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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:39

    goEast - das 11. Festival des mittel- und osteuropäischen Films

    15.04.2011

    Ihr Einsatz, bitte!

    Zählten in unserer Kultur literarische mehr als militärische Siege und Niederlagen, fiele einem zum Stichwort »deutsch-russische Beziehungen« Wiesbaden, nicht Stalingrad ein. Denn hier hat Dostojewski im Casino sein Geld verspielt und anschließend seinen Roman Der Spieler diktiert.

     

    Auch die im Museum ausgestellte imposante Sammlung von Bildern Alexej von Jawlenskys, der von 1921 bis 1941 in Wiesbaden lebte, erinnert an ein Kapitel deutsch-russischer Beziehungen. Die Russen, die heute zum Festival goEast anreisen, setzen nicht ihr Vermögen ein, sondern nur Filme, für die sie mit etwas Glück einen Preis gewinnen können, die sie aber auf alle Fälle wieder zurück bekommen. So gesehen sind Künstlerschicksale erträglicher geworden. Selbst in Russland. 

     

    Einmal im Jahr, zum festen Termin der Berlinale, macht die österreichische Filmszene einen Betriebsausflug. Da kommen all jene, die sich ansonsten im Wiener Café Engländer treffen, im Berliner Café Einstein zusammen. Die extra eingeflogene zuständige Ministerin freut sich bei kaltem Buffet und kostenlosen Getränken darüber, all die Gesichter zu sehen, die sie am folgenden Tag in der österreichischen Botschaft bei einem noch reichhaltigeren Buffet erneut begrüßen darf.

     

    Die Osteuropäer müssen sich mit Wiesbaden begnügen, wo sie sich seit zehn Jahren bei goEast ein Stelldichein geben. Offiziell nennt es sich »Festival des mittel- und osteuropäischen Films«, aber was soll man mit dieser ehemals geographischen und dann politischen Bezeichnung anfangen, wenn zwar Prag dazu gerechnet wird, nicht aber das östlich davon liegende Wien, wenn der Balkan zu – ja was nun? Osteuropa? Mitteleuropa? – gehört und der traditionelle Komplex Südosteuropa somit entfällt? Und wie verhält es sich mit dem europäischen Teil der Türkei? Die DDR wurde zu Osteuropa gerechnet. Liegen Leipzig und Dresden seit der »Wende« in Westeuropa? Und was ist dann mit Warschau, Riga oder Budapest?

     

    Zum Ritual geraten

    Spät, sehr spät flossen die öffentlichen Gelder, mit denen man den Festivals in Cottbus und Selb, die sich schon lange zuvor mit mehr Idealismus als materieller Unterstützung um den osteuropäischen Film kümmerten, in Wiesbaden Konkurrenz schuf. Aber man muss über jede Initiative froh sein. Nach wie vor gilt, was Martin Pollack erst kürzlich anlässlich einer Preisverleihung in Leipzig anklagte und auch Walter Mossmann, der sich in den vergangenen Jahren mit der Ukraine auseinandergesetzt hat, mehrfach betonte: Der Westen ist an den Zuständen in Osteuropa sträflich desinteressiert. Wobei bemerkenswerterweise das Interesse an Weißrussland in dem Maße zunimmt, in dem Ungarn und andere Länder erkennen lassen, dass totalitäre Tendenzen nicht auf kommunistische Regimes beschränkt sind. Der Kalte Krieg und mit ihm die Doppelmoral sind nicht zu Ende. Wenn im Baltikum SS-Kollaborateure rehabilitiert werden, wird das schon fast als Normalität hingenommen. Umso erfreulicher, dass sich ein Symposium bei goEast heuer mit der »Neuen Rechten im osteuropäischen Film« auseinandersetzte. Der Besuch allerdings hielt sich in Grenzen.

     

    Um Klartext zu reden: Wer heute wegschaut bei bestimmten Entwicklungen im »gemeinsamen europäischen Haus«, verhält sich nicht anders als die Vorfahren, die nicht bemerkt haben wollen, dass ihre Nachbarn deportiert wurden. Sage später keiner (und keine), er (und sie) hätte nicht davon gewusst. Wenn mehr Interesse an Osteuropa angemahnt wird, so ist damit nicht Apologie gemeint und schon gar nicht Zustimmung zur Regierungspolitik. Man konnte sich für die USA interessieren, ohne George W. Bush zu lieben. Wahrscheinlich zeigte sich die wahre Empathie für die USA gerade in der Unterstützung von Bushs Gegnern. Warum sollte sich das in Bezug auf Osteuropa anders verhalten?

