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The Unfinished Swan

13.11.2012

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Minimalismus wird groß geschrieben in den Indie-Schmieden: Der Weg durch die unberechenbare Leere in The Unfinished Swan bleibt vielleicht im Vergleich zu anderen Titeln vielleicht emotional ein bisschen zu harmlos... aber ein Spielprinzip, das so ganz anders und innovativ ist, das lohnt doch. FRANZISKA BECHTOLD steht eben auf Kunst!

 

Auf der diesjährigen Gamescom trafen The Unfinished Swan und ich endlich aufeinander. Als der erste schwarze Farbtropfen an der weißen Landschaft zerplatze, hatte mich das Spiel gepackt. Warum? Vielleicht weil es mir das Gefühl gibt, ich würde etwas erschaffen? Vielleicht weil es in dieser undurchsichtigen Spielwelt so vieles zu entdecken gibt? Vielleicht weil Musik und Soundeffekte das Ganze so lebendig machen und gleichzeitig in einer ganz anderen Welt platzieren? Vielleicht aber auch aus all diesen Gründen. Es ist ein Spiel, das einen immer wieder vor vollkommene Leere stellt, das langsam und simpel gestaltet ist und keine Herausforderungen birgt. Das ist, was es ist - ein Mix aus Faszination, Einsamkeit und Melancholie.


Die Mitarbeiterin, die mir das Spiel damals erklärte, war überzeugt "Du musst da nicht so ewig rummachen, du musst den Fußspuren folgen, der Rest ist nur so". Hm! Nein, da hat sie wohl etwas falsch verstanden. Eigentlich ist genau das doch der großartige Part: Ich kann verweilen. Ich muss nicht hetzen. Der Schwan, dessen gelbe Tapser den Weg zeichnen, rennt schon nicht weg. Das Spiel will erkundet werden. Das Schießen einer Farb- oder Wasserkugel ins undefinierte Weiß oder das Entlangführen grüner Ranken bleibt jedes Mal ein Erlebnis. Wann das Kügelchen zerplatzen wird, worum sich die Ranke dieses Mal schlängelt und was sie zum Vorschein bringt, ist immer und immer wieder spannend und neu. Damals fragte ich mich schnell, ob dieses Prinzip mich nicht nach 30 Minuten langweilen wird. Nun kann ich sagen: Nein, denn jedes der kurzen Kapitel bringt eine ganz neue Art des Erkundens mit sich.

 

Curiouser and curiouser!

Der kleine Monroe macht sich auf die Suche nach dem Schwan, dessen Bild seine verstorbene Mutter nie beendet hat. Dabei muss er sich durch Irrgärten winden, sich im rabenschwarzen nächtlichen Wald vor Ungeheuern mit roten Augen ins schützende Licht retten und eine Königsstadt neu erblühen lassen. Ein bisschen wird der Spieler dabei selbst wieder zum Kind. Die Geschichte wird nicht nur erzählt wie ein Märchen, sie ist eines. Die Brücken zu Carrolls "Alice in Wonderland" zu schlagen fällt angesichts der optischen (Disney bescherte der Queen of the Hearts bekanntlich ein Schloss inmitten riesiger Irrgärten) und inhaltlichen Analogien nicht schwer. Die Flucht eines Kindes in eine fantastische und absurde Traumwelt, in der nichts so ist, wie es scheint, ist keine neue Idee, sondern wird immer wieder verwertet. Um so verwunderlicher bleibt das Finale. Konsequent ist es nicht, tiefgehend ist es nicht. Eigentlich bleibt man verwirrt, vielleicht ein bisschen enttäuscht darüber zurück, dass der stimmungsvollen und nachdenklichen Atmosphäre der Wind aus den Segeln genommen wird. 

Kunst ist es, ja. Aber wegwerfen, um dem Ausspruch zu folgen, sollte man es nicht. The Unfinished Swan folgt dem ruhigen, nachdenklichen Ton eines Ico oder Journey, ohne jedoch an deren Klasse heranzureichen, bleibt es doch ohne wirkliche Tiefgründigkeit. Die vorhandene Story ist märchenhaft - vor allem durch die gelungene Synchronisation - und kann als Gutenacht-Geschichte abgehakt werden. Der Rest ist, nun ja, eine innovative Reise durchs Traumland.

 

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