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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 07:57

    Die Berlinale diesseits des Wettbewerbs - eine Rückschau

    21.02.2011

    Kju en Ej

    Am Berliner Ensemble hat Thomas Bernhards Einfach kompliziert Premiere. Gert Voss führt vor, was große Schauspielkunst auf der Bühne bedeuten kann. Von  THOMAS ROTHSCHILD

     

    Am nächsten Tag wird bei der Berlinale im Wettbewerb, wenngleich außer Konkurrenz, Unknown gezeigt. Darin spielt Bruno Ganz mit. Er ist, wie Gert Voss, mit dem aktuellen Theater junger Regisseure unzufrieden und hat der Bühne eine Absage erteilt. Er will nur noch Filme machen. In Unknown verkörpert er einen alten Stasi-Offizier, neben einer illegal in Deutschland arbeitenden Bosnierin die einzige ehrliche und sympathische Figur in dem Film. Er ist, wie könnte es anders sein, großartig. Aber kann es ihn wirklich glücklich machen, an solch einem Schmarrn mitzuwirken? Wo man einst Monicelli, Kurosawa und Godard präsentierte, reizt man heute mit einem drittklassigen Actionfilm zu unfreiwilligen Lachern.

     

    Das ist der Zustand in der Sektion, die die Berichterstattung bestimmt. Zum Glück ist im Internationalen Forum des jungen Films alles anders.

     

    Eine Frau, die eine schwere Operation überstanden hat, und ihr Sohn, der an Herzrhythmusstörungen leidet, versuchen, ein Ausreisevisum zu bekommen, um dem Vater nach Großbritannien zu folgen. Erst gegen Schluss erfahren wir, dass sich die Geschichte 1987 in Gottwaldov, heute Zlín, zuträgt. Die Frau schreibt an ihren Mann und erwähnt, dass dies ihr 43. Brief sei. Nur der Titel des Films Achtzig Briefe verrät, dass es noch 37 Briefe dauern wird, bis Mutter und Sohn ausreisen können.

     

    Das Spielfilmdebüt von Václav Kadrnka ist ein fulminantes Meisterwerk von erstaunlicher Reife. Es gliedert sich ein in eine marginalisierte Traditionslinie des Kinos, deren Schutzheiliger Robert Bresson heißt. Sie ist charakterisiert durch lange Einstellungen, in denen auf Details äußerste Sorgfalt angewendet wird. Dieser Film kommt ohne satirische Übertreibung, ohne Klischees aus und zeichnet doch ein sehr genaues Bild der Stimmung in der Tschechoslowakei kurz vor der »Samtenen Revolution«. Dass er, wie der Katalog berichtet, einen autobiographischen Hintergrund hat, erscheint dabei von sekundärer Bedeutung.

     

    Marginalisiert wie der langsame Film, der dem Zuschauer Geduld und die Bereitschaft abverlangt, sich in ein Bild »hineinzuschauen«, ist auch der extrem artifizielle Film, der mit der Konzeption des Realismus, jedenfalls in seinem engen Verständnis, nichts anfangen kann. Der absolute Meister dieses Subgenres im deutschen Nachkriegsfilm war Werner Schroeter. Wim Wenders nennt ihn den »exzentrischsten« Regisseur seiner Generation. Elfi Mikesch, die kongeniale Kamerafrau, die mit Schroeter zusammen gearbeitet hat, und selbst eine bedeutende Regisseurin, hat mit Mondo Lux die »Bildwelten« Schroeters dokumentiert, indem sie Ausschnitte aus seinen Filmen, Gespräche mit ihm und mit Menschen, die ihn kannten und verehrten, montiert. Zu den Höhepunkten gehört ein fast surrealer Dialog zwischen Schroeter und Rosa von Praunheim. Schroeters eigene Ansichten klingen manchmal verschroben, stets aber intelligent und radikal, was Widersprüche nicht ausschließt. So mag es verwundern, dass der Filmemacher und Ästhet, der sich in vielen Äußerungen als Rationalist zu erkennen gibt, kurz vor seinem Tod des öfteren in Gesellschaft gebetet haben soll. Es ist ein würdevoller Nachruf geworden, interessant durch die Persönlichkeit, die er porträtiert, wie durch die Empathie, mit der er gestaltet wurde. Gerne hätte man auch etwas über Schroeters Opernregie erfahren, aber Elfi Mikesch wollte sich offenbar auf die gemeinsamen Erfahrungen beim Film mit Nebenblicken auf Schroeters Arbeit am Sprechtheater konzentrieren. Mondo Lux hätte gut ins Forum gepasst. Er wurde im Panorama gezeigt, das sich in den vergangenen Jahren dem Forum mehr und mehr angeglichen hat.

