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    Sonntag, 20. August 2017 | 17:30

    Asghar Farhadis brillante Sozialtragödie »Nader und Simin«

    14.07.2011

    Trennung, Schmerz & Katastrophe

    Das iranische Kino, das schon so viele großartige Künstler hervorgebracht hat, deren Œuvre die engen, zensoralen Grenzen des Staates auf die erstaunlichsten Weisen gesprengt & transzendiert hat, gehört nach wie vor (und auch in Zeiten verstärkter Repression) zu den großen Kinematographien der Welt. Asghar Farhadis Nader und Simin beweist es. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    In Abbas Kiarostamis Spielfilm Ten, der nur in einem SUV spielt, mit dem eine junge Frau kreuz & quer durch Teheran fährt, wirft ihr arroganter Sohn, den sie gerade von dessen Vater für ein Wochenende bei sich übernommen hat, der Mutter am Steuer vor, sie habe damals gelogen, als sie vor dem Scheidungsrichter behauptet hatte, der Vater nehme Drogen – nur um sich von ihm trennen & ihr eigenes Leben führen zu können.

     

    Vor einen Scheidungsrichter beginnt nun Asghar Farhedis diesjähriger »Berlinale«-Gewinner Nadar und Simin. Eine Trennung. Zu dieser oder einer anderen Lüge greift Simin nicht, um vor einem Scheidungsrichter die Trennung von Nader, ihrem Mann, zu erwirken. Sie erklärt offen, dass sie mit ihrer Tochter das Land verlassen wolle, um dem Schulmädchen einmal »eine bessere Zukunft« zu ermöglichen. Anderthalb Jahre hat sie sich um diese Chance bemüht, in 40 Tagen läuft das Visum ab. Die Zeit drängt.  Nader aber weigert sich, mit ins Ausland zu gehen, weil er sich um seinen dementen Vater kümmern müsse.

     

    Frontal argumentieren die beiden in die Kamera – als säße man als Zuschauer an der Stelle des Richters, den man aus dem Off nur hört. Man wird im Verlauf des Films mit Notwendigkeit in die Geiselhaft dieser richterlichen Position genommen. Daraus erwächst sowohl die moralisch herausfordernde Intensität  als auch die erzählerische Spannung von Nadar und Simin, der einen in seinen Bann schlägt wie ein Suspense-Thriller von Hitchcock.

     

    Subversion durch akribischen Realismus

    Der iranische Film – in dem nicht nur die beiden Titelhelden, sondern auch alle anderen, die mit ihnen zu tun bekommen, in ihren Trennungs-Strudel gezogen werden – gleicht aber (erst recht für einen »westlichen« Zuschauer) vielmehr einem Abenteuerfilm, der die gegenwärtige iranische Gesellschaft als sein ereignisreiches Darstellungs-Gelände durchstreift und dabei auf ungemein differenzierte Weise eine soziale und ethische Tragödie transparent werden lässt. Unter der Zensur taucht Nadar und Simin mit Bravour hindurch, weil Drehbuchautor & Regisseur Farhadi die »versteinerten Verhältnisse« dadurch zum Tanzen bringt, dass er ihnen von A bis Z ihre eigene Melodie vorspielt.

     

    Brecht hätte bei diesem Stoff von einem »soziologischen Experiment« gesprochen. Aber von dessen schematischer Versuchsanordnung ist Farhadis ungemein motivreicher, konsequent realistischer Film, der seinen Ent- & Verwicklungen als multiple Kettenreaktionen individueller & kollektiver Prozesse darbietet, meilenweit entfernt. Es ist der Realismus, der diese Geschichte einer Trennung subversiv macht.  

     

    Die Ehe wird nicht geschieden. Simin verlässt daraufhin die gemeinsame Wohnung & zieht zu ihren Eltern. Ihre Tochter Termeh aber bleibt beim Vater (womit der Emigrationsgrund hinfällig wird) und Nader, der als Bankangestellter untertags arbeiten muss, sucht eine Pflegerin für seinen dementen Vater, denn  auch Termeh ist ja tagsüber in der Schule.  Eine Freundin seiner Frau vermittelt ihm Razieh – deren arme, strenggläubige Schwägerin aus einem weit entfernten Stadtteil, die wegen des weiten Wegs vergeblich bei Nader um eine bessere Bezahlung feilscht.

