TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 20:43

Mensch 2.0: Die Evolution in unserer Hand (DVD)

07.04.2011

Wunschtraum oder Horrorvision?

Der Traum vom menschlichen Automaten, vom Maschinenmenschen begleitet die Menschheit durch ihre Geschichte. Er hat die künstlerische und wissenschaftliche Fantasie seit je beflügelt und hat mit den Möglichkeiten der technischen Realisierung an Intensität und Vielfalt zugenommen. Meist löst er negative Vorstellungen aus – Ängste, Befürchtungen, und das mit guten Gründen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Negative Utopien in Philosophie, Literatur und Film sind angefüllt mit künstlichen Menschen und Automaten. Aber die Entwicklung ist, wie bei der Atomspaltung oder der Gentechnologie, nicht aufzuhalten. Was machbar ist, wird erfahrungsgemäß allen Warnungen zum Trotz gemacht. Nur ein totalitäres Regime könnte das, wie Ray Kurzweil ausführt, verhindern, und wer wollte das schon? Die für den Menschen nützlichen und förderlichen Möglichkeiten – auch darin gleicht die Situation der bereits historischen in Atomphysik und Genforschung – scheinen die Bedenken wegen Missbrauchs und unvorhersehbarer Katastrophen außer Kraft zu setzen.

 

Es versteht sich, dass der Wissenschafts- und Fortschrittsoptimismus derer, die mit der Materie beschäftigt sind und ihr Einkommen, Prestige, vielleicht sogar Ruhm verdanken, Skeptiker nicht überzeugen wird. Und Vorsicht ist allemal angebracht. Die Bedenken, insbesondere gegenüber der Vernachlässigung ethischer Normen angesichts des technisch Machbaren, sind nicht nur begründet, sondern unbedingt notwendig. Andererseits können sie, verabsolutiert, zu einer Wissenschaftsfeindlichkeit führen, die auch jenen Fortschritt hemmt, der dem Menschen nützt. Wir profitieren heute von Entdeckungen, Erfindungen und Technologien, die zunächst auf heftigen Widerstand stießen. Und so weit ist es auch bei Konservativen, die sich gegen Neuerungen sträuben, nicht her mit der Ethik. Mit konventionellen Waffen wurde nicht weniger unbedenklich getötet als mit Atombomben, und ganz lässt sich die These nicht von der Hand weisen, dass es nicht zuletzt ihrer Existenz zu verdanken war, wenn sich der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion nicht zu einem Weltkrieg gewandelt hat.

 

Aufregende Fragen allemal

Ob die Computertechnologie, und, damit eng verbunden, die Gehirnphysiologie für die Menschheit mehr Segen oder mehr Gefahren gebracht hat, ist noch nicht entschieden. Es gilt, was Ray Kurzweil selbst für das Feuer und das Rad postuliert: Sie trugen von Anfang an die Gefahr des Missbrauchs in sich. Und doch wollten wir nicht auf sie verzichten. Es mag befremden, wenn Kurzweil bekennt, dass er täglich 150 Pillen einnehme, um seinen Körper und seine Biologie zu steuern. Aber das verringert nicht die Überzeugungskraft vieler seiner Argumente, insbesondere über das exponentielle Wachstum, also die rasante Beschleunigung technischer Entwicklungen. Ob seine Prognosen tatsächlich im Jahr 1925 oder erst zehn Jahre später eintreffen werden, ist dabei von sekundärer Bedeutung. Jedenfalls sind sie seriöser als all die Trivialbilder von Androiden und Avataren, die bis zum Überdruss durch Populärfilme verbreitet werden. Und sie werden, in verschiedenen Varianten, von vielen Wissenschaftlern geteilt, die in dieser Dokumentation zu Wort kommen.

 

Wird sich der Mensch in naher oder fernerer Zukunft in Konkurrenz zur »intelligenten Maschine« neu definieren müssen? Sind wir mit ganz neuen Kulturtechniken, neuen Verhaltensnotwendigkeiten konfrontiert, und bleibt uns genug Zeit, sie zu erlernen? Wird bald alles berechenbar und somit künstlich herstellbar sein, oder wird es auch in Zukunft jenseits des Algorithmus etwas geben, was Alexander Kluge in das schöne Bild von der dreizehnten Fee bringt, die man vergessen hat und die alle in den Schlaf versetzt? Wie man auch dazu stehen, welche Prognose einem auch plausibel erscheinen mag: aufregend sind die Fragen allemal.

 

Manche Aspekte der vor allem in den USA und in Japan durchgeführten Forschungen sind einfach komisch. Etwa wenn ein schlangenförmiger Roboter dazu verwendet werden soll, Bettwanzen in Hotels aufzufinden. Auch bringen die Versuche, den Computer dem Menschen ähnlich erscheinen zu lassen, unfreiwillig zu Bewusstsein, wie automatenähnlich sich Menschen zunehmend verhalten, wie automatenähnlich sie oft reagieren und auf Fragen antworten – nicht etwa, weil das Gehirn einem Computer gliche, sondern aus Gründen, für die die Soziologie zuständig ist.

