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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 18:35

    Kritik und Experiment von Ulrich Wegenast

    23.06.2011

    Jan Lenica und die Gartenzwerge

    Walt Disney ist für den Animationsfilm, den man früher Zeichentrickfilm oder schlicht Trickfilm nannte – er war ja auch keineswegs immer gezeichnet –, was McDonalds für die Gastronomie ist. Jeder kennt Walt Disney, er ist über Generationen hinweg omnipräsent, und er repräsentiert wie McDonald's den US-amerikanischen Kitsch. Und wie es auf der ganzen Welt weitaus besseres Essen gibt als Big Macs und Chicken-Nuggets, so existieren zahllose Spielarten des Animationsfilms, die künstlerisch bedeutender, filmisch interessanter und formal wie inhaltlich intelligenter sind als Disneys Blockbuster. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Als vierte Folge einer auf sechs DVDs konzipierten Edition zur Geschichte des deutschen Animationsfilms ist jetzt unter dem Titel Kritik und Experiment eine von Ulrich Wegenast betreute Auswahl von neun westdeutschen Beispielen aus den Jahren 1954 bis 1985 erschienen. Das ist zu wenig, um repräsentativ zu sein. Immerhin kann man an den Kostproben erkennen, dass der Trickfilm, mit Verspätung meist, auf die Entwicklungen in der bildenden Kunst reagiert. Das Stichwort »Experiment« trifft noch am ehesten auf die fünfziger Jahre zu, als der Trend zur Abstraktion, die es im Film freilich schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hatte, in Deutschland ebenso wie in Frankreich und anderswo, auch vom Animationsfilm wieder aufgenommen wurde, mit deutlicher Anlehnung an die ungegenständliche Malerei der Nachkriegszeit. Nach wie vor galt es als Herausforderung, abstrakte Formen (man nannte das früher auch »Cinéma Pur« oder »Absoluten Film«) in Bewegung zu versetzen. Walt Disney ist über Fantasia nicht hinausgekommen.

     

    Für das Stichwort »Kritik« mag der Filmtitel Die Gartenzwerge stehen. Damit sind die Deutschen gemeint, deren Geschichte vom Ende des Krieges bis zum Wirtschaftswunder Wolfgang Urchs im zehnminütigen Schnelldurchlauf auf sinnfällige Kürzel reduziert. Kennzeichnend für den deutschen Animationsfilm nach 1945 ist seine pazifistische Grundhaltung. Hier wurde der Grundstein gelegt für eine Einstellung, die noch beim Golfkrieg die Nation prägte. »Nie wieder Krieg!« war Konsens – auch im Animationsfilm und auch in Opposition zur Wiederaufrüstung unter Adenauer.

     

    Beredtes Zeugnis

    Deutlich wird bei der Auswahl die Affinität des Animationsfilms zur Komik. Selbst wo eine, oft sehr schlichte, ernste Aussage zugrunde liegt, gelegentlich ausformuliert wie die »Moral« in der Fabel, wird auf komische Pointen nicht verzichtet, für die Tricktechniken eine gute Voraussetzung liefern. Der Animationsfilm erlaubt »schwarzen Humor«, der im Realfilm – zumal von kirchlichen Bewertungskommissionen – als »geschmacklos« verdammt wurde. Körperliche Versehrung und folgenlose Brutalität gehören zum Genre. Auch der Surrealismus hat im Animationsfilm seine Spuren hinterlassen – am auffälligsten vielleicht bei Jan Lenica, einem Giganten des Genres, eigentlich Pole, der aber auf der DVD mit einem Film vertreten ist, den er in Deutschland produzieren konnte.

     

    Am Ende der Folge steht ein abendfüllender Film, der, mit den Stimmen prominenter Schauspieler und zeichnerisch eher konservativ, die biblische Geschichte von Joseph und seinen Brüdern erzählt. Es ist ein kurioser Film mit seiner verquälten Haltung dem Judentum gegenüber und seinem halbherzigen Bemühen, das Alte Testament zugleich umzusetzen und zu ironisieren. Doch gerade dieser Film, der nur dreißig Jahre auf dem Buckel hat, aber ziemlich verstaubt wirkt, legt beredtes Zeugnis ab über die Stimmung in Westdeutschland, als das Jahr 68 schon fast wieder vergessen war. Von Experiment ist da kaum noch etwas zu spüren. Und wenn der Pharao die Juden nach Ägypten einlädt, damit sie die dort unbekannte Viehzucht einführen, und das damit kommentiert wird, daraus ließe sich etwas für die Gegenwart lernen, dann ist das schon ein Höhepunkt aktueller Kritik. Ästhetisch bedeutet Shalom Pharao einen gewaltigen Rückschritt gegenüber Helmut Herbsts anderthalb Jahrzehnte älteren Sechs-Minuten-Film Schwarz-Weiß-Rot. Die DVD macht es möglich, sich davon zu überzeugen.

     

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