     

    Was bislang als ein Krisenfall im bürgerlichen Milieu begann, weitet sich nun zu einem dramaturgisch meisterhaft ausgreifenden Gesellschaftsporträt, das immer subtilere, verborgene, komplexe Einblicke in den iranischen Alltag eröffnet und in immer neuen Wendungen das tragische Geschehen bis zur Katastrophe vorantreibt.

     

    Die epische Souveränität des Drehbuchautors & Regisseurs Asghar Farhadi erschafft eine

    Äquilibristik der widersprüchlichen Motive, Handlungsweisen & Ansichten aller in das aus Wahrheit, Verschweigen und Lüge immer dichter gezogene Netz verstrickten Personen. Der Zuschauer, durch die sowohl scheinbar lückenlos & folgerichtig als auch unvorhersehbar entfalteten Weiterungen der Handlung unter einem permanenten Spannungs-Strom gehalten, muss im Verlauf des zweistündigen Films seine Ansichten, Sympathien & Antipathien mehrfach neu justieren. Es ist ein ethisch-moralisches Wechselbad der Gefühle & Urteile, in das einen dieser Film stürzt, indem er seine Zuschauer der Kasuistik einer gesellschaftlichen Lebensbeobachtung aussetzt, die er durch eine laufende Motivanreicherung immer komplexer werden lässt.

     

    Denn mit Razieh in ihrem schwarzen Tschador – Simin & ihresgleichen »Bürgerliche« tragen nur ein Kopftuch – betritt die religiös codierte Frau & mit ihrem verbitterten Ehemann, dem arbeitslosen Schuster Hodjat, das ausgepowerte Großstadt-Proletariat die Szene des Films. Zugleich mit der Akzentuierung des Klassenkonflikts, der fortan die daraus entstehenden Auseinandersetzungen aggressiv grundiert, kommen nun auch der Zwangscharakter des »Gottesstaates« & seiner drakonischen Verbote in Sichtweite.

     

    Raffiniertes Bürgertum setzt proletarischen Empörer matt

    Als der an Alzheimer erkrankte Vater inkontinent wird, muss Razieh beim Imam anrufen, ob sie ihn waschen & säubern darf. Einmal wohl ist es keine Sünde. Deshalb aber will  Razieh ihre Stelle bei Nader kündigen und bietet an, ihren Mann Hodjat an ihrer Stelle zu schicken. Allerdings dürfe der nie erfahren, dass sie hier – in der Wohnung eines fremden Mannes – gewesen sei. Zwar stellt sich am nächsten Tag Hodjat auf der Bank ein: während Nader ein Geldbündel in der Hand hält, spricht er durch das Trennglas mit dem peinlichen Besucher an seinem Arbeitsplatz, der versichert, den Demenzkranken »wie seinen eigenen Vater« zu behandeln.

     

    Soweit wird es jedoch nicht kommen. Im Gegenteil.

     

    Durch die Verknüpfung unvorhersehbarer Umstände & Ereignisse, die Asghar Farhadi mit der Stringenz eines griechischen Tragikers seinem Drehbuch einschreibt, streiten bald beide Familien vor Gericht darüber, ob Nader ein Mörder ist, weil er wusste, dass Razieh schwanger war, als er sie aus seiner Wohnung warf & sie daraufhin ihr Kind verlor; oder ob er von ihrer Schwangerschaft nichts ahnte & sie zurecht »unsanft« vor die Tür setzte, weil er seinen Vater bewusstlos auf dem Boden & ans Bett gefesselt vorfand & Razieh die Wohnung verlassen hatte.

     

    In diesem vorletzten »Akt« seines iranischen Dramas sind es die Kinder der beiden Familien, die entgegen den sich in Lügen, Starrsinn & Zorn verstrickenden Eltern sanft, eindringlich & mutig nach der jeweiligen Wahrheit fragen oder sie sogar aussprechen.

     

    Schließlich gelingt es Simin, mit Raziehs Familie eine »Blutgeldzahlung« zu vereinbaren, was einer außergerichtlichen Beilegung des Gerichtsverfahrens entspricht. Der verschuldete Hodjat stimmt so widerwillig zu wie Nader, der seiner Tochter zwar gestanden hat, dass er von Raziehs Schwangerschaft wusste, sich aber immer noch unschuldig fühlt. Vermutlich hat er aber von Simin erfahren, dass Raziehs Tochter ihr verraten hat, warum ihre Mutter eine Ärztin aufgesucht hatte, als sie den Demenzkranken an seinem Bett gefesselt hatte. Sie hatte Bauchschmerzen, nachdem sie angefahren worden war, als sie am Tag zuvor den aus der Wohnung gelaufenen Alten von der viel befahrenen Straße geholt hatte. So erklärt sich auch im Nachhinein, warum sie an diesem Tag auf der Heimfahrt im Bus zusammengebrochen war.

