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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 29. Juni 2017 | 04:10

     

    "Die Sünderin" wird 60

    18.01.2011

    Abzulehnen!

    Genau 18 Monate lagen in der damals noch jungen Bundesrepublik zwischen zwei bis heute filmhistorisch bedeutsamen Wegmarken; zwischen dem 18. Juli 1949 und dem 18. Januar 1951. Dem Tag also, an dem die FSK im Westflügel des Biebricher Schlosses in Wiesbaden ihren ersten Film begutachtete: Paul Martins von der NS-Zensur verbotenen Intimitäten. Und dem Tag, vor sechzig Jahren, an dem Willi Forsts Die Sünderin den Hauptausschuss der FSK passierte und kurz darauf seine Weltpremiere feierte. Von STEFAN VOLK

     

    »Sünderin vertreibt Pfarrer aus der Selbstkontrolle«, »Sünderin mit dem Sittengesetz unvereinbar«, »Sünderin macht Polizei mobil«, »Kirche boykottiert Sünderin«, »Die Sünderin auf der Anklagebank« – mit Schlagzeilen wie diesen machte Die Sünderin monatelang auf sich aufmerksam und entwickelte sich so zum meistdiskutierten deutschen Film in der Nachkriegszeit und zum bislang wohl größten Skandal der bundesdeutschen Filmgeschichte. »Mein Gott«, resümierte Hildegard Knef Jahre später in einem Interview, »war das eine Aufregung. Und das alles nach dem, was vorher in unserem Land passiert war. Da hatte man nun etwas, wo man seine übrig gebliebenen Zähne reinhacken konnte. Die deutsche Frau entkleidet sich nicht vor Millionen.« Als Die Sünderin 1951 in die Kinos kam, wurde dem Film jedoch nicht nur vorgeworfen, dass in einer Szene die nackte Brust Hildegard Knefs kurz aufblitzte, sondern vor allem, dass er angeblich Prostitution und Freitod verkläre und Sterbehilfe zu positiv darstelle.

     

    Wider "die letzten Grundkräfte der Sitte"

    Am 15. Januar hatte der Arbeitsausschuss der FSK den Film gesichtet und Bedenken hinsichtlich seiner Freigabe angemeldet, die auch in einem Gespräch mit Regisseur Willy Forst und Filmproduzent Rolf Meyer, dem Inhaber der Junge Film-Union, nicht ausgeräumt werden konnten. Der Arbeitsschuss empfand die »Selbstverständlichkeit«, mit der im Film »Tötung und Selbstmord«, aber auch Prostitution als Mittel zur »Lösung der im Film entwickelten Lebensproblematik« gerechtfertigt würden als potentiell »entsittlichend« und verweigerte dem Film in der vorliegenden Form die Freigabe.

     

    Weder Forst noch Meyer zeigten sich jedoch bereit, den Film zu schneiden, da er bereits im Rahmen der Bürgschaftsaktion des Bundes begutachtet worden sei. Die nun von der FSK beanstandeten Szenen seien so dezent inszeniert, dass man daran keinen Anstoß nehmen müsse. Da es zu keiner Einigung mit dem Arbeitsausschuss der FSK kam, rief Meyer den Hauptausschuss der FSK an, der den Film in einer eilends einberufenen Sitzung am 18. Januar 1951, dem Tag seiner geplanten Uraufführung im Frankfurter Turmpalast, in ungekürzter Fassung freigab, allerdings verbunden mit einem Jugend- und Feiertagsverbot sowie zwei Schnittempfehlungen, denen die Produktionsfirma Junge Film-Union jedoch nicht folgte.

