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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 21:07

    Assassins Creed 3

    20.11.2012

    Nationalismus im Stealth-Modus?

    Einer der Großtitel 2013 entführt SpielerInnen in die Zeiten der amerikanischen Revolution. KARSTEN SENKBEIL kümmert sich in seinem ersten Artikel für unser Ressort um Ubisofts Megavehikel. 

     

    Actionlastige digitale Spiele gelten gemeinhin als eine der letzten populärkulturellen Bastionen, in der sich altmodisches Gut-Böse-Denken, reaktionäre Geschlechterklischees und die relativ unsubtil ausgelebte Faszination mit physischer Gewalt bester Gesundheit erfreuen. Verhandeln und Kompromisse Finden gehört relativ selten zu den Problemlösungsstrategien in First Person Shootern. Ebenso erscheinen gesprächsbereite Endgegner (»let’s agree to disagree?«) und das sensible Aushandeln intersozialer und -kultureller Differenzen auf der Basis von Meinungspluralismus und Gewaltverzicht auch heute noch relativ selten als zentrale Plote-Eemente neuer Actionspiele. »Gott sei Dank!«, hört man Liebhaber testosterongeschwängerter Populärkultur schon seufzen: »Nehmt uns diesen Spaß nicht auch noch weg!«

     

    Was steckt hinter dem Release-Termin?

    Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einen Blick auf das neue Assassin’s Creed III zu werfen: Mit der vollen Wucht seiner riesigen PR-Maschinerie machte Ubisoft der Gamergemeinde seit Monaten den mittlerweile fünften Teil seines Open-World-Stealth-Platformers schmackhaft. Das Releasedatum des Spiels in den USA war der 30. Oktober 2012 – genau eine Woche vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl und – Zufall oder nicht – fiel somit genau in eine Zeit, in der die amerikanische Öffentlichkeit mit patriotischer Stimmungsmache für oder auch gegen die beiden Kandidaten relativ übersättigt war. Der Release-Termin wäre an sich zunächst trotzdem wenig relevant, wenn die Geschichte von Assassin’s Creed III nicht zum ersten Mal in Amerika, und zwar zur Zeit vor, während und nach dem Unabhängigkeitskrieg (1753 – 1783) spielen würde.

     

    Und Mitt Romney schaut zu

    Es handelt sich also um genau jene Zeit, auf die sich jene nationale Mythologie des exzeptionellen, einzigartigen, und stets von äußeren Feinden mit sinisteren Plänen bedrohten Amerika beruft, die noch immer bei konservativen Politikern beliebt zu sein scheint – besonders, wenn innenpolitisch die Argumente für konservative Positionen eher wenig Anklang in der Mitte der amerikanischen Wählerschaft finden, wie Mitt Romney vor kurzem feststellen musste. 

     

    Wille zur Demokratie?

    Das Spiel Assassin’s Creed III definiert die Rolle Amerikas gegenüber dem Rest der Welt in der Tat auf den ersten Blick furchtbar komplexitätsreduziert. Als junger Assassine kämpft der Spieler eifrig auf Seiten der amerikanischen und natürlich äußerst heldenhaften Patrioten – wir begegnen General George Washington, Benjamin Franklin, Samuel Adams – und schnetzelt sich mal im Stealthmodus, mal relativ geradlinig, immer jedoch mit tödlicher Präzision und ohne größere Selbstzweifel, durch die Regimenter der britischen Rotröcke. Deren Anführer (sprich: Endgegner) bringen nicht nur – wie sollte es anders sein – einen furchtbaren britischen Upper-Class-Akzent mit, sondern lassen auch ansonsten alle Anzeichnen europäischer Arroganz, aristokratischer Dekadenz und kolonialer Hochnäsigkeit erkennen. Diese verdammten Tee trinkenden Alteuropäer versuchen den Willen zur Freiheit der braven amerikanischen Demokraten ein für allemal auszulöschen und somit alle Amerikaner und am Ende die gesamte Menschheit zu versklaven – hier ist Assassin’s Creed III an die verschwurbelte Geschichte des Jahrhunderte überdauernden Konflikts zwischen »Templern« und »Assassinen« hinter den Kulissen der Weltgeschichte angebunden. Interessanterweise ist es am Ende der eigentlich höchst »unamerikanischen« Guerillataktik des Helden Connors zu verdanken, dass es soweit glücklicherweise nicht kommt, und dass das Gute – der amerikanische Wille zur Demokratie – den Sieg davonträgt. 

     

    Der Assassine als Dirty Harry?

    In den Cutscenes lernen wir den Protagonisten dabei als selbstbewussten, individualistischen, kompromisslosen und etwas wortkargen »Freedom Fighter« kennen; eine Art Dirty Harry im Assassinengewand, der hinter den feindlichen Linien für Angst und Schrecken sorgt, sich aber ansonsten mit humanistischem Sanftmut und utilitaristischer Ratio für die junge Demokratie einsetzt. Connor rettet hilflose Zivilisten vor dem Tod und streichelt zwischendurch süße Hündchen (wirklich!) – wer könnte ihm da übel nehmen, dass er dabei britische Soldaten im vierstelligen Bereich massakrieren muss? Ist Assassin’s Creed III also schlichte konservative Propaganda, eine actionlastige Geschichtsklitterung, die xenophoben Militaristen in die Hände spielt und – eine Woche vor der Wahl – das patriotische Blut in Wallung bringen sollte? Nun, ganz so einfach ist es wohl nicht.

