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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 17:27

     

    Still aus "dreimaldraussen" Still aus "dreimaldraussen"

    Auf den 44. Internationalen Hofer Filmtagen

    03.11.2010

    Artistische & dokumentarische Selbstdarstellungen

    Eine Festivalbericht von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Die 69 (!) langen Spiel- & Dokumentarfilme (darunter allein 12 deutsche Dokumentationen) und die 44 Kurzfilme der diesjährigen “Internationalen Hofer Filmtagen” hätte  an den 5 Film-Tagen (wie immer Ende Oktober) in der oberpfälzischen “Hochschulstadt” selbst ein immaterieller Filmfan nicht alle ansehen können. So war es jedem der Besucher wieder einmal (wenn wohl auch noch nie so aleatorisch) überlassen, sich kreuz- & quer durch das übervolle Angebot zu bewegen - einzig aufgrund der Orientierungen, welche das Programmheft über Filme & Autoren bereit hielt & entsprechend der sich überschneidenden Anfangszeiten der acht (allerdings sehr unterschiedlich großkleinen) Kinos.

     

    Also war man zufrieden, wenn man Marxens kommunistischer Zielvorgabe: “Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen” einigermaßen gerecht wurde - wenngleich man, dem eigenen Interesse folgend,  am Ende von anderen Besuchern erfuhr, dass man doch leider nicht “diesen großartigen Spielfilm” oder jene “aufregende Dokumentation” gesehen hatte und das einmal Versäumte auch nicht nachholen konnte.

     

    Wer autoritär oder “ergebnisorientiert” fixiert war, sah sich frustriert; jeder andere wusste, dass er sich (bloß) seine “Rosinen” aus dem großen Kuchen gepickt hatte, den nun schon zum 44. Mal der ewig jugendlich gebliebene Spiritus rector der Hofer Filmtage wieder einmal angerichtet & ausgebacken hatte. Den diesjährigen Bayrischen Kulturpreis bekam noch während des Festivals der Filmenthusiast Heinz Badewitz, dessen Filmtage nicht zuletzt auch ein unschätzbarer Gewinn für die abgelegene Wirtschaftsregion Hof bedeutet; und Badewitz hat den (undotierten) Hofer Filmpreis diesmal der Regisseurin Caroline Link zugesprochen.

     

    Die Oscar-Gewinnerin und Ehefrau des früheren Hofer Filmpreisträgers Dominik Graf war “längst fällig” - nicht nur, weil sie, wie ihre Regisseurskollegin Doris Dörrie, als Nobody in Hof auf den Filmtagen einst “Karten abgerissen hat”, also von der Pike auf dabei gewesen war. Mal sehn, wer diesmal noch den Zugang zu den Kinos regelte und in ein paar Jahren dann hier sein Filmdebüt zeigen wird ...

     

    Überhaupt sind die Frauen als Regisseurinnen in Hof  höchst präsent auch unter den Newcomern. So zeigten hier nun die Töchter der Regisseure Geißendörfer, Kluge und Thome erste Kurzfilme - was wohl aber eher auf die familienaffine Beziehung der mit Badewitz befreundeten Väter zurückzuführen ist. Aber dass der jungen Petra Lüschow mit Der kleine Nazi gelang, den satirisch zündendsten, einfallsreich-witzigsten Film der Hofer Filmtage zu machen, offenbart, dass dieser filmenden Frauengeneration keine vermeintlich “männliche” Domäne heute noch verschlossen ist.

     

    So gelang es der 37jährigen Schweizerin Sophie Heldmann in Satte Farben vor Schwarz die zwei Altstars Senta Berger & Bruno Ganz (die noch nie miteinander gespielt hatten) zu einem “ Letzten Tango” des Lebensabschieds zusammen zu bringen - obwohl Bruno Ganz sowohl vor wie nach seiner Hitler-Mimikry in Der Untergang und nun auch hier bevorzugt als todkranker, sterbender oder selbstmörderischer Protagonist sich lebhaft durch den europäischen Film bewegt.