 

Einige Kapitel der Dokumentation beschäftigen sich mit der Frage der Lebensverlängerung. Und da wird, am Rande, die ethische Problematik schlagartig deutlich. Ein Spezialist für Langlebigkeit, der offenbar an seiner Therapie sehr gut verdient, sagt, dass sich die Verlängerung des Lebens von Sozialhilfeempfängern nicht lohne, weil sie für die Gesellschaft nicht von Nutzen sein. Sein eigenes Leben aber und das von Menschen, die etwas zu leisten vermögen, sollte verlängert werden. Er ist übrigens einer der wenigen Interviewpartner, die sich auf Gottes Willen berufen. Von einer Herrenrasse spricht er nicht, aber sein Entwurf kommt dieser Vorstellung sehr nahe. Bei diesem Chinesen, der im kalifornischen Palm Springs eine Luxuspraxis betreibt, kommt man nicht umhin, an negative Utopien von Gruselfilmen zu denken.

 

Die Box besteht aus zwei Teilen mit je zwei DVDs, die sich thematisch überschneiden, formal jedoch unterscheiden. Zwei DVDs stammen aus der Werkstatt von Alexander Kluge und tragen dessen unverwechselbare Handschrift, die anderen zwei sind eine Produktion der Neuen Züricher Zeitung, für die Basil Gelpke als Autor firmiert.

 

Wer Alexander Kluges Werk kennt, wird sich nicht über sein Interesse für die Problematik wundern. Sie weist einerseits in eine Zukunft voraus, die zwar fremdartig, aber keineswegs weit entfernt sein muss, und betrifft zugleich unsere unmittelbare Gegenwart, in der Weichen gestellt und irreversible Entscheidungen gefällt werden. Auch entspricht es Kluge, Technik und Poesie, Naturwissenschaften und Philosophie als Einheit zu denken. Sein Ansatz ist universalistisch, seine Bezugsquellen liegen in der Antike ebenso wie in der aktuellsten Forschung.

 

Echte Menschen - spannend wie ein Krimi

Alexander Kluge neigt, wie sein letzter Gesprächspartner Michel Serres, dazu, metaphorisch zu sprechen, was zwar dichterischen Reiz hat, aber nicht unbedingt immer zur Eindeutigkeit beiträgt. Serres selbst plädiert mit großem Nachdruck für einen Internationalen Gerichtshof, von dem die Natur als Rechtssubjekt anerkannt wird, vor dem also beispielsweise das Meer BP anklagen kann. Das ist eines jener pompösen Bilder, die mehr scheinen wollen, als sie sind. Da das Meer bekanntlich nicht sprechen kann, bedeutet der Vorschlag nicht mehr als die verbreitete, fast schon banale Forderung nach einer besseren juristischen Verankerung des Umweltschutzes. Es wird wohl dabei bleiben, dass sich das Meer vom Menschen vertreten lässt. Aber es klingt halt schöner, wenn man das Meer als Ankläger imaginiert, als wenn man ganz prosaisch bessere und international anerkannte Umweltgesetze einmahnt. Das Problem ist die Macht von Konzernen wie BP, nicht die Ohnmacht der Natur. Die Klimaschutzkonferenzen sind da erhellender als Michel Serres.

 

Filmisch lässt sich die NZZ-Format-Produktion mit Kluges dctp-Editionen nicht vergleichen. Während Alexander Kluge seine Gegenüber durch Zwischenfragen und Bemerkungen zwingt, ihre Aussagen zu präzisieren, zu paraphrasieren, auch mal von einem Gedankengang abzuweichen, besteht die NZZ-Format-Produktion zu einem großen Teil aus Interviews, aus denen die Fragen entfernt wurden, die sich also dem Vortrag annähern. Ihr Wert liegt fast ausschließlich auf informativem, nicht auf ästhetischem Gebiet. Die Informationen allerdings sind so dicht, so aufregend, auch beunruhigend, dass man einem Krimi beizuwohnen wähnt. Und man ertappt sich ständig bei eigenen Vorurteilen, ist gezwungen, sein eigenes Denken, seine eigenen (moralischen) Werte zu überprüfen. Insofern ist Mensch 2.0 – darin ist sich Alexander Kluge treu und Basil Gelpke mit ihm konform – fundamental aufklärerisch. Eine religiöse Haltung, die einzelne Fragestellungen a priori ausschließt und dem Glauben opfert, lässt diese Dokumentation nicht zu.

 

Die Kamera hält bei den Beiträgen von NZZ-Format über lange Strecken auf die Interviewten, in Großaufnahme oder Nahaufnahme. Und da ergibt sich ein bemerkenswertes Paradox. Wenn man intelligenten Menschen beim Sprechen zuhört und zuschaut, ist das spannend wie ein Krimi. Bei den Gesprächen mit Robotern stellt sich dieser Effekt nicht ein. Jedenfalls noch nicht. Und noch ein Detail: Wenn von Menschen die Rede ist, wählt Gelpkes Team Jazz zur Untermalung. Wenn es um künstliche Intelligenz geht, favorisiert es elektronische Musik. Der Mensch unterscheidet sich, metaphorisch gesprochen, von der Maschine wie der Jazz von der elektronischen Musik. Man muss nicht an eine Seele glauben, um diesen Unterschied zu erkennen.

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

10 Gründe, Engelmann zu lieben

Aufgelistet von BRIGITTE HELBLING

Der Spielplatz macht zu

Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter