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Little Big Planet 2

08.02.2011

Auf den Sack gegangen

KAI HILPISCH hat ein inniges Verhältnis zu Säcken - diese Woche nimmt er sich einen der erfolgreichsten digitalen Vertreter aus dem Hause Sony vor.

 

Niemals hat ein Sack mit Augen und einem freundlichen bis wahnsinnigem Lächeln mehr Menschen hinter sich vereint: Stolz kann die Community von Little Big Planet auf über drei Millionen Level blicken, die seit Erscheinen des Spiels im Jahr 2008 veröffentlicht wurden. Als Releasetitel für die PlayStation 3 angekündigt, erschien das Spiel nach einiger Verzögerung (unter anderem wegen kontroverser Koranzitate im Soundtrack) als Exklusivtitel 2008 und entwickelte sich zu einem der größten Zugpferde für Sonys neue Konsole. Die Mischung aus kooperativem Jump’n’Run, Rätselspaß und Bastelkiste war, rückblickend betrachtet, Sonys erster wirklicher Erfolg im Bereich der Casual-Spiele – und das lange bevor der Move-Controller zum feuchten Traum der Wii-neidischen Entwickler wurde. Es folgte eine Version für die PlayStation Portable und diverse kleine DLCs, die immer dem aktuellen Trend folgten: Die gelungenen Parodien auf Metal Gear Solid und Fluch der Karibik waren die wohl interessantesten Extra-Inhalte, boten Sie doch Paintball-Schlachten und Unterwasser-Level.

 

Am 21. Februar erschien nun die Fortsetzung – Little Big Planet 2. Was hat sich geändert? Am Prinzip: nichts. Nach wie vor steuert man eine aus Sackleinen gefertigte Figur durch fantasievolle Level. Nach wie vor sammelt man unterwegs hunderte von Objekten, Stickern und Kleidungsstücken ein, mit denen man die Level, das Hauptmenü oder auch einfach seine Figur verschönern kann. So wird, nach wie vor, aus einem freundlichen, aber langweiligen Sackleinen-Männchen schnell ein (sexy?) Sackgirl, ein 60er-Jahre Sackboy, oder einfach ein undefinierbares Etwas. Positiv ist anzumerken, dass Little Big Planet 2 in dieser wie auch in jeder anderen Hinsicht abwärtskompatibel ist: Man kann sein Profil, seinen Sackboy und sogar alle für den ersten Teil veröffentlichten Level in der Neuauflage weiterverwenden.

 

Go-Go-Gadget-O Grappling Hook

Also doch nur ein als Fortsetzung verkauftes Vollpreis-Add-On? Die kaum verbesserte Grafik und der im Vergleich zum Vorgänger sogar geringere Umfang der Story-Level lässt das befürchten. Aber glaubt man den Entwicklern (und der riesigen Community), so geht es bei Little Big Planet eigentlich überhaupt nicht um so etwas Banales wie Grafik und Spielumfang. Nein, vielmehr steht die Fantasie als Leitmotiv über allem, und die BluRay-Disc in der PlayStation ist lediglich Mittel zum Zweck, diese auszuleben. Little Big Planet stellt den sprichwörtlichen Sandkasten, in dem der Spieler Welten entstehen lassen und wieder einreißen kann. Der Controller wird zur Schaufel, der riesige Objektkatalog stellt die »Förmchen«.

 

Unabhängig von der Qualität der vorangegangen Metapher macht Little Big Planet 2 seinen Job als Spielplatz mit Sandkasten aber ausgesprochen gut, denn die Elemente aus dem Vorgänger wurden um einige spannende Werkzeuge ergänzt: Als zusätzliches Equipment für Sackboy gibt es jetzt einen waschechten Grappling-Hook, mit dem sich in Batman- oder Spiderman-Manier durch die Level schwingen lässt. Ebenso kann man mit extrastarken Handschuhen nun auch schwerste Objekte (oder andere Sackleinengesellen) durch die Gegend werfen, oder aber auch mit einer besonderen Kanone beliebige Objekte durch die Gegend schießen – klebrige Muffins zum Beispiel.

 

Außerdem ist der Spieler noch freier in der Veränderung der Perspektiven, der Gestaltung von Cutscenes, dem Kreieren von Maschinen und Gegnern. Alles in allem also viele Möglichkeiten für zukünftige Levelbauer, wahre Meisterwerke zu vollbringen. Aber wie schon wie beim Vorgänger erschwert die Komplexität des zwar intuitiven, jedoch dabei wahnsinnig umfangreichen Editors das Basteln; bis befriedigende oder gar vorzeigbare Ergebnisse erzielt werden können, sind sicher für die Meisten viele Stunden Übung erforderlich – nachdem die ca. 50 Tutorials abgearbeitet wurden. Doch auch hier verspricht Sony, zumindest was die hakelige Steuerung per Controller angeht Abhilfe in Form eines Patches, der den Editor mit dem Move-Controller kompatibel machen soll.

 

Mit dem Negativitron in der Sackbot-Fabrik

Aber auch für weniger kreativ ambitionierte Spieler ist Little Big Planet durchaus sehenswert: Die zwar kurze und belanglose Einzelspieler-Story um das bösartige, alles aufsaugende Negativitron wird dank der neuen Levelbau-Werkzeuge mit dramatischen Cutscenes letzten Endes überzeugend inszeniert. Und auch die Level könnten kaum vielseitiger sein: Das fängt bei den Szenarien selbst an, die von einer Küche über futuristische Raumschiffe bis hin zu pseudo-sozialistisch angehauchten Sackbot-Fabriken reichen. Spielerisch kommt nicht nur durch die bereits genannten neuen Gimmicks Abwechslung ins Spiel, sondern auch durch die Verwendung neuer Mechanismen, die aus Little Big Planet 2 ein ganz anderes Spiel machen können – einen Vertikalscrolling-Shooter oder einen Space-Invaders-Klon zum Beispiel.

Also kein Vollpreis-Add-On? Vielleicht irgendwie doch, je nach Perspektive. Wirklich Anderes gibt es eigentlich zu wenig, dafür aber wahnsinnig viel Neues mit altbekannten Wurzeln. Gemeinsam zu viert die Story durchzuspielen macht unglaublichen Spaß, ist aber auch schnell vorbei. Gleichzeitig bieten die Online-Levels unzählige Alternativen, bei denen aber trotz vieler erstaunlicher Perlen wiederum auch viel Müll dabei ist. Und selbst Level zu bauen bleibt wohl nur geduldigen Bastlernaturen vorbehalten.

Eines ist aber sicher: Little Big Planet 2 ist, wie schon der Vorgänger, ein Tummelplatz für Träume und Fantasien, die aus allen Nähten platzen.

 



 

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