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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 02:45

    Alexander Kluge: Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd

    15.12.2010

    Mag(net)isch

    »Die vier apokalyptischen Reiter: Sie symbolisieren Hunger, Pest, Kälte und Krieg. Sie reiten auf einem weißen, roten, schwarzen und einem fahlen Pferd. Treten sie gemeinsam auf, naht das Jüngste Gericht. Einzeln, heißt es in der Überlieferung, kann ein Bauer sie vom Pferd reißen.« (Alexander Kluge · Stroh im Eis. Geschichten)

     

    Von THEO BREUER

     

    Auf der Rückseite des blauen Schubers, in dem sich DVD und Booklet befinden, lese ich: »Am 26. Mai 1967 schreibt Theodor W. Adorno an Alexander Kluge: Lieber Axel, […] es ist mir aus tausend Gründen unendlich daran gelegen, Dich bald zu sehen, auch um wegen der Idee eines Films über die Kälte mit Dir zu sprechen. Diesen Plan Adornos, einen Film zu ma­chen über den Kältestrom, der unsere Welt beherrscht, greift Kluge nun 43 Jahre später auf – mit 40 Geschichten im Beibuch Stroh im Eis und 31 Kurzfilmen auf der DVD Landschaften mit Eis und Schnee.

     

    Unterstützt wird er dabei von Durs Grünbein, Werner Herzog, Helmut Lachenmann, Helge Schneider, dem russischen Polar­forscher Artur Tschilingarow (jenem Helden der Sowjetunion, der 2007 am Nordpol eine russische Flagge aus Titan in den Mee­resgrund rammte), Peter Weibel und vielen anderen.«

     

    Eisige Landschaften mit Stroh

    Kalt ist der Abendhauch in Matthias Claudius’ Abendlied, die Mau­ern stehn sprachlos und kalt in Hölder­lins Hälfte des Lebens, und bei John le Carré geistert der Spion, der aus der Kälte kam, durch das eis­kalt durch eine Mauer geteilte Berlin von 1963. Literaten aller Zeiten hat die Naturerscheinung der Kälte (als exemplarischer Fall des Extremen schlecht­hin) seit jeher mag(net)isch ange­zogen, und Alexander Kluge ergeht es nicht anders, wie er in dem in der filmedition suhr­kamp erschie­nenen Film-Buch Landschaften mit Eis und Schnee / Stroh im Eis, das die Kälte mit Wort und Bild auf tief beeindruckende Art und Weise aus allen mögli­chen Blickwinkeln einkreist, überwältigend demonst­riert.

     

    So sehe ich in einer der jeweils wenige Minuten nur andauernden Filmsequenzen einen Eiszapfen sich zu Tode tropfen, und während ich dieses in extremer Nahaufnahme gefilmte, naturgemäß absichtslos herbeigeführte Sterben betrachte, denke ich: Was für eine Allegorie auf das so leben­dige, gleichzeitig und immerdar dem Tod geweihte Leben mit seinen schillernden Farben und Formen, das von Tag zu Tag, von Tropfen zu Tropfen der unwiderruflichen Auflösung entge­genlebt.

     

    Unterwasserkünstler

    Wie Gioconda Bellis Gedichtbuch ist auch Kluges genreübergreifendes Werk ein Zauber ge­gen die Kälte, bei dem ich während der atemberaubenden Lektüre der Kurz- und Kürzestgeschichten und beim Betrachten der bewegten Bilder, gleichsam unterkühlt, mitfühle, was Kälte dem Menschen anhaben kann – oder dem Unterwasserkünstler auch nicht:

     

    An Händen und Füßen gefesselt, ist er von der Belle-Isle-Brücke in den vereisten Detroit River gesprungen. Das für ihn in das Eis gehackte Loch traf er. Die Strömung aber trieb ihn vom Loch weg unter die Eisdecke. Dank eines minimalen Raums zwischen Eisdecke und Wasseroberfläche hat er Atem geschöpft. Die Grenze zwischen den Aggregatzuständen Wasser und Eis ist nie genau. So waren die Flußwächter überrascht, als er Kilometer flussabwärts von unten an die dort dünne Eisfläche klopfe. Wie ein Geist war er unter der blanken Eisplatte zu sehen, die Nase eng an die Unterfläche der Eisdecke gepresst, um sich die wenigen Deziliter Sauerstoff zu sichern, die es an der Nahtstelle gibt.

    »Man kann jeden beliebigen Punkt der Erde, auch die lebensunfreundlichsten, ansteuern«, sagte der Künstler nach seiner Rettung, »indem man von seiner eigenen Mitte aus eine Spirale zieht.«

     

    Paradoxes Abenteuer

    Das ist das paradoxe Abenteuer der Kunst – ob in Wort oder Bild oder Ton (ausdrücklich fas­zinierend auch die jeweils zu den Filmen gewählte Musik): Sie packt mich dermaßen, daß ich nicht mehr auf der von Bertolt Brecht gewünschten Distanz, die er mit dem epischen Theater vergeb­lich erwirken wollte, verbleiben kann, sondern mehr und mehr mitzufiebern beginne und dabei Käl­teschock (wie die zugefrorene Wolga im Stalingrader Winter von 1942) um Kälte­schock (wie die apokalyptisch anmutende Packeis-Collage von Caspar David Friedrichs Die ge­scheiterte Hoffnung vor dem Hintergrund weltberühmter Baudenkmäler oder zerstörter Berliner Häuserzei­len, hinter denen die Sonnen endgültig unterzugehen scheint) erlebe, die den Pulsschlag in die Höhe treibt, wenn mich, beispiels­weise, eisblaue Augen aus einer Geschichte mit einer un­ver­muteten Warmher­zigkeit anblicken.

     

    Wie vom Schlag gerührt bin ich am Ende des Stummfilms Winter im fröhlichen Frankreich, als ich er­kennen muß, daß das arme Mädchen ohne Schuh im Schnee im Augenblick, als es durch den herr­lichsten Zufall reich beschenkt werden soll, in der stumpfen Kälte des französischen Karnevals auf den verschneiten Stufen einer steinernen Treppe erfroren ist. In dem kurzen Text Adorno über den Kältestrom heißt es: Kälte, davon ging er aus, ist eine die Moderne durchherrschende Strömung. Sie sei, no­tierte Adorno, »abgezweigt von der libidinösen Energie des Gattungswesens Mensch, ähnlich er Erkenntnisleis­tung. Anders als diese produziert sie Gleichgültigkeit, den Kältestrom.«


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