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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:31

    Vom 28. Torino Filmfestival

    05.12.2010

    Zwei Filmkulturen nebeneinander

    Oder: 50 Jahre nach den Misfits

     

    John Wayne reitet auf seinem Pferd quer durch das Monument Valley. Jeanne Moreau schlendert durch die engen Gassen des nächtlichen Mailand. Franka Potente rennt die Viadukte der Berliner S-Bahn entlang. Mehr braucht es nicht für großes Kino. Ein Mensch, der sich sichtbar im Raum bewegt: Das ist eins der elementaren Muster, die den Film von anderen Künsten, von der Literatur, der Malerei, dem Theater unterscheiden. Mit dem zunehmenden Verschwinden von Bildern ist auch die Erinnerung daran verschwunden, dass es keiner diffizilen Aktionen bedarf, um großes Kino zu produzieren. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Der Chinese Zhao Ye hat in Japan seinen 60-Minuten-Film Die letzten Kastanien gedreht. Eine Frau, die, wie der Zuschauer erst spät erfährt, unter den Folgen der Behandlung im letzten Stadium einer Krebserkrankung leidet, sucht ihren Sohn, von dem sie nichts mehr gehört hat. Auf die Spur wird sie durch die Fotokamera ihres Sohnes gesetzt. Was sie nicht weiß: er ist inzwischen tot. Der Film handelt von nichts anderem als der Begegnung der umherirrenden Mutter mit ein paar Menschen in einer ländlichem Umgebung. Aber jede Sekunde dieses leisen Films ist vollgepackt mit Atmosphäre und einer inneren Spannung, die jedem Krimi Paroli bietet.

     

    Der besondere Reiz von japanischen Filmen, auch wenn sie, wie in diesem Fall, von einem chinesischen Regisseur stammen, liegt darin, dass in Japan inmitten einer Welt, die immer homogener wird, in der sich Hongkong, Moskau und Montreal immer weniger von einander unterscheiden, die Moderne unmittelbar auf nationale Traditionen trifft, die, jedenfalls punktuell, erstaunliche Widerstandskraft zeigen. Wie die Mutter, ständig rauchend und mit der Digitalkamera in der Hand, sich tief verneigt, wenn sie sich bedankt oder verabschiedet, ist nicht nur kulturell, sondern auch filmisch eine Sensation im wörtlichen Verständnis: eine sinnliche Wahrnehmung.

     

    Winter´s Bone

    Auch die siebzehnjährige Ree in Debra Graniks Winter‘s Bone ist auf der Suche. Nach ihrem straffälligen Vater nämlich, der sein Haus als Kaution eingesetzt hat und verschwunden ist. Dieser amerikanische Streifen ist ein Genrefilm zwischen den Genres. In seiner Struktur erinnert er an den Western, in dem sich verfeindete Familien gegenüber stehen. Stellenweise arbeitet er mit minimalistischen Verfahren, dann wiederum zeigt er Gewalt mit einer Direktheit, die an die Grenzen des Erträglichen geht.  

     

    Winter‘s Bone ist ein spannender, dank der grandiosen Jennifer Lawrence in der Hauptrolle berührender und auch in den Nebenrollen typengerecht besetzter Film, den man auch verstehen kann als Parabel einer verrohten Gesellschaft. Es dürfte von Belang sein, dass Ree, die in die Armee eintreten möchte, um das benötigte Geld für ihr Haus zu bekommen, ihren kleinen Geschwistern den Umgang mit dem Gewehr beibringt. Wer die Waffenmanie der Amerikaner begreifen will, mag durch diesen Film einen Hinweis erlangen. Der »Wilde Westen« lebt, scheint‘s, weiter. Dass Winter‘s Bone den Hauptpreis und noch einige weitere Preise, darunter den für die beste Darstellerin, gewinnen würde, war ebenso einleuchtend wie vorhersehbar. Dies ist der Film, der die unterschiedlichsten Bedürfnisse befriedigt. Er wird auf Festivals ebenso funktionieren wie in Programmkinos. Es waren in Turin nicht die ersten Preise, die er erhielt, und es werden nicht die letzten bleiben.

