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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 10:58

     

    Vor zwei Jahren starb Jörg Haider bei einem Autounfall

    11.10.2010

    Stockholm-Syndrom

    In den vergangenen Jahren war viel vom Stockholm-Syndrom die Rede, jenem erstaunlichen Phänomen, dass sich Opfer von Geiselnahmen in ihre Entführer verlieben. Es scheint, dass auch Politiker dazu neigen, für ihre Gegner mehr Sympathie als Abscheu zu empfinden. Was aber im privaten Rahmen einer Entführung als kurioses psychologischer Vorgang analysiert werden kann, ist im öffentlichen Bereich ein Ausdruck politischen Unverstands oder, im schlimmeren Fall, einer zynischen Wählertäuschung. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Als vor zwei Jahren die Nachricht von Jörg Haiders tödlichem Autounfall gemeldet wurde, zeigte sich der österreichische Bundespräsident, vor Antritt seines jetzigen Amts Sozialdemokrat, „tief betroffen“. Der damalige Noch-Bundeskanzler Gusenbauer, SPÖ, war „sehr betroffen“. Gusenbauers Nachfolger Werner Faymann zeigte sich "tief betroffen vom tragischen Ableben des Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider". Auch die Grüne Ewa Glawischnig war „betroffen über das Ableben von Jörg Haider“. Die sozialdemokratische Spitzenpolitikerin Gabi Burgstaller, die kurz zuvor dagegen protestiert hatte, Haiders Wähler ins „rechte Eck“ zu stellen, erklärte, trotz so mancher Auffassungsunterschiede sei für sie erkennbar gewesen, dass für Jörg Haider vor allem in sozialen Fragen der Mensch im Mittelpunkt seines Handelns gestanden habe.

     

    Und Salzburgs Burgstaller tremolierte über ihren Kärntner Kollegen, den sie als humorvollen, kommunikativen und engagierten Menschen mit vielen liebenswerten Seiten erlebt habe und an dem sie einen politischen Kollegen verloren habe, der vor allem die Fähigkeit gehabt habe, nach vorne zu schauen: "Mit Landeshauptmann Jörg Haider verliert Österreich eines der größten politischen Talente der letzten Jahrzehnte“. „De mortuis nil nisi bene“: dieser Grundsatz bedeutet Kapitulation vor der geschichtlichen Wahrheit. Wenn die posthume Wahlempfehlung aber zutrifft, fragt sich: Was spricht eigentlich gegen diesen Mann? Auch der Bundespräsident sieht in Haider einen „Politiker mit großen Begabungen“.

     

    Über Pietät, Fairness und Kritiklosigkeit

    Diese formalistische Betrachtung von Politik, die Talent und Begabung von den Inhalten und Zielen trennt, denen sie dienen, ist zutiefst unpolitisch, ja katastrophal. Es löst Empörung aus, wenn man Leni Riefenstahl angesichts ihrer nationalsozialistischen Propagandafilme künstlerisches Talent attestiert. Dem Bewunderer der nationalsozialistischen Beschäftigungspolitik und pflichtbewusster SS-Veteranen politisches Talent zu bescheinigen, gehört jedoch offenbar zum guten Ton.

     

    Was ist eigentlich die fünf Wochen davor allseits beteuerte „tiefe Betroffenheit“ über den Tod des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler wert, wenn der Tod Jörg Haiders dieselben Gefühle auslöst? Haben Worte im täglichen Gesülze überhaupt keine Bedeutung mehr? Fließen sie nur noch aus den Mündern wie Diarrhö aus den entgegengesetzten Öffnungen? Sind die Verteiler der Pressesprecher mit Versatzstücken gefüttert, bei denen nur noch Namen eingesetzt werden? Es soll ja gar nicht in Frage gestellt werden, dass Haider charmant gewesen sein mag. Das war auch Franz Josef Strauß und ist angeblich Berlusconi. Aber jenseits der Cocktailparty und der Kungelei aus den Fluren der Parlamente zählt das politische Handeln, nicht der persönliche Charme. Die Betroffenheitsfloskeln anlässlich des Todes von Jörg Haider sind ebenso unangemessen wie es die Panikattacken anlässlich seines Aufstiegs waren. Schlimmer noch: diese Reaktionen von seinerzeit wurden durch das Phrasentheater anlässlich des Tods von Haider als verlogene Schmiere, als schlechte Inszenierung und ihre Regisseure als unglaubwürdige Selbstdarsteller decouvriert. Für die Demokratie ist dieser Vorgang zumindest ebenso desaströs wie es Haider in all den Jahren seiner politischen Einflussnahme war.

     

    Man sollte Pietät und Fairness in der politischen Auseinandersetzung nicht mit Kritiklosigkeit verwechseln. Jörg Haider hat sich in seinen letzten Jahren staatsmännisch gegeben. Er hat Kreide geschluckt und in der Tat Forderungen formuliert, die jenen der Sozialdemokraten glichen. Aber er war für Österreich ein Unglück, und das wird durch einen Autounfall nicht ausgelöscht. Die 2008 tief betroffen waren und ihrer heimlichen Bewunderung für Haiders Talente keine Zensur mehr auferlegten, sind entweder seinen politischen Vorstellungen immer schon näher gewesen, als sie zuzugeben bereit waren, oder sie schielen nach Haiders Wählern. Oder aber, das ist die Alternative, sie sind politisch nicht nur talentlos, sondern Idioten.

     

    P.S.: Die Online-Ausgaben der beiden großen österreichischen Tageszeitungen haben ihre Foren zu Jörg Haider nach seinem Tod wegen „vieler pietätloser Postings“ gesperrt. Das entbehrt, angesichts der üblichen Postings, nicht einer gewissen pietätlosen Komik. Wo sonst die wüstesten Schimpforgien stattfinden, muss ausgerechnet der tote Haider geschützt werden. Die tiefe Betroffenheit schlägt Purzelbäume. Mittlerweile haben neue Fakten dem Heiligenschein Haiders etwas von seinem Glanz genommen. Doch der Mythos lebt weiter und meldet sich, wie der Geist von Hamlets Vater, gelegentlich zu Wort. Dass Haiders Erben nicht appetitlicher sind als er, ändert freilich nichts an der unheilvollen Rolle, die er in der österreichischen Politik gespielt hat und über seinen Tod hinaus spielt. Die Wahrheit ist immer noch der Pietät vorzuziehen, wo die europäischen Haiders an Einfluss zu gewinnen drohen.


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    Kommentar:
    Das ist genau meine Meinung! Der Tod löscht nicht die Taten der Menschen aus. Das hat mit Pietät nichts zu tun. Man muss die Dinge beim Namen nennen können.
    | von Andrea Kaiser, 11.10.2010

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