     

    Manchmal möchte man schon an der Einfalt unserer Welt verzweifeln und sich zurückwünschen in die Aufgeklärtheit des Neandertals. Gibt es etwas Lächerlicheres als die Vorstellung, es habe irgendein Bedeutung whatsoever, wenn eine mehr oder weniger talentierte Filmschauspielerin, ein mehr oder weniger bekannter Filmschauspieler über einen roten Teppich geht? Ja, es gibt noch Lächerlicheres. Wenn sich nämlich deutsche Fernsehberühmtheiten, deren Prominenz einzig und allein darin besteht, dass sie prominent sind, wenn sich diese leibhaftigen Tautologien bei Partys vor Kameras spreizen, die ihnen entgegengehalten werden wie erigierte Glieder. Mit Filmkunst hat das alles nichts zu tun, wohl aber mit einer Bildwelt, deren Grundhaltung monarchistisch, voyeuristisch und untertänig ist. Nicht eine Leistung, nicht eine Fähigkeit wird bewundert und der Bewunderung anheim gegeben, sondern die Zugehörigkeit zu einer Minderheit, die es, anders als die verachtete Minderheit auf der gegenüber liegenden Seite der sozialen Ordnung, »geschafft hat«.

     

    Derlei Firlefanz ist dem Internationalen Forum des jungen Films zum Glück nach wie vor fremd. Es hat seine eigenen Gepflogenheiten, die man in Frage stellen mag, die aber der Peinlichkeit entbehren, die den von den Medien kolportierten Betrieb rund um den Wettbewerb auszeichnet. Erfüllt es noch eine Funktion, oder ist es nur noch ein Ritual, das die Vorführung innerhalb eines Festivals vom Kinoalltag unterscheiden soll? Alle spielen jedenfalls brav ihre Rolle, wenn nach dem Film zu »kju en ej«, dem modischen Kürzel für »Question and Answer«, also etwa: F un A, eingeladen wird. Warum das Wort »Diskussion« und die ihm zugrunde liegende Idee einer symmetrischen Kommunikation durch »Frage und Antwort«, englisch und verstümmelt, ersetzt werden musste – that is the Q. Die Moderatorin bekundet ihre Begeisterung für den eben gezeigten Film, der glatzköpfige Herr in der neunten Reihe fragt, was uns der Filmemacher eigentlich sagen wollte, die Frau weiter vorne beklagt, dass eine Nebenfigur in der Geschichte so schlecht weggekommen sei, und der Regisseur erklärt, was er mit Bilder offenbar nicht verständlich machen konnte, und gesteht, dass er nicht wisse, was sich die Schauspieler bei ihren Rollen gedacht haben. Nur selten vermitteln diese Gespräche Einsichten. Eher geben sie den Zuschauern, die neunzig Minuten oder zwei Stunden mehr oder weniger geschwiegen haben, Gelegenheit zur Selbstdarstellung.