     

    Die zwei jungen Französinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond haben das Kunststück fertig gebracht, in ihrem La Petite Chambre sowohl von der Verstörung einer jungen Frau zu erzählen, die über die Totgeburt ihres sehnlichst erwarteten Babys ins Psychopathische abgeglitten ist, wie auch über den eigensinnigen Alten, der nicht ins “betreute Wohnen” umziehen will und dessen harsche & barsche Erscheinung der 85jährige Michel Bouquet auf seine virtuose Art mit Vergnügen formt.

     

    Der Lockvogel von Ostende

    Noch enger hat Marc Fitoussi in Copacabana seinen Film auf die einzigartige Verwandlungs- & Anverwandlungskunst der ephebenhaften Isabelle Huppert fokussiert. In fast jedem Augenblick ist “die Huppert” nicht nur anwesend sondern auch physisch präsent in dieser grandiosen Selbst-Hommage.

     

    Die Rolle einer quirlig-burschikosen, schrill gekleideten alleinstehenden Frau, deren bürgerliche Tochter bei ihrer Hochzeit die etwas “nuttig” erscheinende Mutter nicht einladen will, erlaubt der kleinen Darstellerin auf High Heels, alle Register ihrer Kunst zu ziehen, um uns zu beweisen, dass ihre gewitzt-zupackende Babou nicht nur im winterlichen Ostende als bunter Lockvogel Immobilienkunden für leerstehende Hochhauswohnungen findet, sondern auch noch mit ihrem großen Herz einem frierenden Punkerpärchen (illegalerweise) eine nächtliche Bleibe verschafft. Wenn ihre Gutherzigkeit sie auch ihren lukrativen Schlepper-Job kostet, so hat sie jedoch unverschämtes Glück auf der Spielbank, wo sie alles “auf eine Karte” setzt und einen gigantischen Gewinn macht. So kann sie die Tochter bei deren Hochzeit doch noch mit dem Auftritt einer brasilianischen Sambatruppe überraschen, in deren Mitte sie, gefiedert wie die anderen Tänzer, die steife Hochzeitsgesellschaft zum Tanzen bringt.

     

    Gleich zweimal sah man wiederum die junge deutsche Schauspielerin Jessica Schwarz in Hof. In dem Debütspielfilm des in Tel Aviv geborenen einunddreißigjährigen Florian Cossen spielt sie sehr überzeugend die Identitätsverwirrung einer jungen Frau, die bei einem zufälligen Zwischenaufenthalt in Buenos Aires von einem Kinderlied, das sie hört, zu Tränen gerührt wird - ohne zu ahnen, dass sie einst als Kleinkind von ihren vermeintlich deutschen Eltern entführt wurde, nachdem ihre leiblichen Eltern während der Juntajahre in Argentinien ermordet worden waren. Der ihr nachgereiste (Adoptiv-)Vater - Michael Gwisdek - muss sich ihr schließlich offenbaren, während ihre überlebenden Verwandten endlich das “Missing link” ihrer traurigen Familiengeschichte vor sich sehen.

     

    Florian Cossens Das Lied in mir ist ein bewegendes Melodrama, das in einer allseitigen Verunsicherung über Herkunft, Familie & Geschichte endet. Vor allem auch die argentinischen Schauspieler intensivieren den Eindruck einer nahezu dokumentaristischen Annäherung an das dunkelste Kapitel in der Geschichte Argentiniens.

     

    In dem Spielfilmdebüt des zwar in Berlin 1964 geborenen, aber im schottischen Sterling ausgebildeten Nick Baker-Monteys, spielt Jessica Schwarz eine Berliner Palliativ-Ärztin, die ihrer seelisch-emotionslosen Existenz im Angesicht des Todes ihrer Patienten gewahr wird. Sie folgt dem superblonden jungen Julian, der schicksalhaft mehrfach ihren Weg kreuzt, auf seinem Fußweg von Berlin in den Schwarzwald. Der seltsame Heilige (Robert Stadlober) - ein Werner-Herzog-Light - glaubt an die Metaphysik des menschlichen Willens. Wie der Regisseur von Aguirre oder Fitzcarraldo, der einst zu Fuß von München nach Paris ging, um durch diese herkulische Leistung die erkrankte Filmhistorikerin Lotte Eisler zu heilen,  macht sich Julian (der Nervenheilanstalt entflohen) auf seinen Pilgerweg, um den herzkranken Vater seines besten Freundes vor dem drohenden Infarkttod zu retten.

