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Day of the Tentacle (PC)

11.10.2011

Es ist ein ... Tentakel!

Wir schreiben das Jahr 1993. LucasArts bringt ein neues, abgedrehtes Point&Click-Adventure auf den Markt. Maniac Mansion: Day of the Tentacle ist inzwischen Kult – und in sämtlichen Top-Listen vertreten. »Warum?«, fragt FRANZISKA BECHTOLD und wagt einen Selbsttest.

 

Endlich ist es so weit: Nach jahrelangem Mobbing durch meine Freunde (»Du hast das nie gespielt? Was?«) kann ich nun dieses Kult-Spiel von meiner To-Play-Before-I-Die-Liste streichen. Vor mir liegt Maniac Mansion: Day of the Tentacle, oder wie »wir Profis« sagen: DOTT, in der deutschen Sprachausgabe von 1993 – mit Abstand eines der merkwürdigsten Spiele, das ich jemals gespielt habe. Heutzutage muss man nach vergleichbaren Perlen zwischen vielen zweitklassigen Krimiabenteuern leider suchen, doch sie sind da: Da wären etwa Tales of Monkey Island oder Harveys neue Augen aus dem Hause Deadalic Entertainment und The Book of Unwritten Tales von Entwickler King Art, die mit ihrem ganz eigenen Humor bestechen. Ich greife allerdings zu Altbewährtem und starte die DOS-Box (zum Beispiel mit Scummvm).

 

Die Story von DOTT ist schnell erzählt: Dr. Freds purpurnes Tentakel vergiftet sich an einem verseuchten Fluss und mutiert zum Super-Tenatkel – jetzt mit Armen. Um es an seinem Plan zu hindern, die Weltherrschaft an sich zu reißen, müssen die drei Freunde Bernard, Laverne und Hoagie zum »Maniac Mansion«. Dort schickt Dr. Fred Laverne und Hoagie aus Versehen 200 Jahre in die Zukunft beziehungsweise 200 Jahre in die Vergangenheit. Hier muss der Spieler nach und nach die drei Charaktere steuern und nicht nur die Welt retten, sondern nebenbei auch die beiden Freunde in die Gegenwart zurückholen.

 

Wie setzt sich ein Tentakel in ein Sitzkissen?

Zu meiner Freude sieht das Spiel wesentlich besser aus, als ich erwartet hatte. Dass die Grafik nicht mehr State-of-the-Art ist, sollte keinen überraschen, aber trotzdem ist das Adventure liebevoll gestaltet. Das begleitende Midi-Gedudel ist dabei nicht sonderlich schön, stört aber über den gesamten Spielverlauf hinweg nur selten und steigert mein Retro-Feeling. So weit so nostalgisch. Ein Verbrechen gegen meine Ohren ist allerdings die deutsche Sprachausgabe. Was damals sicher eine Revolution der Spielewelt war, ist heute nicht nur äußerst gewöhnungsbedürftig, sondern mindert den Spielspaß leider merklich (wer sich überzeugen möchte betrachte das nebenstehende Youtube-Video des deutschen DOTT-Intros). Nichtsdestotrotz wappne ich mich für verrückte Rätsel sowie bizarre Dialoge und soll nicht enttäuscht werden. Meine Methode – alles anklicken, benutzen, mitnehmen – geht zumindest zu Beginn auf. Die Steuerung ist stellenweise umständlich (Türen werden zum Beispiel nicht automatisch geöffnet) – aber man ist eben verwöhnt. Großartig sind die Dialoge (»Du neugieriger Milchtoast«, »Wie setzt sich ein Tentakel in ein Sitzkissen?«) und Verweise auf andere LucasArts-Adventures (»Mein Name ist Threepwood!«) sowie die Omnipräsenz von Star Wars. George Lucas weiß eben, wie man sich vermarktet.

 

Endlich, Feuer!

Im Laufe des Spiels werden die Rätsel nicht nur schwieriger, sondern das Finden der Gegenstände stellt sich als immer trickreicher heraus. Oft sind Items nur schwer zu erkennen, da sie sich grafisch kaum abheben. Manche, oft nur zwei Pixel große Gegenstände, finde ich eher zufällig. So brauchen einige Rätsel ihre Zeit und Nerven, auch wenn die eigentliche Lösung auf der Hand liegt. Das Walk-through-Verbot versteht sich hier von selbst, auch wenn es schwerfällt. Eines der faszinierendsten Elemente des Spiels ist die Tatsache, dass jedes Rätsel – ist die Lösung noch so absurd – logisch und in sich schlüssig ist. Die Freude ist nach jeder genommenen Hürde groß. Mit anderen Worten: Ich ertappe mich sonst nur selten dabei, enthusiastisch »Ich habe Feuer gemacht!« zu rufen.

 

LucasArts knüpft nahtlos an den Erfolg von Maniac Mansion an und verbindet die beiden Spiele nicht nur namentlich, sondern versteckt eine ganz Reihe von Insider-Witzen. Das Adventure ist zwar nicht leichter zu lösen, wenn man den Vorgänger kennt – aber es wird lustiger. Alte Bekannte wie Ed, der zu Therapie geschickt wurde oder Grün Tentakel, das mit neuem Bandnamen Erfolg als Musiker haben möchte, bekommen ihre Auftritte. Ein besonderes Feature ist deshalb sicher, dass Maniac Mansion innerhalb von DOTT spielbar ist. Wer also in Erinnerungen schwelgen möchte, ist herzlich eingeladen. Ich widme mich jedoch erst einmal wieder dem Spielverlauf und schaffe es, nicht ohne das eine oder andere Mal nach einem Tipp zu fragen, zu den Endcredits.

 

Es ist vollbracht, ich bin fertig, habe Hamster in Mikrowellen gesteckt, die amerikanische Geschichte verändert und die Welt gerettet. Endlich gehöre ich dazu, kann mitsprechen und muss feststellen: Selten gab es so viel Witz und Charme und Selbstironie (»Ich habe manchmal das Gefühl, als ob mein Körper von einem perversen, sadistischen Puppenspieler gesteuert würde.«) in einem Computerspiel. Wer eine Kopie besitzt, findet oder erwerben kann, sollte sich hinsetzten und in den Genuss dieses wohldurchdachten und auf so absurde Weise logischen Spiels kommen.

 

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