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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 23:51

    Virtuelle Arbeit

    27.03.2012

    Von Kehrmaschinen und Schwerlasttransportern

    Vor einigen Wochen erschien im amerikanischen Online-Magazin Slate ein interessanter Artikel über 100-Stunden-Rollenspiele wie Dark Souls oder Skyrim. Michael Thomsen vertrat dort die Ansicht, dass solche Spiele Zeitverschwendung seien und man stattdessen lieber Tolstois Krieg und Frieden lesen sollte. Auf den Artikel folgten gleich wütende Kommentare von Spielern sowie Gegenrede von anderen Spielejournalisten. Diese Auseinandersetzung zeigt schön, wie normativ und festgefahren unsere Vorstellungen von Hoch- und Popkultur noch sind. Während allerdings die meisten Spieler Skyrim nicht als Zeitverschwendung betrachten, sieht es bei den – vor allen Dingen in Deutschland beliebten – Arbeitssimulationen schon anders aus. Spiele wie Kehrmaschinen-Simulator 2011, Busfahr-Simulator 2012 oder der Landwirtschafts-Simulator 2011 (Collectors Edition) sehen sich regelmäßig dem Spott von Spielern ausgesetzt. Aber warum eigentlich? Wo liegt die Faszination der Simulation von Arbeit in der eigentlichen Freizeit? CHRISTIAN ALT versucht sich an drei Erklärungen.

     

    »Als ich schon am Anfang diese schöne Umgebung sah, WOW! Da hat sich einiges getan. Die Technik der Busse (diese sollen die Mercedes-Benz Citaro Facelifts darstellen) ist einfach Klasse. Schlüssel rein, Elektrik starten, Schlüssel drehen, in der Kasse einloggen. Wie es die echten Busfahrer auch tun. Der Werbespruch ›Realistischer ist nur die Realität‹ stimmt voll und ganz.«

    -- R. Atania, Amazon-Rezension zum Bus-Simulator 2012, 4/5 Sterne

     

    1. Erklärungsversuch: Alles andere ist nur Spielzeug

    Die Arbeits- oder auch Alltagssimulatoren sind das primär für Männer entwickelte Pendant zu dem virtuellen Puppenhaus Die Sims. Schon von klein auf begeistern sich viele Jungs für Land- und Baumaschinen. Spielzeughersteller wie Siku (Werbeslogan: Spielzeugmodelle von heute für die Autofahrer von morgen) bieten alle nur erdenklichen Landmaschinen und PS-lastige Fahrzeuge im Kleinformat. Das bedeutet nicht, dass Mädchen nicht auch mit solchen Miniaturen spielen, jedoch ist die Werbung klar auf Jungs ausgerichtet. Auch im späteren Leben wird mit diesen Geschlechterdifferenzen operiert, die Schwertransport-Dokumentationen von N24, Kabel 1 oder Dmax, dem Männersender, sprechen hier Bände. Spiele wie der Landwirtschafts-Simulator greifen die Idee des Spielzeugs wieder auf. Es geht lediglich darum, abzubilden, wie es wäre, eine solche Landmaschine zu bedienen. Die Imagination des Kinds wird durch den PC Computer ersetzt.

     

    So wie jedes Sandbox-Spiel beziehen sie ihren Reiz aus der Interaktion mit der Umgebung, nur dass es im Gegensatz zu Skyrim oder der GTA-Reihe keine fantastische, sondern bewusst das Abbild unserer realen Welt ist. Während sie also auf der einen Seite ihre Wurzeln bei den 3D-Sandboxspielen haben, finden sich allerdings auch starke Bezüge zu einem der vorherrschenden Genres der späten 90er: Wirtschaftssimulationen. Auch hier wurde dem Spieler versprochen, im Handumdrehen ein Tycoon in den absurdesten Wirtschaftszweigen zu werden. Arbeitssimulationen nehmen sich diesen Wirtschaftszweigen an und entfernen ihren spielerischen Kern soweit, bis nur noch die Arbeit an sich verbleibt. Sie sind nicht mehr als digitales Spielzeug.

     

    »Also, ich habe das Spiel ausführlich auf YouTube gespielt, und mir ist als erstes aufgefallen dass es keinen Spaß macht. Nee echt. Keinen. Spaß. macht. Was auch nicht weiter überrascht, weil ich auch nie zur Straßenreinigung wollte. Da smacht nämlichauch keinen Spaß. Womit ich die verdienste der straßenreinigung keineswegs heraubwürdigen will. Ihr jungs macht das super. aber ich finds öde. und das spiel auch. deshalb mag 8ch viel lieber de holzfäller simulahtor. und wer das liest is doof.«(sic!)