     

    Die verlorenen Illusionen von drei "Knackis"

    Der sechsundvierzigjährige Berliner Schotte erzählt ein tiefromantisches Märchen, in dem sich Motive von Pasolinis Teorema, Wenders´ Im Lauf der Zeit & Eichendorffs Taugenichts auf eine seltsam-verquere, aber auch harmlose Art verquicken und zu einem allseits harmonischen Happy Ending führen - nachdem Der Mann, der über Autos sprang, wieder auf den Boden gelangt ist - wie die nestflüchtige Mutti und der komische Berliner Kripobeamte, die zu Julians mitwandernder, bzw. ihn verfolgender Entourage gehörten.   

     

    Der sechzigminütige dreimaldraussen fiel nicht nur durch seinen rätselhaften Titel in Kleinschreibung auf; er stammte auch von zwei endzwanziger Dokumentaristen der Münchner HFF, nämlich Miriam Märk und Alexander Coster (aus Rumänien), die sich in ihrem ersten (gemeinsamen) Spielfilm mit den Hoffnungen & Illusionen dreier “Knackis” beschäftigen. Sie stellen während ihres achtstündigen Freigangs wenige Wochen vor ihrer Entlassung ihre ehernamtliche Betreuer auf eine harte psychologische Probe. Denn die “Knackis“ dürften vermutlich auf eine wenig freundliche Zukunft hoffen, was sie bei diesem Probegang durch die gesellschaftliche Welt “draußen” mit Wut, Resignation & Melancholie zu ahnen beginnen - wie ihre hilflosen Betreuer.

     

    Ein sehr lakonischer, unsentimentaler, dicht erzählter & souverän seine drei Geschichten zusammenführender kleiner Film, der durch die stringente Lebensklugheit seiner für Buch & Regie gleichermaßen verantwortlichen Macher besticht.

     

    Ähnliches kann man von dem sechsteiligen Erzählmosaik 24h Marrakech, das von je drei deutschen und marokkanischen Regisseuren zu einem Tag- & Nachtporträt der faszinierenden Stadt, ihrer reichen & armen Bewohner oder Touristen ausgestaltet wurde: in der Form eines Novellenkranzes. Oft glaubte man sich, dabei den Protagonisten zuschauend, dem Dokumentarismus nahe, der vielfach auf den 44. Hofer Filmtagen vertreten war: z.B. in Heike Bacheliers eineinhalbstündiger Feindberührung.

     

    Das ist das spannende Doppelporträt zweier ehemaligen Freunde in der DDR: eines Stasi-IM & seines Opfers - eines Marxisten, der durch seine kritischen Fragen dem “real existierenden Sozialismus” gefährlich, also überwacht, “zersetzt”, verhaftet & abgeschoben wird. Die im saarländischen Dudweiler 1966 geborene Dokumentaristin hat Hartmut und Peter als Selbstdarsteller ihrer ebenso gemeinsamen wie konspirativ-kontroversen Lebenssituationen zusammengeführt - zur vortragenden Lektüre der von Hartmut gelieferten IM-Berichte, zum gemeinsamen Besuch der daraufhin erlittenen Demütigungen Peters im Gerichtssaal und Gefängnis und zur Diskussion. Dem Kameramann Henning Brümmer sind dabei subtile Erkundungen in den Physiognomien der einander ausgesetzten Protagonisten gelungen, die einmal enge Freunde waren, deren beider Biografien aber nachhaltig von der Stasi beschädigt wurden.

