschauspieler sei. Erst in der Mitte des Artikels, als der Leser in der Falle saß, ließ der geschickte Rhetor Schirrmacher feixend seine Katze aus dem Sack. Denn mit seiner eben beschriebenen Szenerie, erklärte er seinen verdutzten Lesern, habe er gar nicht Tom Cruise und die Scientology ins Visier genommen, sondern damit Stauffenberg und seine herausgehobene Rolle im avisierten „Dritten Reich“ des George-Kreises ins Fadenkreuz gerückt. Das war gekonnt geblufft.

Schirrmacher verdankte sein verschwiegenes, privilegiert-esoterisches Vorauswissen Thomas Karlaufs Stefan-George Biografie, deren Erscheinen und auszugsweisen Vorabdruck in der FAZ er erst rund einen Monat später mit Aplomb feierte. Vielleicht auch zum Dank dafür, dass er sich - ohne Hinweis auf die Herkunft seiner intimen Kenntnisse aus der damals noch nicht publizierten Arbeit Karlaufs – weidlich „bedient“ hatte, um damit die Cruise/Scientology-Feinde niederzukartätschen.
Denn wenn Stauffenbergs mutige Tat des „Tyrannenmords“ solchen geistigen Hintergrund und ein solches Movens hatte (oder sogar ihrer bedurfte?), warum sollten „wir“ uns darum scheren, wenn aus ähnlicher geistiger Verfassung & geheimbündlerischer Motivation der Scientologe Tom Cruise sich für Stauffenberg interessiert? Oder in Schirrmachers plain words: Den „wahren Stauffenberg dürfte heute Stauffenberg nicht spielen aus ideologischen und gesinnungsethischen Gründen. Man will einen Mann ohne Hintergründe, ohne Irrationalität, ohne Erdenrest. Wer weiß“, spekuliert der ins Heldische des Georgianers verliebte Schirrmacher, „vielleicht gibt uns ihn Tom Cruise zurück?“

Mit dieser absurden Mutmaßung, Stefan Georges Nachlaßverwalter und Stellvertreter in dessen „Drittem Reich“ werde „uns“ (vulgo: uns Deutschen) ausgerechnet von dem Scientologen Cruise in einem Hollywoodfilm zurückgegeben – weil „man“ (d.h. bei „uns“) einen Hitler-Attentäter ohne Stauffenbergs kryptofaschistische Eigenschaften „will“ –, begnügt sich Frank Schirrmacher aber nicht. Denn er ist Feuer und Flamme, Schild und Schwert für Tom Cruise und seine „Valkyrie“. Darüber sollte er einer staunenden Mitwelt am 2. September 2007 in der FAZ unter dem kryptischen Titel „Wir in ihren Augen“ - „uns“ die Augen öffnen.

“Embeddeter Begleitmusiker

Wie ein xbeliebiger amerikanischer PR-Journalist, der sich in der privilegierten Nähe dieser „Ikone der Gegenwart“ (Tom Cruise) sonnt & spreizt, weil er während der Dreharbeiten am Set zum exklusiven Berichten zugelassen wird und sogar in der Berliner Wohnung des Stauffenberg-Darstellers mit diesem „während eines langen Nachmittags über Hitler und Roosevelt, Speer und Major Remer“ plaudern darf und dazu „eine wirklich unfassbare und unvergessliche Torte serviert“ bekommt: so naiv, verschmockt & lächerlich tritt uns nun der FAZ-Herausgeber als willfähriger PR-Agent des „Valkyrie“-Drehs in den Babelsberger Studios – „dort, wo Goebbels das Dritte Reich in unseren Köpfen erfand“ – erneut entgegen.

Währenddessen (stelle ich mir lebhaft vor), hat die hochmögende Schar der FAZ-Filmkritiker ihr Haupt in Scham verhüllt. Sie hofft wohl inständig, dass „der Chef“ es auch zu seiner Sache machen werde, wenn „der ehrenwerte Film“ in die Kinos kommt, ihn über den grünen Klee zu loben und filmunkritisch in den Siebten Himmel zu versetzen - und nicht einen von ihnen zu diesem Fronteinsatz verpflichtet.

Dabei gibt es ja die Schirrmacherschen Direktiven schon längst, an denen man sich nur zu orientieren brauchte, recte: müsste: Der Regisseur Bryan Singer „gilt als einer der klügsten Regisseure Hollywoods“, der „geniale Drehbuchschreiber Christopher McQuarrie“ ist mit von der Partie und Tom Cruise ist „dem historischen Bildnis Stauffenbergs ungeheuer ähnlich“.
Kurz: Diese „Valkyrie“ muss siegen, damit das gescheiterte historische „Walküre-Unternehmen“ der 20. Juli-Verschwörer fortan als heroisches Bild Deutschlands lebe: in aller Welt und in Deutschland selbst.

