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    Samstag, 29. April 2017 | 07:28

    Wunderkind Hegemann hat abgeschrieben - Ullstein reagiert mit Liebesentzug

    07.02.2010

    Sogar die Entschuldigung ist geklaut!

    Seit zwei Wochen überschlägt sich der Literaturbetrieb ob des theoriegeschwängerten, drogensexgewaltgesättigten, geradezu penetrant lebensklugen wie -überdrüssigen Debüts der siebzehnjährigen Helene Hegemann. Die ZEIT sprach von einem „literarischen Kugelblitz“, die Süddeutsche war eingeschüchtert ("Phänomen"), und selbst Deutschlands Dauerbeleidigter Maxim Biller hat für kurze Zeit das Schmollen eingestellt. Man wusste, es ist die Tochter eines Oberintellektuellen, die Volksbühne war ihre Ganztagsschule, ihre Kumpels heißen Pollesch, Schlingensief und Sophie Rois. Der Verdacht der kollektiven Autorschaft lag also nahe; das Feuilleton jedoch war einhellig überzeugt von Hegemanns Originalgenie.

     

    Doch jetzt, es musste wohl so kommen, schlägt der kollektive Autor zurück: Am Wochenende wurden im Internet Vorwürfe laut, Hegemann habe für Axolotl Roadkill weitläufig in Blogs und Büchern gewildert. Der Remix ist zwar grade dort, im Netz, ein anerkanntes Stilprinzip; aber die Versatzstücke werden auch immer als solche gekennzeichnet. Hegemann dagegen gab offensichtlich fremde Sätze als die eigenen aus.

     

    So aneinandergereiht, so dissonant die Szenen des Romans daherkommen, scheint tatsächlich alles möglich: Vom sporadischen uneingestandenen Zitat bis zum globalen Plagiat. Man tendiert, liest man die Liste der bereits dokumentierten kopierten Textstellen, allerdings zu zweitem. Bezeichnend, dass sogar der Satz, der in Hegemanns am Sonntag verschickter Erklärung zu den Plagiatsvorwürfen eine zentrale Rolle spielt, "von Sophie Rois geklaut" ist: "Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir."

     

    "Originalität gibt´s nicht, nur Echtheit!"

    Und so geht es weiter. Fast rührend naiv reklamiert Hegemann "die Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess [!] durch das Recht zum Kopieren", und räumt schließlich ein, mindestens eine Seite aus dem Roman Strobo des Berliner Bloggers Airen kopiert zu haben. Nach der Anzahl der übernommenen Zitate indessen ist davon auszugehen, dass es dabei nicht bleiben wird. Der Ullstein-Verlag scheint von all dem beträchtlich genervt und erklärt seinerseits: 

     

    Natürlich haben wir Helene Hegemann vor Drucklegung ihres Buches gefragt, ob sie Quellen oder Zitate verwendet hat. [...] Offenkundig hat sie die Tragweite dieser Frage unterschätzt und ist auf Quellen und Zitate aus dem Netz - wie etwa den Blog von Airen - nicht eingegangen.

    Die Position des Ullstein Verlages ist eindeutig: Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muß vom Urheber genehmigt werden.

     

    Rückendeckung sieht anders aus. Das Verständnis für Hegemanns Remix-Methode hält sich offensichtlich in Grenzen; und das ist nur allzu nachvollziehbar, sind doch ihre Entschuldigungsversuche von einer Blauäugigkeit, wie man sie so wahrscheinlich auch noch nicht gelesen hat:

     

    Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen, in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. [...] Trotzdem habe ich natürlich einen legitimen Anspruch der Leute nicht berücksichtigt, weil mir die juristische Tragweite nicht bewusst und ich, so leid es mir tut, total gedankenlos und egoistisch war.


    Da ist das frühstreife Wunderkind, das weite Teile des Feuilletons aufgemischt hat, dann doch wieder ganz die Siebzehnjährige, die beim Abschreiben erwischt wurde ... 

     

    Christoph Pollmann und Mathias Tretter

     

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