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Samstag, 25. März 2017 | 20:40

Von Menschen und Göttern - ab 16.12. im Kino!

16.12.2010

»Ihr seid Götter. Söhne des Höchsten ...«

Im Frühjahr 1996 wurden sieben französische Mönche in Algerien entführt und ermordet. Ausgehend von den bekannten Fakten zeichnet Xavier Beauvois die letzten Monate der Ordensbrüder nach. Von Menschen und Göttern gewann den Großen Preis der Jury Cannes 2010 und ist französischer Bewerber für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Von MONIKA THEES

 

Der Tag bricht an, mildes, warmes Licht dringt über die Bergkuppen des algerischen Maghreb. Sich eng an den steinigen Hang duckend, verharrt das Dorf Tibhirine noch in tiefem Schlaf, während sich hinter den Mauern des Klosters Notre-Dame de l’Atlas sieben französische Mönche zum frühen Gebet in der Kapelle erheben. Mehrmals am Tag treffen sich die Männer zur »Liturgie der Stunden«, in enger Anlehnung an die Regeln des heiligen Benedikt von Nursia singen sie mit einer Stimme, verschmelzen Luc (Michael Lonsdale), Christophe, Amédée und ihre Glaubensbrüder im Chor. Ihre Gesänge steigen auf zu Gott, erbitten den Geist der Gemeinschaft. Die sieben Gebete des Tages geben die Struktur vor, ihr folgt der festgelegte Ablauf des Tages: die Lesungen, das Gespräch in der Gruppe (»Kapitel«), die Arbeit auf den Feldern oder in der Krankenstation, die täglichen Schweigeminuten.

 

Die Kamera nähert sich ihnen aus der Distanz, begleitet im Rhythmus des klösterlichen Lebens die von den Mönchen gelebte Einheit von Spiritualität und weltlichem Tag. Seit Jahren lebt die Gemeinschaft um Abt Christian de Chergé (Lambert Wilson) in Einklang mit ihrem Glauben, mit sich und ihren Nachbarn. Trappisten verfolgen keine apostolische Mission, sie suchen die Stille der Kontemplation: im Schweigen, in einem Leben der inneren Sammlung und in der Natur. Die Ordensregeln fordern Armut, Demut, die tätige Vita Activa sowie das Gebot des Teilens mit den »Armen und Fremden«. Die Mönche behandeln Kranke, helfen in physischer und seelischer Not, bieten Rat, Unterstützung und nehmen teil an den Familienfeiern der islamischen Freunde. Hier in Tibhirine, etwa 70 Kilometer südlich von Algier, scheint verwirklicht, was wir friedliche Koexistenz der Religionen nennen, die Utopie eines die Gräben überbrückenden ökumenischen Geistes.

 

»Aber auch ihr seid sterblich wie die Menschen ...«

Doch das erstrebte Ideal von Brüderlichkeit und Gleichheit kollidiert mit der Wirklichkeit. Nach der Machtübernahme durch das Militär im Januar 1992 und dem Verbot der »Islamischen Heilspartei« (FIS) herrscht in Algerien blutiger Bürgerkrieg. Der Konflikt zwischen den brutal operierenden Regierungstruppen und den islamistischen Rebellen verschärft sich; deren radikalste Fraktion, die fundamentalistische Terrorgruppe GIA (Groupes Islamiques Armés), versucht im Oktober 1993 alle Ausländer zum Verlassen des Landes zu zwingen. Zunächst in einem Bericht des Dorfvorstehers, dann in den realen, schockierenden Bildern der Tötung von 14 kroatischen Bauarbeitern durch ein Kommando der GIA bricht der Terror vor bis nach Tibhirine. Vertreter der Regierung raten zur Rückkehr nach Frankreich, der weitere Aufenthalt der Mönche gerät zur Gewissens- und Glaubensfrage, zur schweren Prüfung angesichts zunehmender Bedrohung und Gewalt.

 

Der Regisseur und Schauspieler Xavier Beauvois schildert in Von Menschen und Göttern, seinem bislang fünften Spielfilm (darunter Nord, 1992, Eine fatale Entscheidung, 2005), den Lauf der Ereignisse aus Sicht der Ordensbrüder. Feinfühlig, mit Achtung, Respekt und unprätentiös registriert die Kamera das Geschehen und löst es gleichzeitig aus der konkreten Verortung in Zeit und Raum. Farben, Licht und bildliche Komposition akzentuieren die Handlung, unterlegen dramaturgisch die Aussage von Choral und Dialog: Das helle reine Licht, das in langen Strahlen in die Kapelle, den Ort der Liturgie und des Glaubens, fällt, leitet über in das milde Leuchten der Morgen- und Abendsonne außerhalb der Klostermauern und kontrastiert mit dem Dunkel der Nacht. Der symmetrische, fast statische Bildaufbau bei den Stundengebeten, während des Tischgesprächs und Chors, symbolhaft stehend für die Einheit, wird aufgebrochen in der Darstellung individueller Ängste, Zweifel und menschlicher Todesfurcht. Der wachsenden Gefahr setzt die Gemeinschaft im gesungenen Psalm eine mystische, gewaltfreie Hoffnung entgegen: »Das Dunkel ist für Dich kein Dunkel. / Für Dich ist die Nacht / ebenso licht wie der Tag.«

 

»... und ihr werdet zugrunde gehen. Alle!« (Psalm 82)

Das Gedröhn der Militär-Hubschrauber sucht den Chorgesang zu übertönen, Schüsse hallen durch die Stille des Winters. In der Weihnachtsnacht 1993 erscheinen erstmals bewaffnete GIA-Rebellen an den Klostermauern, fordern Geld, medizinische Hilfeleistung im nahen Camp und die Herausgabe aller Medikamente. Christian de Chergé lehnt entschlossen ab, aber er weiß um die Dringlichkeit einer Entscheidung: gehen oder standhalten? Der Angst nachgeben oder auf die Stärke des Glaubens setzen, Verantwortung tragen? Mit beispielhafter Sensibilität erkundet die Kamera die Gesichter der um Antwort ringenden Männer. Ein gesenkter Blick, kaum merkliches Aufschauen, das leichte Zittern des Körpers unterstreichen die mühsam gefundenen Worte, die Entscheidung. Einfühlend von der Regie geführt und großartig in der Darstellung der Schauspieler, ringen sich Père Luc, Christophe, Amédée und weitere vier Glaubensbrüder nach quälender Selbstbefragung und Abwägung aller Konsequenzen durch zum bekennenden: »Ja. Ich bleibe.«

 

Bis heute sind die genauen Umstände des Todes der sieben französischen Mönche von Tibhirine ungeklärt. Fest steht: Am 27. März 1996 dringen islamistische Rebellen in das Kloster Notre-Dame de l’Atlas und verschleppen die Pater und Ordensbrüder, allesamt im Alter von 45 bis 82 Jahren, an einen unbekannten Ort. Am 21. Mai gibt die GIA ihre Ermordung bekannt, nur ihre Köpfe werden später auf der Straße nahe Médéa gefunden. Die Körper bleiben verschwunden. Neuere Aussagen sprechen von der »irrtümlichen« Ermordung durch das algerische Militär und deren nachträgliche Zuschreibung an die GIA. Xavier Beauvois’ Film bezieht zu dieser unsicheren Sachlage keine Stellung. Von Menschen und Göttern kommentiert und bewertet nicht, sondern stellt dar: In eindringlichen Bildern und in großer Wahrhaftigkeit begleitet der Film den Weg der Mönche auf ihren Stationen – bis zu ihrem Verschwinden im Weiß des Schnees, im Licht.


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