     

    Man muss keine Frau sein, um die Perspektive einer Frau zu teilen. Die zentrale Figur von Gabriel Rojas Veras Film Karen weint im Bus liest Nora oder Ein Puppenheim. Wir verstehen: Sie ist aus der Ehe ausgebrochen und ist auf dem Weg der Selbstfindung. Ihr Mann, von dem sie sich getrennt hat, sagt, auf Ibsens Werk angesprochen, er lese keine Romane, und seine Arbeitskollegin fragt, ob es nicht vom Autor der Glasmenagerie stamme. Wir verstehen: Karens Umgebung hat mit Literatur nichts im Sinn. Karen irrt durch ein unwirtliches Bogotá, lernt die Friseuse Patricia kennen, deren Lebensphilosophie sie erst allmählich begreift, und verliebt sich in den Schriftsteller Eduardo. Am Schluss, vor die Alternative gestellt, einen Job in einer Buchhandlung anzutreten oder mit Eduardo nach Argentinien zu gehen und somit von ihm (ökonomisch) abhängig zu werden, entscheidet sie sich, wie man sich eben entscheidet, wenn man Nora gelesen hat. Der unprätentiöse Film besticht durch das Spiel der Protagonisten, allen voran Ángela Carrizosa Aparicios in der Titelrolle, und durch eine subtile Kamera, die vorwiegend mit Großaufnahmen operiert. Ist das nun ein Frauenfilm? Nicht mehr und nicht weniger, als Nora ein Frauendrama ist. Vielleicht hätte Karens Mann es doch lesen oder im Theater ansehen sollen.

     

    Man muss kein Mann sein, um entfremdeten Sex mit wechselnden Partnern, die man lediglich als gesichtslose schwitzende Körper wahrnimmt, zu zelebrieren. Nanouk Leopolds Brownian Movement gliedert sich in drei Teile. Im ersten werden die sexuellen Aktivitäten der Ärztin Charlotte ausführlich, fast pornographisch unserem Blick ausgesetzt. Im zweiten Teil versucht Charlotte sich durch eine psychotherapeutische Behandlung von ihren Zwängen zu befreien, ehe ihr die Berufserlaubnis entzogen wird. Im dritten Teil schließlich beginnt sie ein neues Leben mit ihrer Familie in Indien. Ausgang ungewiss.

     

    Die transsexuelle Variante liefert Marie Losier mit The Ballad of Genesis and Lady Jaye. Und sie macht unabsichtlich bewusst, dass, was sich einst Underground oder Counterculture nannte, nicht weniger konformistisch ist als der Mainstream, gegen den es antrat. Die Lebensformen und Rituale sind uns längst vertraut, und es passt dazu, dass solch ein Milieu nicht in langen Einstellungen gezeigt werden darf wie die zuvor genannten Filme, sondern sich des hektischen Schnitts von Videoclips bedienen muss.

     

    Die tschechisch-slowakische Fernsehproduktion von Erika Hníková, deren Originaltitel auf den Spielfilm Die Hochzeits-Crasher verweist, der aber unter dem englischen Titel Matchmaking Mayor seine Auslandsreise antritt, dokumentiert die Versuche des Bürgermeisters eines kleinen slowakischen Dorfes, die Singles zusammenzubringen, damit sie heiraten und zur Verbesserung der  Bevölkerungsstatistik beitragen. Das kleinbürgerliche Milieu der Provinz reizt das urbane Bildungspublikum beim Internationalen Forum des jungen Films naturgemäß zum Lachen, und es wirkt auch auf den ersten Blick komisch. Aber dahinter verbirgt sich die unendlich traurige Realität einer Existenz, die weit entfernt ist von den idealisierenden Menschenbildern diverser Ideologien. Und nur bornierte Überheblichkeit kann verschleiern, dass die hilflosen Initiativen des Bürgermeisters in ihrem Wesen nichts anderes sind als eine Familienpolitik, die sich solcher Mittel wie Steuererleichterungen oder Kinderbeihilfe bedient. Verglichen mit den anonymen bürokratischen Einflussnahmen hat die Aktivität des Bürgermeisters in einem gottverlassenen Dorf, in dem es noch nicht einmal eine Disco gibt, sogar menschliches Maß. Nein, dieser Film verhöhnt jene nicht, über die wir im Kino lachen. Es ist ein zutiefst humaner Film, der ins Forum – wohin sonst? – gehört.

     

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