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Uraufführung vor 40 Jahren - »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« von Rosa von Praunheim

04.07.2011

Wilde Wortschlacht, Wutgeheul

»Schwul«, »schwul«, »schwul«, »schwul« … »900 Mal«, zählte Rosa von Praunheim später in einem Interview, sei jenes Wort in seinem 1971 uraufgeführten Filmpamphlet Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt vorgekommen, »damals noch ein Schimpfwort.« Heute ist es das für viele noch immer. Dass sich homosexuelle Männer mittlerweile aber voller Stolz als »schwul« bezeichnen und sich (viele) Schwule und Lesben selbstbewusst und selbstverständlich im öffentlichen Raum bewegen können, ohne ihre sexuellen Vorlieben verstecken zu müssen, dürfte nicht zuletzt auch ein Resultat der Kontroversen und Diskussionen sein, die Rosa von Praunheim vor vierzig Jahren mit Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt ausgelöst hatte. Von STEFAN VOLK

 

Sein Film richtete sich vorrangig an die Schwulen in Westdeutschland und warf ihnen eine träge, konservative und oberflächliche Haltung vor. Im Geiste und Duktus der 68er-Revolte versuchte von Praunheim, der sich damals ebenfalls als homosexuell outete, die Schwulen zu politisieren. In Sponti-Manier rief er sie zum Bruch mit bürgerlichen Konventionen auf. Als narrative Folie für seine Agitation diente dem Regisseur die fiktive Geschichte Daniels (Bernd Feuerhelm), der in West-Berlin ein Panoptikum schwulen Lebens durchläuft: von der kleinbürgerlichen Kaffeetischbeziehung mit Clemens (Berryt Bohlen) über den elitären Kreis einer Kulturschickeria, in der lüsterne alte Männer gutaussehende Jungs aushalten, bis hin zu Männerbars, Strandbädern und Nachtlokalen, in denen Daniel seine Einsamkeit mit flüchtigen, wechselnden sexuellen Begegnungen vertreibt, und den »Ledertypen« im Park oder den »Pissbudenschwulen« in den Herrentoiletten, die nur auf schnellen anonymen Sex aus sind. All das befriedigt Daniel nur kurz. Er ist unglücklich mit seinem Leben, desillusioniert und orientierungslos. Erst als er die Mitglieder einer politisch engagierten Schwulenkommune kennen lernt, findet er neuen Halt. Die vernichtende Kritik der Gruppe am schwulen Spießertum öffnet ihm die Augen. »Werdet stolz auf Eure Homosexualität – Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen – Freiheit für die Schwulen!« heißt es in einer Texteinblendung.

 

Den Bruch in Kauf genommen

Es sind diese emanzipatorischen Forderungen, sind die schonungslosen Sozialanalysen, die im Mittelpunkt von Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt stehen. Bereits der thesenartige, lange Titel deutet an, dass es sich hier um keinen Spielfilm, sondern um eine fiktionalisierte soziale Studie in der Tradition der Aufklärungsfilme (u.a. Richard Oswalds) handelt. Der Film hat nur wenig Dialoge, die zudem aus dem Off gesprochen und asynchron über die Bilder geblendet werden. Größtenteils werden die in den Bildern abgehandelten schwulen Lebensstationen Daniels von zwei Voice-Over-Sprechern kommentiert. Einerseits fassen diese Erzählerkommentare die Erlebnisse und Empfindungen Daniels zusammen, andererseits formulieren sie kritische sozialpsychologische Thesen zur zeitgenössischen schwulen Lebenswelt. »Schwule wollen nicht schwul sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger«, heißt es da etwa. Oder: »Homosexuelle Treffpunkte sind ein Jahrmarkt der Eitelkeit. Man stellt sich zur Schau, und jeder erwartet vom anderen, dass er ihn umwirbt.« Aber auch: »Die bürgerliche Ehe funktioniert durch die Aufzucht von Kindern und die Unterdrückung der Frau.«

 

