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    Zum Tod der Schriftstellerin Christa Wolf

    01.12.2011

    Nachdenken über Christa W.

    »Ich denke viel an den Tod, und es ist mir fast jeden Tag bewusst, dass die Frist, die mir noch bleibt, kurz ist. Während des Schreibens habe ich manchmal gedacht: Na, das werden sie mich vielleicht noch zu Ende schreiben lassen«, bekannte Christa Wolf im Juni 2010 in einem SPIEGEL-Interview, in dem sie auch Auskunft über ihre Rolle außerhalb des Literaturbetriebs gab. Von PETER MOHR

     

    Es war bedauerlich, dass die Schriftstellerin Christa Wolf seit der »Wende« hauptsächlich nach außerliterarischen Kriterien beurteilt wurde. Sie hatte einst das rasante Vereinigungstempo kritisiert, war noch bis zum Sommer 1989 SED-Parteimitglied gewesen und war nicht müde geworden, die vermeintlichen Vorzüge des Sozialismus zu preisen. Dennoch war Christa Wolf die bedeutendste »gesamtdeutsche« Nachkriegserzählerin.

     

    Bei ihren öffentlichen Auftritten polarisierte die Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 1980 bis zuletzt. Nach einer Veranstaltung im Berliner Vorort Wedding meinte sie 2009, dass sich die beiden deutschen Staaten vor 1989 viel ähnlicher waren, als es ihnen selbst bewusst war und löste damit im Publikum eine hitzige Diskussion aus.

     

    Die Krimiliebhaberin Christa Wolf (sie bevorzugt P.D. James) hat sich nie vor unpopulären Aussagen gescheut. In ihrem Band Mit anderem Blick (2005) konstatierte sie, dass wir »alle in einem Boot sitzen, dessen Kurs die Börse bestimmt.« Drei Jahre vor dem weltweiten Bankencrash wurde die Schriftstellerin damals der unreflektierten Kapitalismusschelte bezichtigt.

     

    »Es war für mich schwierig, mich mit der neuen Zeit auseinander zu setzen, mir sind, vor allem in den ersten Jahren, auch viele Aggressionen begegnet«, erklärte die Autorin rückblickend auf die unmittelbare Nachwendezeit. Im Sommer 1991 hatte die Veröffentlichung des schmalen Bandes Was bleibt? eine hitzige, von wilden Spekulationen geprägte Debatte in den Feuilletons ausgelöst. Ein eher marginales Werk im Oeuvre wurde zum Anlass genommen, um über ihr Verhältnis zur Stasi zu mutmaßen. Tatsächlich war sie von 1959 bis 1962 als »IM Margarete« geführt, später aber selbst Objekt der Bespitzelung geworden. Christa Wolf versuchte in den 90er Jahren (psychisch und physisch angeschlagen), den Anfeindungen in den Medien mit längeren Aufenthalten in den USA aus dem Wege zu gehen.

     

    In jüngerer Vergangenheit hatte die Schriftstellerin auch Einblicke in ihr Privatleben gewährt und somit das hinter dem Werk stehende Individuum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Band Ein Tag im Jahr (2003), in dem sie über einen Zeitraum von vierzig Jahren jeweils die Ereignisse des 27. September dokumentierte, entstand dabei das Bild einer höchst sensiblen, leicht verletzbaren und stets auf Harmonie bedachten Schriftstellerin: »Jede Zelle des Körpers reagiert, wenn in der Gesellschaft etwas nicht stimmt.« Dank Christa Wolfs Kooperation erschien 2004 die äußerst lesenswerte Biografie von Jörg Magenau und ein Foto-Textband von Peter Böthig.

     

    Inzwischen ist längst bekannt geworden, dass Christa Wolf schon immer eine überaus eifrige Tagebuchschreiberin gewesen ist. 80 Bände sollen vorliegen, aber die Autorin hat verfügt, dass sie frühestens 20 Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden dürfen.

     

    Christa Wolf, die am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren wurde und nach dem Krieg mit ihren Eltern nach Mecklenburg übersiedelte, studierte nach dem Abitur in Jena und in Leipzig (beim legendären Hans Mayer) Germanistik. Später arbeitete sie als Cheflektorin des Verlages Neues Leben in Berlin und als Redakteurin der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur. Bereits 1963 ließ sie literarisch aufhorchen - mit ihrer Erzählung Der geteilte Himmel. Mit Nachdenken über Christa T. hatte sie fünf Jahre später den sozialistischen Realismus formal weit hinter sich gelassen und im Westen Riesenerfolge gefeiert, während ihr dieses Werk in der damaligen DDR eine öffentliche Rüge eintrug. Reflexionen über die Kindheit, über das Leben in einem sozialistischen Staat und über die Benachteiligung der Frau im Alltag sind die Themen dieses wohl heute noch bekanntesten Werkes der Autorin, das 1976 (stärker autobiografisch) in Kindheitsmuster eine Art überarbeitete Fortsetzung erfuhr.

     

    »Mein Zuhause ist Berlin, ich möchte nirgendwo anders leben, auch nicht dauernd auf dem Land«, so die Autorin, die seit vielen Jahren mit ihrem Ehemann Gerhard (seit 1951 verheiratet) einen Zweitwohnsitz in Mecklenburg hatte. Steht man auch heute noch vielen politisch-gesellschaftlichen Statements und ideologischen Loopings aus der Vergangenheit recht hilflos gegenüber (noch im Januar 1988 schrieb Christa Wolf in einem Brief an Honecker »von der positiven Rolle der DDR bei der Entwicklung friedlicher Beziehungen zwischen den europäischen Staaten«), ihr literarischer Rang steht dennoch außer Frage. Christa Wolf hat sich mit ihren besten Erzählwerken einen vorderen Platz in der »gesamtdeutschen« Literaturgeschichte gesichert. Gestern ist sie im Alter von 82 Jahren in Berlin nach langer schwerer Krankheit gestorben.

     

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