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    Freitag, 18. August 2017 | 20:10

    20 Jahre Deutsche Einheit

    02.10.2010

    Statt Urlaub Staatsgeschäfte

    Vierzehn Männer machen im Sommer 1990 Deutschland. Von JOSEF BORDAT

     

    Der 3. Oktober 1990 war der frühest mögliche Termin für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Dass es mit der Einheit zu diesem Termin geklappt hat, dass nicht einmal 11 Monate nach dem Mauerfall bereits der erste Tag der Deutschen Einheit gefeiert werden konnte, ist u. a. vierzehn Männern zu verdanken, die sich im Sommer 1990 zu zwei entscheidenden Verhandlungen zusammenfanden, den internationalen Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, an deren Ende der „Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland“ stand, unterschrieben am 12. September 1990 in Moskau, und den innerdeutschen Verhandlungen zum Abschluss eines Einigungsvertrags, der am 29. September 1990 unterzeichnet wurde. Statt Urlaub zu machen, saßen die Politiker in Konferenzzimmern und berieten über strittige Fragen, die der Einheit Deutschlands noch im Wege standen. Mit Erfolg, wie wir heute wissen und wie wir heute feiern.

     

    Zwei der Vierzehn waren an beiden Verhandlungen beteiligt, Bundeskanzler Helmut Kohl und der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière. Sie nahmen ihre Außenminister mit in die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, auf bundesdeutscher Seite Hans-Dietrich Genscher, auf Seiten der DDR-Regierung Markus Meckel, sowie je einen mit innenpolitischen Fragen vertrauten Berater mit in die Verhandlungen zum Einigungsvertrag; Kohl seinen Innenminister Wolfgang Schäuble, de Maizière seinen Parlamentarischen Staatssekretär Günther Krause. Zu Kohl/Genscher und de Maizière/Meckel gesellten sich bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen noch die Spitzen der Alliierten des Zweiten Weltkriegs: Georg Bush und James Baker (USA), John Major und Douglas Hurd (Großbritannien), François Mitterrand und Roland Dumas (Frankreich) sowie für die UdSSR Michael Gorbatschow und Eduard Schewardnadse.

     

    Was ist aus den vierzehn Politikern geworden?

    Helmut Kohl, der in diesem Jahr 80 wurde, war noch acht Jahre lang „Kanzler der Einheit“ und saß bis 2002 im Bundestag, ehe er sich aus der Politik zurückzog. Kurz zuvor war er in eine CDU-Spendenaffäre verwickelt, was ihn den Ehrenvorsitz seiner Partei kostete. Heute lebt Kohl mit seiner zweiten Frau Maike Richter-Kohl zurückgezogen in Oggersheim.

     

    Der heute 70jährige Lothar de Maizière war nur etwa ein Jahr lang Parlamentarier und arbeitete danach als Rechtsanwalt in Berlin – Spezialgebiet: Fragen zur Wiedervereinigung.

     

    Hans-Dietrich Genscher, Jahrgang 1927, blieb bis 1992 Außenminister des vereinigten Deutschlands und bis 1998 Mitglied des Bundestags. Nach seinem Rückzug aus der Politik wurde er mit Ehrungen und Preisen überhäuft. Genscher war Honorarprofessor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (1994/95) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (2001-2003). Ab und zu tritt der 83jährige noch als Gast in politischen Talkrunden in Erscheinung.

     

    Markus Meckel, der während der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen 38 Jahre alt wurde, war bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Jetzt arbeitet er für verschiedene Stiftungen, die sich um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit bemühen.

     

    Für Wolfgang Schäuble war das Jahr 1990 nicht nur politisch, sondern auch persönlich ein dramatisches: Neun Tage nach der Einheitsfeier in Berlin wurde er bei einem Attentat so schwer verletzt, dass er seither gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Seiner Karriere tat das keinen Abbruch: Er ist der einzige amtierende Bundesminister (Finanzen), der bereits in der letzten bundesrepublikanischen Vorwende-Regierung aktiv war (Inneres).

     

    Günther Krause war nach der Wende Bundesminister für besondere Aufgaben sowie Bundesverkehrsminister und saß eine Legislaturperiode lang im Deutschen Bundestag. 1994 zog er sich nach einigen Affären aus der Politik zurück. Im Geschäftsleben hatte Krause wenig Erfolg: 2001 leistete er den Offenbarungseid. Ein Strafverfahren wegen Bankrottdelikten und Insolvenzverschleppung läuft immer noch.

     

    Für den 41. US-Präsidenten Georg Bush war der Sommer 1990 ein besonders anstrengender: Zwischen der dritten und vierten Runde der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen (also zwischen dem 17. Juli und dem 12. September) wurde fieberhaft nach einer Lösung für den militärpolitischen Status Deutschlands gesucht, am 2. August besetzte zu allem Übel der Irak unter Saddam Hussein den Nachbarn Kuweit und löste eine hektische UN-Diplomatie aus, an der die USA federführend beteiligt waren – Georg Bush in allen Gassen. Bis 1993 war Bush US-Präsident, ein Amt, das sein Sohn Georg Walker von 2001 bis 2009 innehaben sollte. Der 86jährige Bush senior lebt heute in Houston, Texas.