Dass es von Praunheim mit seinem Film vor allem darum ging, aufzurütteln und zu provozieren, verdeutlichte auch die dilettantische Vortragsweise der beiden Off-Sprecher, die im immer selben ausdruckslos leiernden Tonfall vom Blatt ablesen (so zumindest hört es sich an). Möglicherweise nahm diese Erzählweise zwischen Parodie, Avantgarde und Dilettantismus einen Bruch mit den geltenden filmischen Darstellungskonventionen und der wohlfeilen Ästhetik des bürgerlichen Kinos bewusst in Kauf. Den inhaltlichen Provokationen hätte damit ein formaler Affront gegen das angepasste homo- und heterosexuelle »Spießertum« entsprochen. Uraufgeführt wurde Rosa von Praunheims Film am 4. Juli 1971 auf den Berliner Filmfestspielen im Rahmen des Internationalen Forums des Jungen Films. Das 1969 ursprünglich als Gegenfestival konzipierte Forum war in diesem Jahr zum ersten Mal in die Berlinale integriert. Manfred Salzgeber, der in Nicht der Homosexuelle ist pervers ... mitgespielt hatte, war einer der Mitbegründer des Forums. Während der Berlinale und als er im Herbst 1971 in ausgewählten Kinos lief, löste der Film sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die überregionale Presse äußerte sich überwiegend wohlwollend, wohingegen sich die bereits bestehenden Homosexuellengruppierungen und –zeitschriften über die negative Darstellung der Homosexuellen im Film empörten.

 

Die neue deutsche Schwulenbewegung

»Als der Film (...) im Herbst 1971 ins Kino kam«, erinnerte sich der Regisseur fast dreißig Jahre später, »waren die Säle überfüllt, die Diskussionen erhitzt. Man warf mir vor, dass ich die Schwulen voller Klischees zeige, dass ich sie nicht in Schutz nehme und dass die Gefahr besteht, dass die Heteros uns wieder ins KZ stecken, wenn sie zu viel von unserer Sexualität erfahren. Aber es gab auch eine kleine linke, meist studentische Minderheit, die den Film verteidigte, die aufrief, auf die Straße zu gehen, sichtbar zu werden und offen für die eigenen Rechte zu kämpfen. Aus diesen Diskussionen entstanden überall im Land Schwulen- und Emanzipationsgruppen.«

 

Tatsächlich lassen sich die Gründungen der bundesweit ersten schwulen Aktionsgruppen wie der Homosexuellen Aktionsgruppe Westberlin (HAW) oder der Roten Zelle Schwul in Frankfurt unmittelbar auf den öffentlichen Skandal, die Kontroversen und Debatten, die der Film provozierte, zurückführen. So kam es am 15. September 1971 im Berliner Arsenal Kino zu einem Treffen, in dem von Praunheims Film diskutiert wurde und aus dem heraus die HAW entstand. »Die Bedeutung dieses Films für die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden«, resümierte Dagmar Herzog in einem Artikel auf der Internetseite der „Bundeszentrale für politische Bildung“. Auf seiner eigenen Homepage trat Rosa von Praunheim mit einer kurzen biografischen Notiz den Beweis an, dass das doch ging: »1970 drehte ich (...) Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, mit dem ich die neue deutsche Schwulenbewegung gründete«. Nicht übertrieben erscheint, in von Praunheims Film zumindest die Initialzündung bzw. den entscheidenden Katalysator für die Entstehung der Homosexuellenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.

 

Möglich geworden war dies durch die Änderung des Paragraphen 175, die im Rahmen des ersten Gesetzes der Großen Strafrechtsreform am 1. September 1969 in Kraft trat. Seitdem war Sex unter Männern ab 21 Jahren nicht mehr strafbar. In einer weiteren Reform 1973 wurde das Schutzalter auf 18 Jahre herabgesetzt, lag damit aber noch immer über dem Schutzalter für Heterosexuelle. Die Reform des Paragraphen 175 war Ausdruck eines sexualmoralischen Wertewandels, der sich bereits Mitte der 1960er Jahre in einer geänderten Rechtssprechung und einem deutlichen Rückgang von Verurteilungen aufgrund es Paragraphen 175 niedergeschlagen hatte. Die Skandale um Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt und gut fünf Jahre später Wolfgang Petersens Die Konsequenz (1977), der das höhere Schutzalter für Schwule und die allgemeine gesellschaftliche Diskriminierung Homosexueller zum Ausgangspunkt eines sozialkritischen Dramas nahm, belegen jedoch auch, dass dieser Wertewandel keinesfalls die gesamte Gesellschaft erfasste. Vorbehalte gegenüber Homosexuellen dürften in den 70er Jahren die bundesdeutsche Bevölkerung noch mehrheitlich geprägt haben.

