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Dienstag, 18. Juni 2013 | 07:32

Der letzte Exorzismus - im Kino!

13.10.2010

So fest, so brüchig

Im Gewand eines Horrorfilms inszenieren Regisseur Daniel Stamm und Produzent Eli Roth eine pessimistische Parabel über religiösen Wahn. Im Stil einer Reportage zeigt der Film in beklemmenden Handkamera-Szenen in einen Teufelskreis aus Glaube und Wahn.  Von LIDA BACH

 

„They love the blood!“ Darin gleichen sich Splatter-Fans und Bibelfreunde. Als Nachfahre einer christlichen Familie mit Exorzismus-Tradition weiß der Prediger Cotton Markus (Patrick Fabian), was das gläubige Publikum will. Seinen Erfolg verdankt er kleinen und größeren Bühnentricks. Teufelsaustreibung inszeniert er als Grand Guignol mit Zerrstimme vom Tonband und rauchendem Kruzifix. Weil er jedoch die Gefährlichkeit von Exorzismen kennt, will er sie begleitet von einem Kamerateam als Schwindel entlarven. Doch im Haus des fanatischen Christen Mr. Sweetzer (Louis Herthum), der seiner Tochter Nell (Ashley Bell) besessen glaubt, sieht Markus Grauenvolles. So fest Sweetzers Glaube ist, so brüchig ist Markus Vernunft. Je weiter die Film-Crew und Markus in den Bible Belt vordringen, desto weiter entfernen sie sich von der Normalität. Ein Abgrund aus Wahn, psychischer und sexueller Unterdrückung und Verdrängung tut sich vor ihnen auf. Markus blickt in diesen Abgrund – und der Abgrund in ihn. Die pseudo-dokumentarischen Aufnahmen werden zunehmen verwackelt, als der Vernunftglaube der Charaktere ins Schwanken gerät.

 

Oberflächlich betrachtet erfüllt The Last Exorcism die Klischees typischer Exorzismus-Filme. Unheimliche Vorgänge, ein besessenes Mädchen, ein skeptischer Priester, der Film funktioniert als überdurchschnittliche Grusel-Unterhaltung, die im Stil von Blair Witch Project Spannung mit minimalistischen Mitteln erzeugt. Dahinter verbirgt Produzent und Hostel-Regisseur Eli Roth ein cineastisches Paradox, das die Konventionen des Subgenres umkehrt und zu Metaphern macht. Die Kirche wird als großes Theater enthüllt, dessen Bühne die Kanzel ist. Hier treten Männer wie Cotton Markus auf, den seine Frau einen „Schauspieler“ und „Showman“ nennt: „Er unterhält.“ Seine Zuschauer sind so enthusiastisch und dennoch oberflächlich, dass sie selbst Backrezepte mit einem „Halleluja“ bejubeln.

 

(Not) Seeing is believing

Geradezu hinterlistig führt The Last Exorcism dem Zuschauer die eigene Leichtgläubigkeit vor. Nichts, was die Kamera einfängt, beweist eine dämonische Präsenz. Das Böse, das Nell umfängt, sind ihre vom puritanischen Vater eingeimpften Gewissensbisse. Markus sieht den Fundamentalismus der Sweetzers und will den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Sein Exorzismus soll den Glaubenswahn beenden. Wie tief jedoch der Fanatismus in den Menschen brennt, unterschätzt Markus.

 

The Last Exorcism verstört durch das menschliche Böse, statt mit rüttelnden Betten und falscher Kotze. Das Grauen schwelt so leise, wie der Teufelsglaube in den Sweetzers. Aber auch Markus´ Selbstherrlichkeit wird in diesem doppelbödigen Werk kritisiert. Beide sind sie blind vor Eifer, ob sie das Kreuz aus echtem oder vorgespiegelten Glauben schwingen. Markus löscht den Aberglauben nicht, er gießt Öl in ein Feuer, das auch ihn verschlingen wird.

 

Auch wenn Arthur Miller in Hexenjagd diese gefährliche Eigendynamik auf ungleich höherem Niveau zeigt, so ist doch nicht zu leugnen, dass es in den USA eine nicht zu unterschätzende Menge von Menschen gibt, die die Evolution leugnen, an die Erbsünde glauben und an das Jüngste Gericht. Der religiöse Fundamentalismus ist weiterhin präsent. Das weiß auch Regisseur Stamm: „Ich bin mir sicher, dass viele Familien wie die Sweetzers dort draußen existieren.“


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