     

    Bushs Außenminister James Baker (80) war noch bis 1992 im Amt. Seiner Rolle als Krisenmanager in internationalen Konflikten blieb er auch danach treu: Von 1997 bis 2004 war er UN-Sondergesandter für den Westsaharakonflikt, 2006 leitete er die nach ihm benannte „Baker-Kommission“ zur Beurteilung der Lage im Irak.

     

    Der 1943 geborene John Major blieb als britischer Premierminister noch bis 1997 im Amt und war bis 2001 Mitglied des Unterhauses. Auf den Adelstitel (und den damit verbundenen Sitz im Oberhaus) verzichtete er. Ganz ohne Ehrung ging es aber auch für Major nicht: 2005 wurde er Ritter des Hosenbandordens.

     

    Douglas Hurd, als des Vereinigten Königreichs Außenminister bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen dabei, ist 1995 von seinem Amt zurückgetreten. Der heute 80jährige ist danach als Autor in Erscheinung getreten: 1997 erschien The Search for Peace, 2003 seine Memoirs.

     

    Michael Gorbatschow (79), nach dem mittlerweile ein Wodka benannt ist, gilt als der Popstar unter den Wende-Politikern. Nicht nur, dass er mit seinem neuen Ansatz (Perestroika, Glasnost, Aufhebung der Breschnew-Doktrin) bereits 1985 die Voraussetzungen für das Ende des Ostblocks schuf, nicht nur, dass er es war, der Honecker kurz vor dessen Sturz im Oktober 1989 gewarnt hatte („Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“), sondern auch seine besonnene Haltung in der Frage einer Vollmitgliedschaft Deutschlands in der NATO machten ihn zum eigentlichen Spiritus Rector der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen. Fast schon logische Konsequenz: Im Einheitsjahr 1990 erhielt Gorbatschow den Friedensnobelpreis. Im Ausland hoch geschätzt, bekam „Gorbi“ nach dem Ende der Sowjetunion in Russland politisch kein Bein mehr auf den Boden: Bei den Präsidentschaftswahlen 1996 erhielt er weniger als ein Prozent der Stimmen. Etwas Ablenkung mag ihm die intensive Beschäftigung mit der Musik verschafft haben: 2004 veröffentlichte er mit Sophia Loren und Bill Clinton eine Kinder-CD, die prompt mit einem „Grammy“ prämiert wurde. Aber die Politik lässt ihn nicht los. 2008 gründet er mit Alexander Lebedew eine neue Partei, der jedoch kaum Chancen bei den kommenden Wahlen eingeräumt werden. Viel erfolgversprechender sind hingegen Buchveröffentlichungen von oder über Gorbatschow. Hervorzuheben ist die fünfbändige Ausgabe Ausgewählte Reden und Aufsätze, die in den Jahren 1987 bis 1990 im Berliner Dietz-Verlag erschien sowie die Monographien Erinnerungen (1995) und Über mein Land. Russlands Weg ins 21. Jahrhundert (2000). Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls (1999) erschien sein Buch zur Einheit: Wie es war. Die deutsche Wiedervereinigung.

     

    Eduard Schewardnadse, heute 82 Jahre alt, war wie Gorbatschow sein Amt nach dem Zerfall der Sowjetunion los, konnte aber in seiner Heimat Georgien politisch weiterarbeiten. Mit Erfolg: Von 1995 bis 2003 war Schewardnadse Präsident der neuen Kaukasus-Republik. Wie sein Ex-Chef Gorbatschow und sein Amtskollege Hurd verarbeitete er seine Erfahrungen als Politiker in Büchern, die auch ins Deutsche übersetzt wurden: Die Zukunft gehört der Freiheit (1991), Georgien, ein Paradies in Trümmern (1993), Die neue Seidenstraße. Verkehrswege ins 21. Jahrhundert (1999) und Als der Vorhang zerriss. Begegnungen und Erinnerungen (2007).

     

    Roland Dumas war der älteste Verhandlungsteilnehmer. Der 1922 geborene Jurist und Politiker war bis 1993 im Außenamt der Grande Nation, ehe er 1995 Präsident des französischen Verfassungsgerichts wurde. Nach Justiz- und Korruptionsaffären legte er dieses Amt im Jahr 2000 nieder.

     

    Einer fehlt noch: sein Chef, François Mitterrand, den Dumas schon sehr lange kannte. Als Rechtsanwalt vertrat er ihn Ende der 1950er Jahre in einem Verleumdungsprozess. François Mitterrand ist der einzige der vierzehn Herren, der nicht mehr lebt. Bis 1995 blieb Mitterrand französischer Staatspräsident, ein Jahr später verstarb er im Alter von 79 Jahren.

     

    Vierzehn Männer, ein Ziel – die Einheit Deutschlands. Ohne ihren Einsatz feierten wir am 3. Oktober 2010 nicht den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung.

     

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