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Martin Mosebach & sein Fehlvergleich

07.11.2007

Katholik: 1x vom Teufel geritten

Eine brillante Rede also voll kluger Gedanken und amüsanter Spekulationen; schade nur, dass einen Augenblick lang den katholischen Melancholiker der dumme Teufel des Ressentiments dreist geritten hat. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Wenn man einen hochgebildeten Ironiker & katholischen Dandy, der sich allzu gern als “Reaktionär” betrachtet sehen will, zum Büchner-Preisträger macht und er höflich, wie er nun mal immer ist, sich dazu verpflichtet sieht (wie fast alle Preisträger), in seiner Dankrede sich mit dem Namensträger des angesehensten deutschen Literaturpreises zu beschäftigen, wird man gespannt sein dürfen, wie er sich dieser Peinlichkeit stellt oder entwindet.
Denn der atheistische Pamphletist des “Hessischen Landboten”, der 1834 “Frieden den Hütten! Krieg den Palästen!” ausrief, hielt auch als gescheiterter deutscher Republikaner in der französischen und Schweizer Emigration daran fest, dass es “materielles Elend und religiösen Fanatismus”, also “Eisen und Brod (braucht) - und dann ein Kreuz oder sonst was”, um “die abgelebte Gesellschaft zum Teufel gehen zu lassen”.
Das kann ja nicht ganz oder gar nach dem Geschmack Martin Mosebachs sein, der ja extra zu Gómez Dàvila nach Bogotá gefahren war - zum Oberguru des Reaktionären -, um persönlich dessen Segen zu empfangen.

Martin Mosebachs Büchnerpreisrede ist brillant, vielseitig & -gesichtig, kenntnis- & anspielungsreich, feinsinnig austariert und hochironisch, gespickt mit manchen versteckten Widerhaken, mit denen er sich der Herausforderung Büchners gestellt hat und der Peinlichkeit, einem Sozialrevolutionär huldigen zu müssen, entwunden zu haben glaubte. Derart mit subversivem Raffinement aufgebaut und formuliert war die Rede, dass die Darmstädter Zuhörer, die sich wohl alle nicht auf der kennerischen Höhe von Mosebachs ausgreifender Argumentation befunden hatten, sie nur sprachlos bestaunen konnten. Erst die Publikation in der FAZ drei Tage später, also erst beim Nachlesen löste sie Widerspruch aus, wozu womöglich nicht nur zwei problematische Volten Mosebachs, sondern erst recht die lakonische FAZ-Betitelung („Saint-Just. Büchner. Himmler“) ebenso beitrug, wie die rhetorische Vorspannfrage der FAZ: „Kann es Gründe für den Massenmord geben?“


Natürlich hat es immer “Gründe” für Massenmorde gegeben, zumindest bei allen Massenmördern in der Geschichte und der Gegenwart. Die richtige gestellte Frage wäre wohl eher: könnten Massenmorde moralisch gerechtfertigt werden? Eben das haben Massenmörder immer wieder versucht - wie der Jakobiner Saint-Just in Büchners “Danton”, wenn er “in einzigartig zukunftsträchtiger Deduktion” (Mosebach) den “Terreur” so begründet: “Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht”. Mosebach zitiert aus “Dantons Tod” und fährt dann nach dieser hegelianisch-naturwissenschaftlichen Begründung Saint-Justs fort: “Wenn wir diesen Worten nun noch das Halbsätzchen einfügten: '... dies erkannt zu haben, und dabei anständig geblieben zu sein...', dann wären wir unversehens einhundertfünfzig Jahre später, und nicht mehr in Paris, sondern in Posen, in Himmlers berüchtigter Rede vor SS-Führern”.

Der Historiker Heinrich August Winkler hat daraufhin im Deutschlandfunk mit Empörung von einer “Geschichtsklitterung” im “reaktionären” Sinne gesprochen, weil Mosebach, in dem er Saint-Just zum Vorläufer Himmlers erkläre, zum einen zwar totalitaristische “Ähnlichkeiten” der argumentativen “Denkstruktur” akzentuiert, zum anderen aber “den gewaltigen Unterschied” zwischen der “Perversion der Aufklärung” im “Terreur” und dem Kampf gegen die Aufklärung im “nationalsozialistischen Judenmord” kassiere. “Hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlicher herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten” (Winkler).