     

    Rückblick in die Spielereihe

    Der mit Pathos in Szene gesetzte Kampf für die Stars and Stripes lässt auch diverse subtile Untertöne anklingen, wie auch schon seine Vorgänger gelegentlich. Die Assassin’s Creed-Serie hatte schließlich schon vorher eine seiner bemerkenswertesten Szenen (in AC Brotherhood), als der Spieler erfuhr, dass Leonardo da Vinci (ein enger Vertrauter und Freund des Spielers/Protagonisten) in der Tat schwul und schwer verliebt in seinen Assistenten war, woraufhin der Protagonist aber – wenig überrascht – mit den Worten »I approve. He suits you« eine unverhofft progressive Note ins ansonsten machohafte Spiel brachte. Der Ursprung der Serie, Assassin’s Creed I, war eingebettet in die Geschichte der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert und machte durchgehend politisch korrekt klar, dass Machtmissbrauch, Korruption und Sadismus auf christlicher und muslimischer Seite in relativ gleichen Mengen vorhanden zu sein scheinen. Die Hauptperson damals, der Ur-Assassine Al-Taïr, war Muslim, ein nicht zu vernachlässigendes Detail.

     

    Arbeiten für den eigenen Untergang

    Und Assassin’s Creed III? Auch der jüngste Teil der Serie implementiert einen hochinteressanten Unterton in den Spielverlauf und seine Hintergrundgeschichte: Der Spielcharakter Connor selbst ist das, was man früher abschätzig »mixed-blood« nannte: Sohn eines britischen Vaters und einer indianischen Mutter vom Mohawk-Stamm, was den Spieldesignern die Möglichkeit gibt, ihn (zugegebenermaßen arg klischeehaft) mit Tomahawk sowie Pfeil und Bogen auszurüsten. Gleichzeitig aber bekommt das Spiel durch jenes Plot-Element eine geradezu tragische Note: Connors grundlegende Motivation, so erfährt der Spieler in einer frühen Phase der Geschichte, ist der Kampf für sein Volk (die Mohawk) und dessen Freiheit, die er besonders durch die britische Kolonialmacht bedroht sieht. Nur deshalb verbündet er sich mit den amerikanischen Patrioten. Was er im Jahr 1775 natürlich noch nicht ahnen kann, dem Spieler im Jahr 2012 aber durchaus bewusst sein sollte, sind die Grausamkeiten und der Genozid nur wenige Generationen nach der Spielhandlung, die seinem Volk von ebenjenen weißen Amerikanern, deren Revolution er hier unterstützt, bevorstehen. Wenn man es ganz genau nimmt, kämpft Connor auf der falschen Seite. Jeder Erfolg des Spielers bringt Connors Volk seinem Untergang ein wenig näher – was dieser aber nicht ahnt; ein fast schon subversiver Subtext, der hier das Spiel durchzieht.

     

    Was lernen wir daraus?

    Funktioniert Assassin’s Creed III also als amerikakritische Subversion und macht indirekt auf die dunklen Flecken des amerikanischen Freiheits- und Gleichheitsgedankens aufmerksam? Nun ja, in erster Linie ist AC3 ein sehr gutes Actionspiel, mit nahtlosem Gameplay, dichter Atmosphäre und vielen Stunden Spielspaß, dem man nur den Vorwurf machen kann, der schon an vorherige Teile der Serie herangetragen wurde: Es ist für erfahrene AC-Spieler zu leicht. Was aber die politische Stoßrichtung angeht, so reihen sich die Frankokanadier von Ubisoft nahtlos in die Reihe jener Ausländer ein, die – vielleicht gerade weil sie Nicht-Amerikaner sind – die Klaviatur des amerikanischen Populärpatriotismus virtuos, aber eben auch mit Hintersinn und gelegentlichem Augenzwinkern zu spielen vermögen – ohne sich wirklich für einen politischen Flügel entscheiden zu müssen. (Man erinnere sich an den herrlich überkandidelten Film Independence Day des Deutschen Roland Emmerich, und die Dark Knight-Filme des Briten Christopher Nolan, die als Allegorien amerikanischer Sünden und Sorgen zu Zeiten von Bush und Obama zu lesen waren.) Assassin’s Creed III trägt dick auf, keine Frage, und lässt nur wenige brachialpatriotische Klischees aus; den Verkaufszahlen in den USA wird es sicher guttun. Als Rambo II der Videospielbranche funktioniert es aber wohl auch nicht. So einfach haben es sich die Herrschaften bei Ubisoft dann auch wieder nicht gemacht.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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