     

    Was die ausländischen Gäste von goEast betrifft, so dienten sie immerhin dazu, die Bilanz aufzubessern. Denn die blumigsten Begrüßungsreden aus der Politik und die hoffnungsvollsten Vorschusslorbeeren für die neue Direktorin geraten zum Ritual, wenn das Publikum ausbleibt. Die Wiesbadener pilgerten lieber auf den Markt, wo sechs Flaschen Wein für 20 Euro angeboten wurden, oder zu den neuesten Automodellen, die die Fußgängerzone verstellten, als in das dahinter liegende schöne Festivalkino. Wenn all jene, die sich bei der Eröffnungsparty getummelt haben, auch ins Kino gegangen wären, hätte man sich nicht ganz so verloren gefühlt. Nur bei wenigen Abendvorstellungen war das Kino halbwegs voll.

     

    Pointen und Pathos

    Zweierlei Aufgaben, die einander nicht ausschließen, hätte ein Festival wie goEast zu erfüllen: die zunehmende Zahl von aus Ost- und Südosteuropa stammenden Mitbürgern mit Kultur aus ihren Herkunftsländern zu versorgen; und die Deutschen über jene Länder zu informieren, über die sie weitaus weniger wissen als über die USA. Die erste Aufgabe wird ansatzweise erfüllt – Russen besuchen russische Filme wie Schwule Schwulenfilme, Feministinnen feministische und Esoteriker esoterische Filme bevölkern –, aber bei den Verlockungen für die Deutschen hapert es.

     

    Das unübersehbare Desinteresse ist umso bedauerlicher, als ein großer Teil der ausgewählten Filme inhaltlich wie formal zumindest interessant war. Der Heizer etwa von Aleksej Balabanov ist eine abgründig makabre Komödie über das kriminalisierte Russland, sarkastisch verknappt in der Entwicklung der Story und keineswegs komisch in ihrer Aussage. Es kann als bemerkenswert gelten, wenn sich der nur scheinbar tumbe »Rächer« am Ende, wenn er mit den »Bösen« aufräumt, seine Majorsuniform mit den Orden für den Helden der Sowjetunion anzieht. Er überlebt seinen Feldzug gegen die Feinde im eigenen Land, anders als einst den Afghanistan-Krieg, freilich nicht. Wenn Komödien ein gutes Ende haben, dann ist diese Satire doch eher eine Tragödie. Der Film wird von Anfang bis Ende mit lateinamerikanischen Rhythmen untermalt, die nicht etwa, wie üblich, die Bilder verstärken wollen, sondern, im Gegenteil, über sie zu lachen, von ihnen zu sagen scheinen: was sich da so ernst nimmt, ist nicht mehr als Karneval.

     

    Mit den Mitteln der Komödie arbeitet auch der Bulgare Ivajlo Christov in Spuren im Sand. Man könnte  diesen Film als zeitgenössische Variante von Peer Gynt beschreiben. Ein junger Mann verlässt seine bulgarische Heimat und kehrt nach verschiedenen Stationen dorthin zurück, wo er in seiner Kindheit das Glück gefunden zu haben meinte. Die Hauptrolle spielt, naiv und verschlagen zugleich, Ivan Barnev, den wir aus Jiri Menzels Ich habe den englischen König bedient kennen. Der Film ist angefüllt mit originellen, leider auch mit überflüssigen klischeehaften Einfällen, die ihn, fände sich nur ein Verleih, eigentlich auch für ein (westliches) Massenpublikum attraktiv machen müssten.

     

    Polen steuerte mit Wiegenlied eine Vampir-Komödie zum Wettbewerb bei, ein Genre, das offenbar unerschöpflich ist. Ob man alle Pointen witzig findet, ist wohl Geschmackssache. Die kolonialistischen Verhaltensweisen des Westens im Allgemeinen und Deutschlands im Besonderen etwa wären ja durchaus ein Thema, das eine ernsthafte Abhandlung verdiente. Aber ob man es damit erledigen kann, dass man einen Deutschen, der ein Haus in Masuren kaufen will, mit einem Stahlhelm zeigt, ist doch recht fraglich. Mit nationalen Versatzstücken wird man, auch wenn sie ihren historischen »wahren Kern« haben, kaum Aufklärung betreiben können.