    -- Tilldo, Amazon-Rezension zum Kehrmaschinen-Simulator, 1/5 Sterne

     

    2. Erklärungsversuch: gesellschaftskritische Küchenpsychologie

    Die fortschreitende Technologisierung der Arbeitswelt hat uns nicht freier, sondern abhängiger gemacht. Träumten wir vor wenigen Jahrzehnten noch von Robotern, die es uns ermöglichen sollten, nie wieder zu arbeiten, sehen unsere Utopien heute gänzlich anders aus. Wir versuchen uns selbst zu optimieren, sind durch unsere Iphones iPhones und Android-Geräte (der wahre Zynismus dieser Namensgebung offenbart sich uns erst jetzt) ständig für unseren Arbeitgeber erreichbar. Aus 9-to-5-Arbeitsplätzen sind 9-to-9-Arbeitsplätze geworden. Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen wieder zusehends, Errungenschaften der Arbeiterbewegung, im 20. Jahrhundert teuer erkämpft, gehen stückweise verloren. Aber irgendetwas scheint uns dennoch zu fehlen, wenn wir nach einem langen Bürotag nach Hause kommen und auch hier weiterarbeiten – als Busfahrer.

     

    Der moderne Büroalltag ist bestimmt durch ein weit verzweigtes Beziehungsgeflecht. Ständige Kommunikation mit Kollegen und den Kunden ist oberste Pflicht. Sieht man sich die prominentesten Arbeitssimulationen an, so haben sie alle gemein, dass sie keine Kommunikation mit anderen erfordern. Und das nicht nur im Spiel, sondern allein durch die Wahl der zu simulierenden Berufe. Die Isolation zieht sich durch fast alle Simulationsspiele des Publishers Astragon wie ein roter Faden: Kran-Simulator, Müllabfuhr-Simulator, Angel-Simulator, Bus-Simulator, etc.

     

    Das macht sie vermutlich zum kontemplativsten Genre, welches es überhaupt gibt. Das Spiel stellt keine Ansprüche an den Spieler, es geht nur um die Erfahrung und die Ruhe, die mit ihm einhergeht.

     

    3. Erklärungsversuch: Wir nennen es Arbeit.

    Dass der heutige Büroalltag ungemein stressig ist, ist allgemein bekannt. »Burn-Out« ist seit Jahren immer wieder Thema der öffentlich-rechtlichen Talkshows und scheint einen Ausweg aus dem Arbeitsalltag zu liefern, ohne dass der Betroffene sozial geächtet wird. Doch trotz dieses Stresses haben moderne Computerarbeiter oft das Gefühl, nicht wirklich gearbeitet zu haben. Hunderte E-Mails wurden beantwortet, Telefonkonferenzen geführt und Meetings durchgesessen. Jeder, der schon einmal einen Tag auf der Baustelle zugebracht hat, weiß, dass harte körperliche Arbeit eine ganz besondere Befriedigung verschafft. »Meiner Hände Werk« kann zu Beginn des Feierabends angefasst und angeschaut werden und hat eben kein nebulös-virtuelles Eigenleben im Computer. Zahlreiche To-do-Listen und Arbeits-Gamification-Dienste  versuchen dieses Begutachten der eigenen Arbeit in die digitale Welt zu transportieren, schaffen es allerdings nicht vollständig. 

     

    Die Arbeits-Simulatoren setzen genau hier an, sie simulieren das Leisten von richtiger Arbeit: Bus fahren, mit dem Mähdrescher die Ernte einholen, Kühe melken. Hier scheint sich ein Prozess zu vollziehen, den Jean Baudrillard schon Anfang der 1970er in seiner Medientheorie entwarf. Baudrillard ging davon aus, dass massenmedial vermittelte Bilder heute wichtiger sind als die eigentliche Wirklichkeit. Die virtuelle Welt verdrängt zusehends die wirkliche Welt. Wir begehren die sinnliche Erfahrung harter körperlicher Arbeit, lassen uns diese aber in unseren Computern simulieren. Die Simulatoren sind ein Anzeichen für die fortgeschrittene Entkopplung unserer Arbeitswelten von denen früherer Generationen und Menschengeschlechter.

     

    »Man fühlt sich gleich wie ein richtiger Busfahrer ( Das ist das größte Lob, was man einer Simulation gegenüber aussprechen kann), denn man muss auf so vieles achten , denn die Kasse will richtig bedient werden, Verkehrsregeln wollen eingehalten werden, der Bus sollte nicht zu kalt sein, Lenkzeit muss eingehalten werden uvm. Das macht unheimlich viel Spaß und die tolle Grafik rundet dises Spielerlebnis weiter ab.«(sic!)

    -- Mark, Amazon-Rezension zum Bus-Simulator 2012, 5/5 Sterne

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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