     

    Small Town Murder Songs

    Auf der Suche nach einem Mörder ist der Polizist Walter in Ed Gass-Donnellys Small Town Murder Songs. Damit erfüllt er die Erwartung an einen Polizei- oder Detektivkrimi. Der Ausgang der Story freilich ist wenig überraschend. Und die religiöse Bigotterie des Polizisten, die den Film hindurch angedeutet wird, wird durch die »Lösung« des Falls wieder aufgehoben. Bleibt ein kleiner Film mit einem genauen, auch von der Musik bestimmten Rhythmus und mit schönen Bildern aus Westkanada.

     

    Zu den Grundmustern der Komödie gehört, dass jemand nicht ist, was er zu sein scheint. Und weil nicht erst die Feministinnen die Bedeutung des Sex und des Gender für soziale Beziehungen erkannt haben, spielen das Geschlecht betreffende Verwechslungen und Verkleidungen schon bei Shakespeare eine zentrale Rolle. Aber das Geschlecht ist nicht das einzige und vielleicht noch nicht einmal das wichtigste Kriterium, das Identität definiert. Die deutsche KZ-Aufseherin und der deutsche KZ-Aufseher und die russische Partisanin und der russische Partisan fühlen sich einander enger verbunden als die KZ-Aufseherin der Partisanin. Selbst ein Horst Seehofer wird stets eher Angela Merkel unterstützen als Sigmar Gabriel, und Angela Merkel wird ihrerseits eher Seehofer anpreisen als, frauensolidarisch, Claudia Roth. Die Seilschaften funktionieren, allen entgegengesetzten Beteuerungen zum Trotz, nach anderen Kriterien als nach Geschlecht. Katholische, protestantische und parteipolitische Zugehörigkeiten nützen auch jeder Frau noch mehr als eine Geschlechtsumwandlung.

     

    The Infidel

    Wenn man die gegenwärtige Nachrichtenlage überblickt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass in unserer Gegenwart, völlig anachronistisch, nichts so identitätsstiftend wirkt wie die Religion. Und wenn dann noch nationalistische Konflikte dazu kommen wie der zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern, dann scheint der Gegensatz zwischen Juden und Muslims unüberwindbar. Das ist der Stoff, aus dem Komödien gemacht sind, und so muss es verwundern, dass der Grundeinfall von Josh Appignanesis Film The Infidel nicht längst ausgebeutet wurde. Ein Muslim in London, dessen Sohn die Tochter eines fundamentalistischen muslimischen Geistlichen heiraten soll, entdeckt, dass er adoptiert wurde und seine biologischen Eltern Juden waren.

     

    Die Suche nach seiner wahren Identität und der Zwang, sich zu verstellen, erzeugen eine Folge urkomischer Situationen. Dies ist eine Komödie, die Lacher provoziert, ohne den Verstand zu unterfordern. Denn hinter ihr steckt ein ernstes Problem. Und der Zuschauer ertappt sich plötzlich bei der dämlichen Frage, ob der Darsteller des Protagonisten nun Jude oder Muslim sei. Denn das ist die Aussage des Films: dass das bedeutungslos ist und überdies nach den gemeinhin verbreiteten Maßstäben nicht entscheidbar. Am Schluss erweist sich auch der muslimische Geistliche als Fälschung. Alles Schwindel. Mehr solche Filme und weniger islamophober und antisemitischer Eifer ließen unsere Welt besser aussehen.

     

    Nicht immer waren beim 28. Torino Film Festival, dessen Wettbewerb erste, zweite und dritte abendfüllende Filme gegen einander antreten lässt, in Nebenprogrammen aber eine große Auswahl, darunter auch Retrospektiven des Werks von John Huston und von Vitalij Kanevskij, anbot, die Stoffe originell. Dass Kriegsfotografen für die Menschen, deren Leid sie festhalten, keine Zeit und keine Empathie hätten, ist ein ebenso vertrauter Vorwurf wie deren Verteidigung, ihre Aufgabe sei es, die Welt auf die Schrecken des Krieges aufmerksam zu machen. Und auch Freude und Schmerz der popmusikdurchtränkten Jugendjahre sind nicht eben eine neue Entdeckung. Aber jeder junge Regisseur hält seine eigenen Erfahrungen für zugleich einmalig und weltbewegend. Sie sind weder das eine, noch das andere. Weder in Brooklyn, noch im Norden Englands.