     

    Mit elementarer Wucht, mit archaischem Pathos kommt Sibirien. Monamour von Slava Ross daher. Man könnte es, vereinfacht, als russisches Gegenstück zum zurzeit gefeierten amerikanischen Film Winter‘s Bone betrachten, mit dem Unterschied freilich, dass die Handlung weniger streng organisiert ist, dass ihre Fäden erst spät zu einem versöhnlichen Ende gebündelt werden.

     

    Der allgegenwärtige Fernsehnaturalismus

    Der rumänische Film hat in den vergangenen Jahren einen Ehrenplatz innerhalb der internationalen Filmkunst erobert. Zu seinen Eigenheiten zählen lange Einstellungen, ein sparsamer Dialog, die Genauigkeit der Beobachtung auch bei scheinbar nebensächlichen Details und eine pessimistische Grundstimmung. Aber der Erfolg verführt zur Nachahmung, und die Entdeckung von gestern wird schnell zur Masche. In Aurora von Cristi Puiu hat sich die Methode verselbständigt. Der Regisseur hat nichts  mitzuteilen, was drei Stunden Filmlänge rechtfertigen könnte. So bleibt eine behavioristische Studie eines depressiven Charakters, wenn man so will: einer Borderline-Persönlichkeit. Was Louis Malle einst mit Le feu follet (Das Irrlicht) oder Evald Schorm mit seiner Rückkehr des verlorenen Sohnes überzeugend gelungen ist, wird hier zum manieristischen Leerlauf. Dem entspricht die mechanistische Kamera, die die Figur ständig in die Bildmitte rückt und sofort, wie von einem Computer gesteuert, seitwärts schwenkt, wenn sich die Figur im Ausschnitt bewegt.

     

    Der zweite rumänische Film Morgen von Marian Crisan spielt an der rumänisch-ungarischen Grenze und handelt von einem Wächter in einem Supermarkt (ein Beruf, der in Filmen, so auch in dem kroatischen Wettbewerbsbeitrag Mutter des Asphalts, öfter vorkommt), der einem illegal eingereisten, zu seinem Sohn in Deutschland strebenden Türken hilft. Er ist kein Held, nur ein Mensch, der tut, was ihm als selbstverständlich erscheint. Der Film besticht durch seine sympathische Botschaft. In seiner Machart bleibt er im Rahmen der Konvention.

     

    Originalität ist kein Wert für sich. Aber nach all den Klischees, nach all den realistischen Abbildungen von Szenen, die wir aus der Filmgeschichte wie aus dem wirklichen Leben kennen, die also nur verdoppeln, was wir schon wissen, tut ein Film gut, dessen Ablauf nicht sehr bald vorhersehbar ist und der nicht mit jedem Detail seine eigene Deutung liefert. Kopf – Hände – Herz von David Jarab aus der Tschechischen Republik steht in der Tradition einer spezifisch tschechischen Spielart des Surrealismus, die in den zwanziger Jahren im sogenannten Poetismus, zu dem unter anderem die Maler Štyrský und Toyen sowie der Dichter Nezval gerechnet werden, ihren Anfang nahm und über Bohumil Hrabal bis zum aus der Slowakei stammenden Filmemacher Juraj Jakubisko reicht. Dieser in vieler Hinsicht modernste Beitrag zum Wettbewerb kommt im Gewand eines Kostümfilms daher und spielt vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs. Wenn da menschliche Körperteile ein Eigenleben entwickeln, so trifft sich ein überliefertes surrealistisches Motiv mit einer im Krieg durchaus realen Erfahrung. Die Nähe zur bildenden Kunst wird durch eine Kamera betont, die insbesondere die faszinierende Hauptdarstellerin Viktorie Cermáková wie gemalt erscheinen lässt. 