Denn „Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen“, sagt der „Valkyrie“-Astrologe Schirrmacher, “Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte. Diese Veränderung wird eine Veränderung des Blicks sein, den das Ausland auf uns wirft und der uns verändern wird, ob wir wollen oder nicht“.

Und natürlich wollen wir das. Aber im Vorgefühl solch hohen Glücks, überkommt den Panegyriker eine denkwürdige Fehlleistung, wenn er fortfährt: „Es wäre jetzt, September 2007, an der Zeit, endlich anzuerkennen“ (statt zu erkennen), „was das Ausland, was neunzig Prozent der Zuschauer auf der Welt denken: dass bis 1945 jeder einzelne Deutsche an Adolf Hitler glaubte, ihn verehrte, seine Taten billigte und die Ermordung der europäischen Juden guthieß“. Gerade das aber wollen wir ja nun nicht mehr anerkannt wissen, sondern das Gegenteil – wo ja auch schon u.a. Hannah Arendt, als sie nach dem Krieg Deutschland besuchte, bis „auf einzelne Deutsche“ ein Volk von Widerstandskämpfern vorfand, das bis zuletzt erzwungenermaßen an der Seite des verhassten Hitler, dessen Taten es missbilligte und von der Ermordung der europäischen Juden nichts wusste, leidvoll ausharren musste - bis die mit offenen Armen begrüßten Alliierten es von ihm befreiten und die beglückten Deutschen den Tag der Totalen Kapitulation der Hitlerschen Fremdherrschaft am Ende seines Totalen Kriegs fortan nicht als „Zusammenbruch“ beweinten, sondern als „Tag der Befreiung“ bis heute feierten.

Aber das haben sie uns bislang nicht geglaubt. Wir in ihren Augen sahen anders aus. Das soll sich, wenn nicht alle Zeichen & Bildbearbeitungs-Wunder, deren Schirrmacher in Berlin ansichtig wurde, täuschen, jetzt gründlich ändern. Und zwar „mit den Mitteln des großen Kinos“, nachdem uns Florian Henkel von Donnersmark, der jüngste deutsche „Oscar“-Preisträger, unter Einsatz seines Adels des Geistes, in der FAZ erklärt hatte, „was es weltweit bedeutet, wenn ein Mann wie Tom Cruise Stauffenberg spielt“. Nämlich die „bedeutsame Entdeckung Hollywoods, dass es Menschen im Dritten Reich gab, die Hitler töten wollten“.

wiederholt bewundernder Liebesblick

Wenn also „ein Held der Gegenwart (...) in der moralisch düstersten Zeit der deutschen Geschichte einen Deutschen spielt, um dessen heldenhaftes Tun verständlich zu machen“ und selbst „Nina Stauffenberg, der so oft Vergessenen, in diesem Film, wenn nicht alle Zeichen trügen, die Gerechtigkeit Hollywoods widerfahren (wird)“ - was für eine grandiose Formulierung! -, dann wettet Schirrmacher, dass „dieser Film uns nicht nur eine Saison beschäftigen wird“.

Die Wette hat er schon jetzt gewonnen, da ihn ein Film beschäftigt, den es noch gar nicht gibt; und wenn er erst einmal da ist, wird Schirrmacher schon dafür sorgen, dass er uns laufend beschäftigt (wie er das mit „Dem Untergang“ schon vorexerziert hat.)
Aber viel wichtiger ist ihm „die Ahnung von der möglichen Wirkung dieses Films“, die ihn beim wiederholt bewundernden Liebesblick auf Tom Cruise „streift“: er „wird das Bild Stauffenbergs für Jahrzehnte und das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern prägen“. Umprägen, meint er.

Kurz: „Valkyrie“ wird - wenn nicht alle Zeichen trügen - wirkungsvoller als irgend ein anderer denkbarer Film vor (&nach?) ihm, offenbaren, dass wir in der Gestalt von Tom Cruise einen Stauffenberg hatten, der aller Welt zeigen wird, dass die Deutschen sich selbst von Hitler befreit hätten, wenn sie nur ein bisschen mehr Glück gehabt hätten. Und gut nur & umso besser, dass „Valkyrie“ uns den deutschen Helden nicht mit seinem Georgianischen Hintergrund & irrationalen Erdenrest vor Augen stellen wird, den hervorzukehren oder auch nur anzudeuten nicht im Sinne der nationalen Mythenbildung sein kann, deren theatralische Sendung sich Frank Schirrmacher in seinem Walkürenritt auf einem Bambi zueigen gemacht hat.

Wahrlich, er sagt es uns: von hier und heute geht eine neue Epoche der deutschen Welt-& Selbstdarstellung aus – und Dank Frank Schirrmacher können wir sagen, wir waren von Anfang an mit ihm dabei gewesen.

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