     

    Dass die beiden Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche innerhalb des FSK-Hauptausschusses die Freigabe des Films nicht hatten verhindern können, nahmen sie nun zum Anlass, ihren Austritt aus den Gremien der FSK, in denen sie sich generell unterrepräsentiert fühlten, zu erklären. »Die Handlung des Films Die Sünderin soll zeigen, wie eine Prostituierte durch echte Liebe zu einem Maler gewandelt wird. Tatsächlich aber greift sie in ihren schwierigen wirtschaftlichen und menschlichen Situationen auf ihr altes Gewerbe zurück bis der Schluss [...] die Verherrlichung einer Tötung auf Verlangen und einen Selbstmord als einzigen Ausweg aus einer menschlichen Not zeigt«, begründete der evangelische Pfarrer Werner Heß seinen Rückzug aus der FSK. Der Film erfülle damit den Tatbestand einer »entsittlichenden Wirkung«, die geeignet sei, »die letzten Grundkräfte der Sitte in unserem Volke in Frage zu stellen.«

     

     

    Nach der erfolgten FSK-Freigabe und dem Rückzug der Kirchen aus den FSK-Gremien war es vor allem die katholische Kirche, die auch weiterhin gegen Die Sünderin Sturm lief. Die christliche Moral werde durch den Film zutiefst erschüttert, hieß es in öffentlichen Stellungnahmen, Hirtenbriefen, Flugblättern, auf Kundgebungen, Schweigemärschen und Demonstrationen. Die Gegner des Films, darunter auch Mönche, störten Kinovorstellung. Mit Stinkbomben und Niespulver sollten Zuschauer vertrieben werden. Schaukästen wurden eingeschlagen, und Kinobetreibern wurde mit der Zerstörung ihrer Kinos gedroht, falls sie Vorstellungen abhielten. Häufig konnte der Film nur unter Polizeischutz gezeigt werden. In etlichen katholischen Gemeinden schwiegen die Kirchenglocken und wurden Gottesdienste abgehalten, um die Bevölkerung vor dem Film zu warnen und die Moral zu schützen.

     

    In zahlreichen Städten bedrängten Katholikenausschüsse die örtlichen Kinobetreiber, den Film, der angeblich »dem gesunden, sittlichen Volksempfinden widerstrebe« abzusetzen. Gläubige wurden – auch von Bischöfen und Erzbischöfen – zum Boykott aufgerufen. Der Passauer Bischof Simon Konrad Landersdorfer nannte den Film eine »Kulturschande«. Der Würzburger Bischof Julius Döpfner rief zur »gemeinsame[n] Abwehr aller minderwertigen Filme« auf und warnte vor einer gleichgültigen Haltung: »Wenn so viele heute hinter eindeutig schlechten Filmen nichts mehr finden, beweisen sie, dass sie bereits umgekommen sind und dass ihr Gewissen bereits abgestumpft ist.« Und der Kölner Kardinal und Vorsitzende der Bischofskonferenz Joseph Frings warnte, dass jeder, der den Film besuche, sich an der »Verherrlichung des Bösen« mitschuldig mache. In Düsseldorf organisierte Pfarrer Dr. Carl Klinkhammer auf Initiative des damaligen CDU-Oberbürgermeister, Landtagspräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Bundestagsabgeordneten und Verbandsvorsitzenden der Katholischen Arbeitervereine Westdeutschlands, Josef Gockeln, die Proteste gegen den Film.

     

    Katholische Jungmänner warfen Stinkbomben in Düsseldorfer Vorstadtkinos und zogen anschließend demonstrierend und singend durch die Straßen: »Heil'gem Kampf sind wir geweiht. Gott verbrennt im Zornesfeuer eine Welt.« Bei einer dieser Demonstrationen kam es zu erheblichen Handgreiflichkeiten, für die sich Pfarrer Klinkhammer später vor Gericht verantworten musste. Der Spiegel berichtete am 22. Oktober 1952 über die Verhandlung und förderte brisante Erkenntnisse über die Hintergründe der Düsseldorfer Proteste zutage: Nachdem alle »Interventionen bei der Behörde gegen die Aufführung des Films Die Sünderin [...] gescheitert« waren und der Film bereits sechs Wochen vor vollem Haus und unbehelligt in Düsseldorf lief, war »Ruhrkaplan« Klinkhammer von Gockeln dazu veranlasst worden, Anfang März 1951 »spontane« Demonstrationen gegen den Film zu organisieren, um so unter dem Vorwand »der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung« einen möglichen Grund für ein Verbot des Films zu liefern. »Ich habe erklärt, dass ich wünsche, dass das Volk seinen Unwillen gegen einen solchen Film verkündet«, erklärte Gockeln dazu vor Gericht. Und weiter: »Eine Demonstration war die einzige Handhabe für ein Filmverbot. Die Gesetzeslücke in unserem jungen Staat musste vom Volk ausgefüllt werden. Ich selbst wäre am liebsten mitmarschiert.«

