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Harold Pinter wäre heute 80

10.10.2010

Die Absurdität der Wirklichkeit

Als das Nobelpreiskomitee Anfang Oktober seinen Literaturpreisträger für das Jahr 2005 bekannt gab, reagierten die professionellen Kommentatoren überrascht. Nicht etwa, weil sie, wie in früheren Fällen, die Qualität des Werks angezweifelt hätten. Sondern weil es ihnen verwunderlich erschien, dass man sich ausgerechnet jetzt, mit einer Verspätung von Jahrzehnten, des britischen Dramatikers erinnert hatte, der in den sechziger bis achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als der bedeutendste unter seinen Landsleuten und einer der wichtigsten Dramatiker im internationalen Maßstab gegolten hatte. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Der 1930 in London geborene Harold Pinter wird gemeinhin mit dem „Absurden Theater“ in Zusammenhang gebracht. Dessen eigentliche Heimstatt war zwar, im öffentlichen Bewusstsein, Frankreich: Beckett und Ionesco wurden mit dieser einflussreichen Spielart des Dramas assoziiert, desgleichen Boris Vian und Arthur Adamov. Aber auch in anderen Ländern haben Dramatiker nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbare und doch eigenständige Varianten entwickelt. In Polen etwa S?awomir Mro?ek und Tadeusz Ró?ewicz, in der Tschechoslowakei Ivan Klíma und der spätere Staatspräsident Václav Havel, in den USA Edward Albee und in England eben Harold Pinter. Seine Stücke hoben sich deutlich ab vom Alltagsrealismus des so genannten „kitchen sink drama“, das seinerzeit die britischen Bühnen beherrschte. Stücke wie „Die Geburtstagsparty“ (1957), „Der Hausmeister“ (1959), „Niemandsland“ (1974), „Einen für unterwegs“ (1984) lösten heftige Diskussionen aus. Die Deutungsversuche überschlugen sich im Bemühen, das bewusst Mehrdeutige auf eine einfache Formel zu bringen.

 

Dabei ist, was bei Pinter als absurd erscheinen mag, oft weniger Ausdruck einer Ästhetik oder einer Philosophie als recht eigentlich die exakte Wiedergabe einer in der Wirklichkeit vorgefundenen und diagnostizierten Absurdität. Das rückt ihn eher in die Nähe von Havel und Mro?ek als in die von Beckett und Ionesco. Auch das Boulevardtheater des Londoner Westend hat bei Pinter seine Spuren hinterlassen. Insgesamt hat Harold Pinter rund dreißig Dramen geschrieben, ferner mehr als zwanzig Drehbücher – darunter „Der Diener“ und „Die Frau des französischen Leutnants“ – sowie zahlreiche Hörspiele. Er hat auch mehrmals bei eigenen und bei Stücken von Kollegen Regie geführt und gelegentlich als Schauspieler mitgewirkt.

 

Bisweilen erstaunlich drastisch

Neben seiner Neigung zum Hermetischen ist es ein grundsätzlicher Pessimismus, was Harold Pinter und sein Werk kennzeichnet. Martin Esslin, von dem die Bezeichnung „Theater des Absurden“ stammt, erzählte einmal, wie er mit Harold Pinter durch den Hyde Park spaziert sei. Pinter bemerkte: „Ein schöner Tag heute.“ Worauf Esslin fragte: „Also ist das Leben doch schön?“ Da meinte Pinter: „So weit würde ich nicht gehen.“

 

Diese Anekdote liefert einen zutreffenden Eindruck von der Haltung des Briten. Sie hat sich in politischen Stellungnahmen konkretisiert. Er wurde zu einem der heftigsten Kritiker von Margaret Thatchers Falkland-Krieg, der Bombardierung Serbiens durch die NATO sowie von Tony Blairs Irakpolitik. In einer Rede vor dem House of Commons sagte Harold Pinter im Oktober 2002: „Tatsache ist, dass Mister Bush und seine Bande wissen, was sie tun, und Blair, wenn er nicht wirklich der irregeführte Idiot ist, der er oft zu sein scheint, weiß auch, was sie tun. Sie sind ganz einfach entschlossen, die Welt und die Ressourcen der Welt zu kontrollieren.“

 

Solche Äußerungen haben dem vielfach preisgekrönten und mit mehr als einem Dutzend Doktorwürden geehrten Pinter nicht nur Freunde eingebracht. Ein Mitglied der Nobelpreisjury hat nicht allein wegen Elfriede Jelinek, sondern auch wegen solcher Statements von deren Nachfolger Harold Pinter unter Protest das Komitee verlassen. Das spricht freilich weniger gegen Pinter als gegen den Juror. Erstaunlich sind solche drastischen Töne dennoch. Das dichterische Werk Pinters lässt sie nicht unbedingt erwarten.

 

Eine Krebserkrankung hinderte Harold Pinter, den Nobelpreis persönlich entgegenzunehmen. Am Heiligabend des Jahres 2008 ist er seiner Krankheit erlegen. Und heute wäre er 80 Jahre alt. „Wie nah sind uns manche Tote, doch / Wie tot sind uns manche, die leben.“ (Wolf Biermann)


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