     

    Medizin & Menschlichkeit im Baltikum

    Wolfgang Ettlich - 1947 in Berlin geboren und seit 1991 oftmaliger Gast in Hof mit seinen Dokumentationen - hat Die Neumanns in München über drei Generationen hinweg von 1980 bis in die Gegenwart verfolgt und dabei Kontinuitäten und Umbrüche, Rollenwechsel und Ausbrüche dokumentiert. Es ist die Lebensgeschichte einer Familie “unter Einfluss” (John Cassavetes) von Geist & Zeit, die im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts sich zerfasernd auflöst - interessantes “Anschauungsmaterial” für eine von Ettlich unterlassene Analyse der Motive und Folgerungen, die sich aus dieser zeugenhaften Studie für die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik ergeben. Gleichwohl: sehenswert, weil inspirierend für Selbstreflexionen und Nachdenklichkeiten.           

     

    Der aufwendigste, erkennbar teuerste (deutsche) Film, der in Hof überraschte, war Poll, an dem der mit 4 Minuten (2006) bekannt gewordene, 1963 in Göttingen geborene Chris Kraus mehrere Jahre vor allem in Estland gearbeitet hatte. Dort spielt der zweieinviertelstündige opulent in Landschaft, Seestücken & Sonnenuntergängen badende Historische Film im Jahre 1914, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs. Poll heißt das Landgut mit einer ebenso phantastisch wie monumental in die flache Ostsee auf Stelzen gesetzten mehrstöckigen Villa.

     

    Dorthin ist die vierzehnjährige Oda von Siering mit dem Sarg ihrer getrennt von ihrem Ehemann in Berlin gelebt habenden Mutter gereist. Odas deutschbaltischer Vater Ebbo (Edgar Selge), der wohl eine Affäre mit Tante Milla unterhält, ist ein fanatischer Arzt & forensischer Anthropologe, der wegen seiner exzentrischen Arbeitsweisen seinen Lehrstuhl verloren hatte. Nun hofft er, durch seine geheimen Studien an frisch von den russischen Truppen getöteten estnischen Anarchisten, in der fernen Welt der akademischen Wissenschaft wieder Renommee zu erlangen.

     

    Seine frühreife, sehr “männlich” denkende Tochter Oda interessiert sich stark für die ärztlichen Tätigkeiten ihres Vaters - was dem Mädchen zupass kommt, als sie sich bald darauf in einem Schuppen mit einem schwer verletzten, geflüchteten Anarchisten konfrontiert sieht und ihn versteckt, behandelt und pflegt. Die Schreie des Verletzten, dem Oda ohne Betäubung die offenen Wunden vernäht, kreuzt der Regisseur in einer optisch wie akustisch eindringlichen Parallelmontage mit der lieblichen Melodiensüße des Variationensatzes von Schuberts Forellenquintett. Ebbo von Siering am Klavier spielt es mit anderen im Gesellschaftsraum der Ostseevilla - nachdem er kurz zuvor noch in seinem Labor mit eingelegten menschlichen Hirnen oder Missgeburten gearbeitet hatte: ein Medizinertypus, wie er als Mengele 30 Jahre später an der Rampe in Auschwitz stehen wird, und der als Erzieher von Odas Cousin Paul jene drakonische Pädagogik exekutiert, die in Michael Hanekes Weißem Band der Pfarrer mit Sadismus an seinen Kindern ausübte.

     

    Chris Kraus  wagt mit Poll die große Panoramageste und den Brokatfaltenwurf des Ausstattungs- & Historienfilms, und man kann nicht sagen, dass er damit gescheitert wäre. Ob jedoch der zwar abenteuerliche, aber auch nicht immer verdichtete Stoff aus dem Baltikum auf  Interesse & Anteilnahme beim deutschen Publikum stößt, wird sich erst noch zeigen müssen. Auf den 44. Internationalen Hofer Filmtagen allerdings fand der Film brausenden Applaus beim jugendlichen Publikum. Auch Kraus´ Münchner Kollege Dominik Graf war darunter.


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