     

    Vorübergehender Rückzug der Kirchen

    Tatsächlich kam es infolge der zahlreichen Proteste, Demonstrationen, Gegendemonstrationen und teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen bundesweit in mehreren Städten zu polizeilichen Aufführungsverboten. So auch in Koblenz, wo das Verbot vom 9. Februar 1951 im rheinland-pfälzischen Landtag bereits am 14. Februar 1951 nach einer Protesterklärung der SPD-Abgeordneten gegen die Polizeizensur zu einer kontroversen Debatte geführt hatte. Nach mehreren Gerichtsverfahren erklärte das Bundesverwaltungsgericht im Urteil vom 21. Dezember 1954 die Polizeiverbote letztinstanzlich für unzulässig. Das Gericht berief sich in seinem Urteil auf die »Freiheit der Kunst, die zwar dort ihre Grenzen finde, wo sie andere Grundrechte verletze oder Güter, die für den Bestand der staatlichen Gemeinschaft notwendig seien, gefährdet würden, das aber sei bei Die Sünderin nicht der Fall.«

     

    Obwohl Die Sünderin nicht zuletzt durch den Wirbel, den er entfachte, zum Kassenschlager wurde, gingen auch etliche Kinobetreiber auf Distanz zum Film. Sie entschuldigten sich für dessen Ausstrahlung mit der Begründung, vertraglich dazu verpflichtet zu sein. Teilweise gewährten sie eine Geldzurückgarantie, falls sich ein Zuschauer durch den Film moralisch beleidigt fühle. Der Rückzug der Kirchen aus der FSK blieb nur vorübergehend. Als Reaktion auf den Streit um Die Sünderin wurde die Zusammensetzung der FSK-Gremien neu organisiert und der Einfluss der öffentlichen Hand und damit auch der Kirchen gegenüber der Filmwirtschaft innerhalb der Ausschüsse gestärkt. Auch die Gründung der Katholischen Filmliga (1951-1974), deren Mitglieder sich verpflichteten, nur »gute Filme« im Kino zu besuchen, war ein Resultat des Skandals.

     

    Bereits am 27. April 1949 hatte sich die Katholische Filmkommission für Deutschland gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, »im Auftrag der Bischöfe alle Filme zu beurteilen und zu klassifizieren sowie dieses Urteil den Priestern und Gläubigen in geeigneter Weise zugänglich zu machen.« Im Film-Dienst veröffentlichte die Kommission ihre Empfehlungen. Die Sünderin erhielt eine 4 (»abzulehnen«). Ein Urteil, das sich aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehen lässt. Ähnlich wie der Sünderin ging es etlichen anderen Filmen, die einst für veritable Skandale gut waren, und heutigen Zuschauern geradezu bieder erscheinen. Doch mögen sich die Gebote geändert haben, gegen die Filme mittlerweile verstoßen müssen, um Skandale zu entfachen. »Gesündigt« wird im Kino auch sechzig Jahre, nachdem Hildegard Knef die Nachkriegsdeutschen in Aufruhr versetzte, nach wie vor.

     

    Anmerkung

    Bei diesem Artikel handelt es sich um einen bearbeiteten Auszug aus dem Kapitel Die Sünderin in: Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute. Erscheint im Februar im Schüren-Verlag.


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