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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 10:57

    Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Hartmut Lange

    31.03.2012

    Blick in die Untiefen der Existenz

    »Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt«, hatte Hartmut Lange eine seiner Figuren im 2007 erschienenen Novellenband Der Therapeut (2007) befinden lassen. Scheinbar unerklärliches menschliches Handeln, rätselhafte Ausbrüche aus dem geregelten Alltag, die nicht selten in skurriles Verhalten münden, und das Abtauchen in eine selbstgewählte Anonymität - das sind seit einem guten Vierteljahrhundert die favorisierten Sujets des Schriftstellers Hartmut Lange. Von PETER MOHR

     

    Immer geschehen geheimnisvolle Dinge, oft sind es vermeintliche Alltagsbanalitäten, die die Figuren aus der Bahn werfen und in ein Gedankenchaos tauchen. Wie fremd-determiniert streunt das Lange-Personal hilflos durch den Alltag; das Unterbewusstsein diktiert das Handeln.

     

    »In der Unheimlichkeit steht das Dasein ursprünglich mit sich selbst zusammen.« Dieser Heidegger-Satz, den Hartmut Lange 1994 seinen Erzählungen Schnitzlers Würgeengel vorangestellt hatte, könnte leitmotivisch über dem gesamten Oeuvre des Berliner Autors schweben. Heidegger, Camus, Nietzsche und Schopenhauper bilden das philosophische Fundament, auf dem Hartmut Lange seine subtil konstruierten Erzählwerke aufgebaut hat. Begonnen hatte er in der ehemaligen DDR als Dramatiker an der Seite von Peter Hacks - zwar als Epigon des Brechtschen Theaters, doch durchaus kritisch gegenüber der sozialistischen Gesellschaft.

     

    Hartmut Lange, der am 31. März vor 75 Jahren im Berliner Stadtteil Spandau als Sohn eines Metzgers geboren wurde und jetzt abwechselnd in Berlin und in der Toskana lebt, mutierte im Laufe der Jahre vom »überzeugten Marxisten« zum »positiven Nihilisten«, der in der Novelle sein adäquates literarisches Medium fand. »Sie ist für mich Ausdruck der Ratlosigkeit, denn ich bin mir selbst ein Rätsel«, erklärte Lange einmal bei einem seiner wenigen öffentlichen Auftritte vor Germanistikstudenten in Halle/Saale.

     

    Rätselhaft und unheimlich ging es bisher stets in Langes Werken zu: ob beim Buchhändler Völlenklee (Die Wattwanderung, 1990), der ohne vordergründig erkennbares Motiv in der Nordsee verschwand; beim Verleger Eichbaum (Die Stechpalme, 1993) oder beim Flaneur Jänicke (Der Herr im Café, 1996), dem von einem Fremden eine mysteriöse Partitur übergeben wurde - immer waren es vermeintliche Nichtigkeiten, die den novellistischen Strom ins Fließen brachten und nach streng rationalen Kriterien kaum zu erklärende Handlungen anstießen.

     

    Hartmut Lange, der 1998 mit dem Konrad-Adenauer-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist nicht nur einer der letzten großen Meister der Novelle, sondern auch ein Virtuose des bis ins kleinste Detail geschliffenen Stils.

     

    Er arrangiert seine radikal verknappten Texte stets so, dass der Leser gezwungen ist, doppelt zu lesen: die gedruckten Zeilen und was sich latent dazwischen bewegt. Bei Hartmut Lange ist dies nicht gerade wenig, denn seine Werke leben von kauzigen Gestalten, mysteriösen Geheimnissen, rätselhaften Anspielungen und metaphysischen Exkursen.

     

    Auch seine jüngsten Werke, Der Abgrund des Endlichen (2009) und Im Museum (2011/alle im Diogenes Verlag erschienen), unterstreichen noch einmal Hartmut Langes Status als einer der bedeutendsten Außenseiter im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Er ist einer der letzten großen Individualisten, die sich in keine vorgefertigte Denkschublade pressen lassen: ein sprachlicher Virtuose, der ungekrönte König der Novelle. Auf jeden Fall ein Schriftsteller, der bei der Vergabe der bedeutenden Literaturpreise in der Vergangenheit (leider) zu kurz gekommen ist.

     

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