Christian Semler in der TAZ fragt sich über seine Zustimmung zu Winkler hinaus: ”Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkriegs, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazimordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die 'Diktatur im Namen der Freiheit', die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen?” - wobei er wohl “einen Atemzug” meinte, um den ihn seine Echauffiertheit über Mosebachs provokative historische Genealogisierung gebracht hatte. Man könne sich derartige politische Analogisierungen heute als Büchnerpreisträger erlauben und “ein Loblied” auf das Ancien Régime wider die Französische Revolution “singen“, meint Semler, wenn “man genügend Rückenwind verspürt”.
Nun sollte man einem „Reaktionär“ nicht ankreiden, wenn er seinem Selbstverständnis entspräche und öffentlich statt „Kreide zu fressen“ als „Reaktionär“ aufträte. Aber hat Martin Mosebach denn im Sinne von Talleyrands bekannter Bemerkung gesprochen, „die Süße des Lebens“ kenne nur, wer vor der (Französischen) Revolution gelebt habe? Nein.

Zwar ist es nicht ganz abwegig, wie mehrfach geschehen, zu mutmaßen, der literarische Anti-Avantgardist Mosebach sei aufgrund eines derzeit herrschenden konservativen „Rückenwinds“ zum Büchnerpreisträger promoviert geworden. Aber das sollte keinem erlauben, Mosebachs Darmstädter Rede mit den Augen des Ressentiments zu observieren, damit sich das Vorurteil über ihn erfülle.


Die Erregungsäußerungen des Historikers Winkler und des früheren KPDMLers Semler (TAZ), dem sein ehemaliger Parteigänger Lorenz Jäger, jetzt in der FAZ, daraufhin die Leviten gelesen hat (FAZ v. 1. 10. 07), haben aber bei ihrer Widerrede völlig übersehen, was die FAZ, ohne Mosebach zu verfälschen, als eine von dessen Argumentationen pointiert hatte: Saint-Just.Büchner.Himmler. Büchner als Zwischenglied von Saint Just zu Heinrich Himmler: das war Mosebachs provozierende These.


Denn der diesjährige Büchnerpreisredner hat „Dantons Tod“ im Lichte der gleichzeitigen (meist brieflichen) Äußerungen des Sozialrevolutionäres Büchner betrachtet. Zum einen, um die apodiktische Radikalität des (gescheiterten) jakobinischen hessischen Aufrührers kenntlich zu machen, den Mosebach als „ Früh-Kommunisten“ viel eher mit Robespierre & Saint-Just sympathisierend sieht, als mit dem apathisch-fatalistischen Hedonisten Danton; zum anderen aber, um die künstlerische Meisterschaft des Dramatikers Büchner zu akzentuieren, der ja kein Schillersches Ideendrama und auch, obwohl vielfach mit dokumentarischen Zitaten arbeitend, kein Kipphardtsches Dokumentarstück oder „episches Theater“ im Sinne Brechts verfasst hat – sondern, was Mosebach nicht sagt: der Dramatiker Büchner hat ein Revolutionsdrama in Shakespearschem Geist geschrieben, bei dem seine subjektiven, empirischen, politischen Ansichten in dem widersprüchlichen, vieldeutigen Ensemble des dramatischen Weltgeschehens von „Dantons Tod“ verdampft wurden.

Mosebachs strenge Scheidung in Büchner, den jakobinischen Sozialrevolutionär und Büchner, den Dramatiker und Volkspoesieliebhaber (von dem aus Mosebach über Brentano und den Darmstädter Niebergall bis zu dem Frankfurter Friedrich Stoltze einige amüsante lokalpatriotische Fußnoten setzt): - Mosebach nimmt den Namensgeber des Preises ernst – so ernst, dass er als Bourgeois dem in Büchners Namen in Darmstadt versammelten Publikum vor Augen stellt, dass die ganze heutige Preisverleihungsfestivität mit den revolutionären Intentionen des Robespierre- & Saint-Juste-Jüngers nichts zu tun hätte. So direkt hat, meines Wissens, kein Preisträger bisher die gesellschaftspolitische Radikalität Büchners je in Darmstadt als Menetekel der proletarischen Revolution beschworen: von Saint-Just zu Georg Büchner. (Jedoch hat Mosebach wohlweislich nicht erwähnt, wie Büchners Hass auf die „wohlhabende liberale Bourgeoisie“ recht geschürt wurde durch die sadistische Mitleidlosigkeit, der seine verhafteten Freunde in Deutschland ausgesetzt waren. Auch nicht, dass Büchners „Früh-Kommunismus“, als fundamentale Parteinahme für die Armen, mehr mit dem Frühchristentum oder Thomas Müntzer zu tun hatte, als mit dem Macht schützenden Katholizismus oder Karl Marx).