     

    Por tu culpa

    Nicht gerade überraschend ist auch die Feststellung, dass berufstätige Mütter mit der Erziehung von zwei kleinen Kindern oft überlastet sind. Wenn der argentinische Film Por tu culpa von Anahi Berneri dennoch ein überdurchschnittliches Werk geworden ist, dann liegt das an der unrhetorischen Art, mit der er das Thema fast dokumentarisch angeht. Die Story spielt sich in wenigen nächtlichen Stunden ab. Und sie begnügt sich nicht mit wohlfeiler Empörung. Denn der Arzt, der die Mutter der Gewalt gegen ihre Kinder verdächtigt und die Polizei einschaltet, tut seine Pflicht. Immerhin könnte sein Verdacht ja begründet sein. Der Vater der Kinder, der im Begriff ist, sich von der Mutter zu trennen und sie mit ungerechtfertigten Vorwürfen überhäuft, hält im entscheidenden Moment zu ihr. Por tu culpa macht sinnfällig, dass Parteinahme nicht Idealisierung bedeuten muss, dass die Wahrnehmung von Widersprüchen eher Interesse und Anteilnahme weckt als platte Schwarz-Weiß-Malerei.

     

    Les hommes debout

    Wenig beachtet wird hingegen, dass der Wohlstand der reichen Länder auf Sklavenarbeit beruht, die sich von der klassischen Sklaverei nur dadurch unterscheidet, dass die Arbeitssklaven des 20. Jahrhunderts die Option hatten, ihrer Ausbeutung zu entfliehen: in Arbeitslosigkeit und noch größere Not. So dürfen sich die kriminellen Ausbeuter noch als Wohltäter fühlen. Der Dokumentarfilm Les hommes debout von Jérémy Gravayat erinnert am Beispiel einer mittlerweile aufgelassenen Fabrik in Lyon an das Schicksal der »Gastarbeiter«, die dort ihre Gesundheit aufs Spiel setzten – bei häufigen Arbeitsunfällen und bei Vergiftungen durch das Blei, mit dem sie dort täglich zu tun hatten, und unter menschenunwürdigen Lebensumständen. Wie kommt es bloß, dass solche Themen junge Filmemacher nur im Ausnahmefall interessieren? Das war schon einmal anders.

     

    The Misfits

    Und dann: John Hustons Misfits. Fast ein halbes Jahrhundert hat dieser Film auf dem Buckel. Und er steht da wie das Monument eines Kinos, das es nicht mehr gibt. Es braucht keine Massenszenen in diesem Film und keine Farben, aber die Weite der Landschaft und den Mut zum Archetypischen, vier Charaktere, die »bigger than life« sind und erst recht zu groß für DVD und Fernsehbildschirm. Diese Gesichter vergisst man nicht. Vielleicht hat sich da nur parallel zur Literatur ein Wandel vollzogen, wo das breite epische Erzählen, der große Atem ebenfalls im Verschwinden ist. Vielleicht auch kann sich der alt gewordene Berichterstatter nicht von einer Ästhetik trennen, mit der er aufgewachsen ist. Bescheiden wir uns also, ganz ohne Wertung, mit der Feststellung: verglichen mit Filmen wie The Misfits ist das heutige Kino ein Wunder eher der technischen Perfektion und der computeranimierten Täuschung als des bewegten Bildes.

     

    Das Turiner Filmfestival bestätigte einmal mehr, dass längst zwei Filmkulturen nebeneinander herlaufen, in den normalen Kinos die eine, auf Festivals die andere. Zu den markanten Unterschieden zwischen dem kommerziellen Mainstream und der Filmkunst gehört, dass jener mehr und mehr auf vollständigen Geschichten besteht, die einem Publikum entgegenkommen, das Fiktion mit der Wirklichkeit verwechselt und daher keine Fragmente erträgt. Der Film als Kunstwerk hingegen hat den Mut zur Lücke, zum unaufgelösten Geheimnis, zu einer Offenheit, die dem Zuschauer gestattet, seine eigene Geschichte zu erfinden. Manchmal freilich gewinnt man den Eindruck, dass der Typus des Zuschauers, der dazu in der Lage ist, selbst unter Kritikern immer seltener wird.


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