     

    Heimtückisch kann deshalb Nader im letzten Augenblick seinen Trumpf ziehen: Er verlangt von der tiefgläubigen Razieh, dass sie, bevor er den Blutgeld-Scheck übergibt, in Anwesenheit aller an der Zeremonie Teilnehmenden, auf den Koran schwört, einzig seine Tätlichkeit sei die Ursache ihrer Fehlgeburt. Das kann & will sie nicht – selbst wenn sie daraufhin ihr verzweifelter Mann schlägt, der die Hoffnung begraben muss, mit dem Scheck seine Schulden begleichen zu können.

     

    War es dieses perfide finale Zusammenspiel von Simin & Nader, mit dem nun auch die Ehe von Razieh & Hodjat zerstört wurde, das Termeh zu ihrer radikalen Entscheidung motiviert? Nachdem Nader und Simin ihre Trennung endlich erreicht haben, warten sie im Gericht, jeder an seinem Platz, auf die Entscheidung ihrer Tochter, mit wem sie künftig zusammenleben möchte. Termeh aber kommt nicht. Sie verschmäht beide Teile ihrer Eltern.

     

    Auch eine allegorische Lesart ist möglich

    Das ist ein absolut bitterer Schluss – für eine Ehetrennung, die zu einer ausgreifenden  Tragödie erst in ihrem Verlauf wird. Aber dieses irreale Ende – denn diese Freiheit von den Eltern dürfte sich kein elfjähriges Schulmädchen in Iran erlauben – weist auf eine zweite, symbolisch-allegorische Ebene hin, die dem Film einbeschrieben ist. Sie tritt an einer Stelle des Dialogs z.B. dort hervor, wo Nader seiner Frau Simin vorwirft, sie habe nie genug Geduld & Ausdauer aufgebracht, um sich Schwierigkeiten zu stellen und suche zu schnell die Flucht. Diese Grundsätzlichkeit schießt über das von der dramaturgischen Situation Erforderliche hinaus.

     

    So kann man mit Fug & Recht in Nader und Simin auch eine komplexe Reflexion über die akute Frage von Emigration & Ausharren, von Zukunftsprojektionen & Sorgeverpflichtungen, von Aufrichtigkeit & Ausreden, von Wahrheit & Lüge im gegenwärtigen Iran sehen; und in den Personen – vom dementen Vater bis zur beobachtenden Tochter Termeh – könnte man allegorische Verkörperungen gesellschaftlicher (Alters-)Gruppen und sozialer Klassen & Mentalitäten erkennen. Was dem Film eine weitere Dimension seiner poetischen Qualität verschafft.

     

    Aber dass Nader und Simin erst auf einen zweiten Blick diese Lesart wahrscheinlich werden lässt, liegt an einer Qualität, von der bisher noch gar nicht die Rede war, die aber – neben der schlüssigen Dramaturgie – Asghar Farhadi auf der Höhe seiner Kunst der Schauspielerführung zeigt. Leila Hatami, Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Sarey Bayat & Farhadis Tochter Sarina: wir werden kaum gezwungen sein, uns ihre Namen zu merken; aber ihrer Ehre, ihrer Kunst wegen stehen sie hier. Sie alle haben mit solcher Eindringlichkeit & Wahrhaftigkeit gespielt, dass sie einen für 2 Stunden, die im Flug vergehen, ganz nahe an sich gezogen haben & uns zu den gebannten, bestürzten, mitfühlenden Zeugen ihrer Lebenswelt & ihrer Tragödie gemacht haben.

     

    Das iranische Kino, das schon so viele großartige Künstler hervorgebracht hat, deren Œuvre die engen, zensoralen Grenzen des Staates auf die erstaunlichsten Weisen gesprengt & transzendiert hat, gehört nach wie vor (und auch in Zeiten verstärkter Repression) zu den großen Kinematographien der Welt. Asghar Farhadis Nader und Simin beweist es.


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