Um aber diese Horrorvorstellung eines totalitären Denkens in massenmörderischer Absicht, das ohne Zweifel „einzigartig zukunftsträchtig“ in Saint-Justs quasi naturwissenschaftlichen „Deduktion“ öffentlich geäußert worden war, besonders auf deutsche Art zu skandalisieren, vergriff Mosebach sich aber - und zwar, unterstelle ich: bewusst. Nichts kann man in Deutschland mehr diskreditieren, als wenn man es genealogisch mit dem Nazismus kontaminiert.


Wenn es aber eine historische Blutspur von Saint-Just und eine Zukunft für dessen weltgeschichtlich argumentierende Logik gibt, so führt sie, wie Mosebach natürlich weiß, zu Lenin, Stalin, Mao oder Pol Pot, nämlich zur „Dialektik“ des Historischen Materialismus bolschewistischer Prägung, der ja die Französische Revolution gewissermaßen das „Alte Testament“ der bürgerlichen Utopie bedeutet, der sie ihr „Neues Testament“ der „Diktatur des Proletariats“ mit angeblich „historischer Notwendigkeit“ folgen lassen wollte. Das ebenso Fatale wie Paradoxe an dieser Revolutionslogik war aber, dass beide politischen „Testamente“ universalistisch-humanistisch-aufklärerische Ziele hatten und sie (teilweise) sogar realisierten, wohingegen Himmlers Posener Geheimrede diametral entgegengesetzte Intentionen verfolgte. Sie war keine „Perversion der Aufklärung“ (wie Winkler Saint-Justs Argument nennt) und deren „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bleiben als Optative einer jeglichen humanen Grammatik der Gerechtigkeit bestehen, wohingegen der Nazismus ab ovo antihumanistische, anti-universalistische Gegenaufklärung war.


Hier hat Martin Mosebach eine infame Unredlichkeit begangen - wobei die Infamie, Büchner zum Vorläufer Himmlers zu machen, sich dem Sacrificium intellectus des Intellektuellen Mosebach verdankt, der dem Ideologen in sich nachgegeben hat, was umso unredlicher bei jemanden ist, der doch soviel auf seine differenzierte, tadellose Argumentation und seine „unideologische“ geistige Souveränität hält.


Deshalb hat der Historiker H.A. Winkler mit seiner Widerrede recht, wenn er von einer „Geschichtsklitterung“ und davon spricht, dass man die substantiellen Unterschiede pointieren müsste, statt die vermeintliche Ähnlichkeit zwischen Saint-Justs öffentlicher Rhetorik im Wohlfahrtsausschuss und Himmlers Posener Geheimrede im Kreis seiner SS-Truppe zu liquidieren.

Während Mosebach hier den Cordon sanitaire seiner intellektuellen Gratwanderung durchbricht und in die Brutalität eines bösartigen historischen Kurzschlusses verfällt, besitzt seine durchgängige „politischen Betrachtung von Lucilles letzten Worten“ die faszinierende Subtilität einer weit ausholenden, geradezu filigranhaften Reflexion über die Vieldeutbarkeit des poetischen Ausdruck.
Da ist & bleibt der Essayist Mosebach auf der Höhe seiner umkreisenden, akkumulierenden Argumentation, um Lucilles Ruf: „Es lebe der König!“ in seinem Wunsch-Sinne interpretieren zu können: als „knappsten Protest dagegen, dass Menschen zu Nichtsen gemacht werden sollen“.
Wenn ich auch denke, dass Lucille die konterrevolutionäre selbstmörderische Losung nur wählt, um im Tode mit ihrem zuvor guillotinierten Mann vereint zu sein - es ist gewissermaßen ein selbst herbei geführter Liebestod -, so kann ich doch Mosebachs spekulative Interpretation der Büchnerschen Dramaturgie als Lesemodell eines Enthusiasten der Melancholie verstehen. Ebenso gewitzt und voller gedanklichem Raffinement ist auch seine „poetische Betrachtung“ des Lucille-Ausrufs, von dem er mutmaßt, Büchner habe dessen „echte politische Absurdität“ in die „Nonsens-Wiege hineingebettet“ - aus der erst im 20. Jahrhundert die beim Namen genannte und breit rezipierte Nonsens-Dichtung und die Camussche „Absurdität“ erwachsen sind.

Eine brillante Rede also voll kluger Gedanken und amüsanter Spekulationen; schade nur, dass einen Augenblick lang den katholischen Melancholiker der dumme Teufel des Ressentiments dreist geritten hat. Aber: „Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste“ (A. Ostrowski) - besonders, wenn er seinen Emotionen zu sehr glaubt.

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