 

Beginnender Aufbruch der Lesben

Nach den vor allem unter Homosexuellen intensiv geführten und teilweise heftigen Auseinandersetzungen im Anschluss an die Festival- und Kinopremieren 1971 stand Rosa von Praunheims Film sein eigentlicher Skandal denn auch erst noch bevor. Auf Betreiben des Südwestfunks wurde die für den 31. Januar 1972 angekündigte ARD-weite Fernsehausstrahlung des im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks produzierten Filmes kurzfristig aus dem Programm genommen. Mit einer Mehrheit von sechs gegen vier Stimmen beschloss die ARD-Programmkonferenz die Absetzung des Films mit der Begründung, »dass der Film geeignet sein könnte, Vorurteile, die ohne Zweifel in der Öffentlichkeit gegen Homosexuelle trotz der liberalisierten Gesetzgebung zur Zeit noch bestehen, zu bestätigen oder zu verstärken, anstatt sie abzubauen.« Helmut Oeller, Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks ergänzte: »Eine Anprangerung, die so verallgemeinert, ist in sich fragwürdig. Wir stehen als öffentliche Anstalt im Dienste der Mehrheit.« Welche »Mehrheit« hier geschützt werden sollte, darüber wurde im Folgenden gestritten: die Mehrheit der in von Praunheims Film attackierten »braven« Homosexuellen oder doch die Mehrheit der nach wie vor latent schwulenfeindlichen Gesamtbevölkerung?

 

Während die International Homosexual World Organisation (IHWO) sowie »homophile« Magazine wie him oder unter uns im Vorfeld mit »vereinten Kräften« gegen die Fernsehausstrahlung des Films protestiert hatten und seine Absetzung aus dem gemeinsamen Programm der ARD nun begrüßten, nannte das von Praunheim, der davon erst aus der Presse erfahren hatte, einen »Skandal«. Im Spiegel wandte sich Günter Rohrbach, der Leiter der Abteilung Spiel und Unterhaltung des WDR, ebenfalls gegen die »anmaßende« Entscheidung der Programmkonferenz. Der WDR strahlte den Film als einziger Sender am 31. Januar 1972 mit einer anschließenden Diskussionsrunde in seinem 3. Programm aus. Es dauerte fast ein Jahr, ehe der »Schwulen-Schocker« dann am 15. Januar 1973 doch noch im 1. Programm der ARD gezeigt wurde. Aber wieder kam es bereits im Vorfeld zum Skandal. Der Bayerische Rundfunk blieb bei seiner ablehnenden Haltung, nahm den Film aus dem Programm und setzte stattdessen den finnischen Spielfilm Benzin im Blut an.

 

Doch nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Ländern, in denen der Film lief, kam es zu wütenden Auseinandersetzungen. »Meinen Film zeigte ich in vielen Ländern«, schrieb von Praunheim in seinem 2007 erschienenen Filmbuch, »1972 im New Yorker Museum For Modern Art und dem Gay Firehouse, dem damaligen Schwulenzentrum. Auch hier waren die Diskussionen laut und heftig. In London klaute man mir die Filmkopie und wollte mich verpflichten, nie wieder nach England zu kommen.« Bei der Diskussion im Gay Firehouse erhob sich »eine aggressive und wilde Wortschlacht« mit »Wutgeheul und Beschimpfungen, deren Ausmaß und Erfindungsreichtum ›die Sex Pistols übertrafen‹.« Neben massiver Kritik erhielt der Film jedoch stets auch engagierte Unterstützung. In der Schweiz beispielsweise gründeten sich im Zusammenhang mit den Vorführungen in Zürich, Bern und Basel Homosexuelle Arbeitsgruppen. Und obwohl in Nicht der Homosexuelle ist pervers... Frauen keine Rolle spielten, war die von ihm ausgelöste Debatte auch für die Lesbenbewegung in Deutschland von Bedeutung. So schrieb die Emma Anfang 2007 in einer »Chronik der Erfolge« der deutschen Frauenbewegung: »31. Januar 1972: Im WDR läuft der Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von Rosa von Praunheim. Mit dabei: Die Homosexuelle Frauen-Aktion aus Köln, deren Gründerin Gertraut Müller erklärte: ›So konnten wir vor einem Millionenpublikum sagen, dass es nicht nur die Problematik der Homosexuellen gibt, sondern auch die der Lesbierinnen, die in allen Medien quasi totgeschwiegen wird.‹ Am 1. März gründet sich auch in der Homosexuellen Aktion Westberlin eine Frauengruppe. Der Aufbruch der Lesben beginnt.«

 

 

Anmerkung der Redaktion:

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen gekürzten und bearbeiteten Auszug aus Stefan Volks Buch Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute. Erschienen im Schüren-Verlag.

 

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