     

    Kopf – Hände – Herz hatte keine Chance auf einen Preis. Könnte es sein, dass der allgegenwärtige Fernsehnaturalismus die Sehgewohnheiten auch von Fachleuten so sehr geprägt hat, dass wir heute von einem subversiven Kino weiter entfernt sind als zurzeit von Buñuels Frühwerk? Darf das nicht rational Erklärbare nur in komischer Form daher kommen? Vampiren verzeiht man, dass sie Blut aus einem großen Zeh saugen. Aber eine Hand, die sich selbständig macht, mit ihrem früheren Eigentümer redet und von einem Löwen gefressen wird, übersteigt die Toleranz anatomisch gebildeter Zuschauer. Da verwandelt sich die Irritation rasch in Aggressivität. Die Deformation des menschlichen Körpers, die in der bildenden Kunst längst akzeptiert wird, ja im Puppen- oder Animationsfilm zu den konstitutiven Verfahren gehört, wird beim Spielfilm, den der naive Zuschauer, wie die Fotografie, immer noch mit der Wirklichkeit verwechselt, abgelehnt. Der versehrte Körper löst im Spielfilm, anders als die Zeichentrickfigur, die von einer Dampfwalze plattgedrückt wird und gleich darauf in voller Größe aufersteht, oder die Tonfigur, deren Kopf zu einer Wurst geknetet wird, offenbar Ängste aus.

     

    Am Ende eine Bitte

    Jeder weiß, dass zu viele Köche den Brei verderben, zumal wenn einer Kartoffelbrei, der andere Grießbrei und der dritte Haferbrei kochen möchte. Trotzdem erliegen Filmfestivals immer wieder dem Irrtum, man käme zu einer besseren Entscheidung, wenn man die Jury möglichst heterogen zusammensetze. Je unterschiedlicher jedoch die Kriterien sind, desto fader wird meist der Kompromiss, auf den man sich schließlich einigt. Qualität in den Künsten ist radikal, und Radikalität verschmäht den kleinsten gemeinsamen Nenner. In Wiesbaden aber hat sich diese Erfahrung nicht bestätigt. Die Jury vergab ihren Hauptpreis für den besten Film in Übereinstimmung mit der FIPRESCI-Jury, aber unabhängig von ihr, an Aleksej Balabanovs Heizer. Ein Film des Kompromisses ist dies bestimmt nicht. 

     

    Die Bilanz also des elften goEast-Festivals: Die vom Deutschen Filminstitut ernannte neue Leiterin Gaby Babic hat ihren Job unter den bestehenden Bedingungen gut gemacht, zumal wenn man nicht nur den Wettbewerb, sondern das vielfältige Gesamtprogramm ins Auge fasst. Eine Jan Švankmajer-Retrospektive oder ein Stummfilm Josef von Sternbergs mit Emil Jannings, so fragwürdig er in seiner Idealisierung der zaristischen Generalität ist, waren an diesem Ort fast »verschenkt«. Das Nörgeln gehört zur Kritikerpose, und sicher ließen sich etwa aus der polnischen Produktion des vergangenen Jahres Filme nennen, die in mehrerer Hinsicht bedeutender sind als der Wettbewerbsbeitrag Wiegenlied. Aber man muss den Programmgestaltern ein Maß an Subjektivität zugestehen. Jedem und jeder können sie es nicht recht machen, und auch im günstigsten Fall kann die Auswahl nicht besser sein als das Angebot der Jahresproduktion. Die Öffentlichkeitsarbeit ließ zu wünschen übrig, aber die Organisation funktionierte mehr als nur zufriedenstellend.

     

    Eine Bitte am Ende: Ein Festival mit osteuropäischem Schwerpunkt und einer Direktorin mit kroatischer Herkunft sollte sich die Mühe machen, das kyrillische Alphabet konsequent in die für Deutschland geltende Schreibweise, möglichst unter Verwendung der diakritischen Zeichen, die dem Katalog (anders als leider diese Website) für das Kroatische, das Polnische oder das Tschechische durchaus zur Verfügung stehen, zu übertragen. Das ist auch eine Frage des Respekts vor Eigennamen. Dann heißt es nicht einmal Christov, das andere Mal Hristov, nicht Skurikhin, sondern Skurichin, nicht Skryabin, sondern Skrjabin, nicht Yury sondern Jurij.

     

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