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Montag, 27. März 2017 | 04:45

Gravity Rush

10.07.2012

Der Apfel fällt nicht weit vom Newton

Es gibt viele Wege, eine fremde Stadt zu erkunden. Der Altphilologe erkundet zu Fuß, der Pauschaltourist vielleicht per Citytour-Bus. All das hingegen wirkt plötzlich nicht mehr reizvoll, wenn man sich einfach einmal quer durch die Stadt fallen lassen könnte. Ja, richtig gelesen, in Gravity Rush manipulieren Spielerinnen die allgegenwärtige Schwerkraft, um den Geheimnissen einer schwebenden Stadt auf die Spur zu kommen. RUDOLF INDERST beweist seine Kenntnisse als Physiker und legt los.

 

Eines vorweg: Wer einen dicken Hals von weiblichen Protagonistinnen in digitalen Spielen bekommt, denen seitens der Programmierung eingepflanzt wurde, ihr Selbstwertgefühl könne sich ausschließlich durch die amouröse Zuwendung des anderen Geschlechts zusammensetzen und/oder steigern, muss eine bittere Pille in Gravity Rush schlucken: Nur allzu oft gibt sich die Hauptdarstellerin Kat, die ohne jegliche Erinnerung in der geheimnisvollen Stadt Hekse(!)ville erwacht, wie ein unsicheres Schulmädchen. Hier hätte ich mir eine andere, eine selbstbewusstere Figurenzeichnung – abseits von »Kicher, kicher!« – gewünscht.

 

Kipp mich!

Mittels der Neigungssensoren der Hardware können Spielerinnen auf die interessante Hauptfähigkeit der Hauptfigur zugreifen: Kat ist es möglich, die Erdanziehung zu ihrem Vorteil zu nutzen, um so elegant und schnell von Punkt A nach Punkt B zu gelangen. Das ganze Spiel ist einem Cell-Shading-Grafikstil gehalten und wird mittels Comicpanels zwischen den Missionen erzählerisch  vorangetrieben – Freunde frankobelgischer Comics werden sich visuell übrigens sofort wie zuhause fühlen.

 

Während die Spielmechanik der Gravitationsmanipulation und die nach und nach frei begehbare Welt wunderschön Hand in Hand gehen, sind die Kämpfe ein Dämpfer des Titels. Hier erleiden Spielerinnen zahlreiche unnötige Tode aufgrund der immer wieder unpräzis wirkenden Steuerung. Noch schlimmer wirken Rennen gegen die Zeit. Meine Kritik richtet sich hier weniger gegen die mangelnde Genauigkeit, sondern gegen die generelle Existenz von Kämpfen und Zeitrennen an sich. Die fantastisch anmutende Möglichkeit des Schwebens innerhalb der von Steam-Punk-Einflüssen durchzogenen Stadt spiegelt für mich einen entspannten Grundgeist dar, der durch unnötige Brüche durch ein Bürsten auf Action erfährt. Aber vielleicht sind dies auch nur die Klagen eines alten, reaktionsschwachen Mannes – ist man im Besitz einer PS Vita, ist der Kauf obligatorisch: Gravity Rush ist kostbares Stück Software.  

 

 

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