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    Der Peruaner Mario Vargas Llosa erhält den Literaturnobelpreis

    11.10.2010

    Super Mario

    Ein Stimmungsbericht aus seiner Heimatstadt Arequipa. Von JOSEF BORDAT

     

    Nobelpreise, so sagt man, sind für Wissenschaftler und Kulturschaffende so etwas wie Goldmedaillen für Sportler: die größte denkbare Auszeichnung, die Krönung der Karriere. Vor allem aber der Lohn für lange Jahre harter Arbeit unter asketischen Bedingungen. Wenn ein Sportler eine olympische Goldmedaille gewinnt, dann freut sich das ganze Land, und das Volk spricht voll Stolz von seinem neuen Helden. Das kollektivistische „Wir“, das sonst nur Kardinalskollegien hervorzulocken vermögen, macht in den Büros und Montagehallen die Runde: „Wir“ haben Gold geholt. „Wir“ sind Weltmeister. „Wir“ sind gedopt. Das Dorf, in dem der Identifikationsmagnat aufwuchs, steht für ein paar Tage Kopf. Man kennt das von den Live-Schaltungen in irgendwelche bayrischen 200-Seelen-Gemeinden, aus denen ein Rennrodler entsprungen ist. Dann werden die Kameraden aus dem Schützenverein interviewt und des Champions Cousinen beantworten Suggestivfragen. Ja, er war immer schon ein Schneller. Schon als Kind.

     

    Warum sollte die Analogie ausgerechnet hier aufhören, wenn es nicht um Rennrodler, sondern um Physiker, Ökonomen und chinesische Menschenrechtsaktivisten geht? Oder um Schriftsteller? Parallel zu „schnell“ liegt in Sachen Nobelpreis „schlau“. Ja, er war immer schon ein Schlauer. Schon als Kind. Das sagt man dann halt, wenn einem als Nachbarn die Mikrophone unter die Nase gehalten werden. Auch wenn man von der Sache so viel versteht wie der neue Preisträger vom Rennrodeln.

     

    Der neue Nobelpreisträger in Sachen Literatur heißt Mario Vargas Llosa und versteht vermutlich mehr vom Rennrodeln als der Durchschnitt seiner Vorgänger, schließlich war der Romancier und Essayist einige Jahre lang Sportreporter. Sein Lebensthema ist jedoch die Freiheit des Indivuums. Vargas Llosa kommt – wie meine Frau – aus der Stadt Arequipa im Süden Perus. Seit Donnerstag, als in den Morgenstunden die Kunde vom Nobelpreis publik wurde, feiert ein stolzes Peru seinen „Super Mario“. Besonders seine Heimatstadt. Es trifft sich gut, dass wir gerade hier sind. So feiern wir mit - „wir“ Nobelpreisträger. Die Titelseiten der Zeitungen, die sonst für Claudio Pizarro und seine Disko-Bekanntschaften reserviert sind, sprechen aus, was alle denken: „Wir“ sind stolz. „Wir“ sind Mario. Und ein ganz kleines bisschen sind „wir“ auch Nobelpreis. „Wir“ alle. Ich als freies Individuum bin eigentlich bloß froh, dass es mal jemanden getroffen hat, den ich kenne. Unter anderem deshalb, weil er auch Sportreporter war. Und weil er Bücher schreibt, die ich, wenn ich wollte, lesen könnte. Weil er einer ist, mit dem man gern mal ein Bier trinken würde. Und nicht Elfriede Jellinek.

     

    Nicht zweite, dritte, sondern echte Heimat

    Doch wen interessieren jetzt Bücher! Die Betonung liegt auf „-nobelpreis“, nicht auf „Literatur-“. Zumal in Arequipa. Die Vargas Llosa-Schulfreunde und Vargas Llosa-Verwandten oder die, die Vargas Llosa-Schulfreunde und Vargas Llosa-Verwandte kennen oder zu kennen glauben, reagieren ordnungsgemäß mit vertraulichen Anekdoten und der kohärenten Biographie. Ja, er hat immer schon Romane geschrieben, ja, er war immer schon ein kritischer Journalist, dem es um die individuelle Freiheit ging, ja, seinen ersten Essay verfasste er mit dreieinhalb Jahren. Di Feiheit des Indiwidums   – strahlend hält seine Kindergärtnerin die Titelseite in die Kamera. Jede Universität, in deren Mensa Mario schon mal war, spricht vom „ehemaligen Studenten Vargas Llosa“. Die etwas verwegeneren der Zunft nennen ihn „Ex-Professor“. Es gibt in Arequipa Niemanden, der mit „Super Mario“ nicht durch dick und dünn gegangen ist, damals, als er schätzungsweise 17 Schulen besuchte.

     

    Meine Familie macht da keine Ausnahme. Eine Tante exponiert mehr oder minder stringente verwandtschaftliche Beziehungen. Als klar wird, dass entweder sie sich irrt oder Gregor Mendel, wird aus dem Großonkel ein Schulfreund. Banknachbar in der Abschlussklasse. Immerhin. Angesichts der vielen „besten Freunde“, die Vargas Llosa in Arequipa hat, aber eher von unterdurchschnittlichem Imponierfaktor. Selbst der jüngste Spross der Familie, der mit Windeln und Schnuller über den Hof watschelt, ist von der Mario-Mania inspiriert: „Literaturnobelpreisträger“ ist das vierte Wort, das er jetzt sagen kann – nach „Mama“, „Papa“ und „Mobiltelefon“.

     

    Dabei ist das Verhältnis Mario Vargas Llosas zu seiner Heimat durchaus gespannt. Der Schriftsteller, Politiker und – endlich! – Nobelpreisträger, hat seinem Heimatland längst den Rücken gekehrt und den heimlichen Traum vieler seiner Landsleute realisiert: Er ist in die USA ausgewandert. Wegen der Freiheit des Individuums, sicher, doch auch, weil jenes peruanische Volk, das jetzt den Literaturnobelpreisträger „Super Mario“ bejubelt, einst dem Präsidentschaftskandidaten Vargas Llosa eine Abfuhr erteilte und seinen Konkurrenten, den Japan-Immigranten Alberto „Chino“ Fudjimori, an die Macht wählte, der, wie sich bald zeigen sollte, von Freiheit des Individuums nur sehr eingeschränkt überzeugt war. Doch jetzt – vom Nobelpreiskomitee und dem Alter milde gestimmt – bekennt sich Vargas Llosa zu seinem Land, das ihm in diesen Tagen zu Füßen liegt.

     

    Es ist schön, das peruanische Volk so feiern zu sehen. Vor allem die Menschen in seiner Heimatstadt Arequipa, die mir seit einer Dekade auch immer wieder Heimat bietet. Nicht zweite oder dritte, sondern echte Heimat. Bisher war es meine Familie, die hier die sozialen Beziehungen bestimmte. Doch jetzt weitet Vargas Llosa den Freundeskreis schneller als Facebook. Heute Abend bin ich verabredet: Eine von Marios Cousinen hält einen Vortrag: Identifikation und Individualität. Die Freiheit des Rennrodlers. Super.


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