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Geheimsache Ghettofilm

26.05.2011

Wie Propaganda funktioniert - ein Film und der Umgang damit

Vielleicht besteht der angemessenste Gebrauch dieser DVD darin, den Ton abzuschalten und die Farbsequenzen zu überspringen. Was dann übrig bleibt, reicht, um Albträume zu gewährleisten. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Propaganda definiert T.H. Qualter so: »P. ist der bewusste Versuch eines Individuums oder einer Gruppe, die Verhaltensweisen anderer Gruppen unter Benützung der Kommunikationsmittel zu formen, zu kontrollieren oder zu verändern, mit der Absicht, dass die Reaktion der so Beeinflussten in jeder gegebenen Situation die vom Propagandisten erwünschte sein wird.« Und Richard Taylor fasst es noch kürzer: »P. ist der Versuch, die öffentlichen Meinungen eines Publikums durch die Übermittlung von Ideen und Werten zu beeinflussen.«

 

Der Film wurde im 20. Jahrhundert zum mächtigsten Medium der Propaganda. Die Nationalsozialisten wussten das sehr genau, und sie »benützten« dieses »Kommunikationsmittel« ebenso wie den Rundfunk für ihre Zwecke. Propaganda: das ist Werbung für politische Ideen, im Nationalsozialismus also unter anderem für die Ausrottung der Juden. Sie musste plausibel gemacht werden. Die Hemmungen der christlichen und humanistischen Zivilisation, so gering sie sein mochten, mussten überwunden werden. Dabei spielt der Dokumentarfilm eine besondere Rolle. Er zeigt eine scheinbare Wirklichkeit, und auf diese Täuschung fallen Zuschauer bis heute immer wieder herein. Indem man Feindbilder schafft und bestärkt, fördert man die Einigkeit derer, die zur eigenen Gruppe gehören.

 

1942 wurde im Warschauer Ghetto ein Film gedreht, der einerseits nachweisen sollte, dass die dort internierten Juden, die drei Monate später in die Vernichtungslager deportiert wurden, ein »normales« Leben führen konnten, andererseits aber Juden als vertierte Untermenschen zeigte oder auch als Privilegierte, die ihre eigenen Landsleute verachteten und ausbeuteten. Der Film wurde nie fertiggestellt oder zur Aufführung gebracht. Jetzt liegt das Material vor, und es ist nicht übertrieben, wenn man es als sensationell bezeichnet. Es dokumentiert hinter allen Inszenierungsbemühungen und Beschönigungsversuchen die tatsächlichen Zustände im Ghetto und liefert zugleich ein einzigartiges Beispiel für die Mechanismen von Propaganda.

 

Paradoxer Effekt

Leider aber scheinen die Produzenten des Films über einen Film, der jetzt als DVD vorliegt, nicht an die Macht der Bilder geglaubt zu haben. Sie haben sie mit Musik zugekleistert. Das erweckt Misstrauen. Als ob es der sentimentalen Suggestion bedürfte, wo jeder sehen kann, der Augen im Kopf hat. Und obwohl gleich zu Beginn mitgeteilt wird, dass das aufgestöberte Material ohne Ton war, fühlte man sich bemüßigt, es mit »realistischen« Geräuschen zu unterlegen. Im »voice over« hört man, ergänzend, vorgelesene Auszüge aus Tagebüchern von Ghettobewohnern, die von den Filmaufnahmen erzählen. Wiederholt versichern sie, dass sie genau wussten, wofür die Aufnahmen dienten, wie die Wirklichkeit manipuliert wurde. Traut man dem heutigen Betrachter nicht zu, dass er diese Propagandamechanismen erkennt? Müssen sie ihm tatsächlich ständig unter die Nase gerieben werden? Wenn dem so wäre, stellte das den Menschen siebzig Jahre nach dem Holocaust ein schlechtes Zeugnis aus. Lehrreicher als alle Kommentare sind die zusätzlichen Fragmente, in denen die für den angestrebten Zweck wirksamsten Einstellungen ausprobiert wurden.

 

Mehr noch. Der Kameramann des Ghettofilms hat als Zeuge in einem Prozess ausgesagt. Seine Aussagen wurden Wort für Wort protokolliert. Der Film über seinen Film aber begnügt sich nicht damit, diese Aussagen wie die Tagebuchaufzeichnungen der Opfer aus dem Off sprechen zu lassen. In einem Anflug von Bebilderungswut stellt er die Interviews vielmehr mit zwei Schauspielern nach. Das unsägliche Breloer-Syndrom hat auch hier zugeschlagen. Mit dem paradoxen Effekt, dass der Kollaborateur ein Gesicht (wenn auch das des ihn verkörpernden Schauspielers) hat, die Opfer aber, die er überlebt hat, gesichtslos bleiben, beziehungsweise nur in der verzerrten Abbildung durch ihre Verfolger zu sehen sind. Der Kameramann ist ein Mensch, die Tagebuchschreiber sind bloß Stimmen. Vertreten werden sie durch Überlebende, deren erschütterte und erschütternde Reaktion auf den Ghettofilm bis an die Grenze des Voyeurismus vorgeführt wird. Wie sie der Deportation ins KZ entkommen sind, wird leider nicht erwähnt.

 

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