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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:34

     

    Die Taube auf dem Dach - eine Veröffentlichungsgeschichte

    02.09.2010

    Opfer verstärkter Aufmerksamkeit

    Der Weg eines DDR-Verbotsfilms. Von BASTIAN BUCHTALECK

     

    Iris Gusners 1973 für die DEFA vollendeter Debütfilm Die Taube auf dem Dach hätte zugleich auch ihr letzter Film sein können. Denn die erste Arbeit der damals noch jungen Regisseurin wurde noch vor ihrer Kinopremiere von der Hauptverwaltung Film und der DEFA-Studioleitung verboten. Gusner wurde vorgeworfen, dass der Film eine falsche Vorstellung von der sozialistischen Gesellschaft erzeuge. Die großspurige Behauptung Erich Honeckers 1971 vom 4. Plenum der ZK, dass es „auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“ könne, wurde mit diesem Verbot ad absurdum geführt.

     

    Dabei wurde die Drehbuchentwicklung schon im Februar 1970 vertraglich zwischen Iris Gusner und dem DEFA-Studio für Spielfilme geregelt. Der Abeitstitel für die Erzählung lautete Daniel. Erst der beinahe fertige Film sollte den jetzigen Titel erhalten. Das fertige Drehbuch wurde im Frühsommer 1972 vom Studio abgenommen. Im November desselben Jahres meldete die damals bekannteste Filmzeitschrift der DDR den Drehbeginn des Erstlingsfilms von Iris Gusner.

     

    Schon im Januar 1973 wurde der erste Rohschnitt vom DEFA-Studio ohne Einschränkungen zur Weiterarbeit freigegeben. Bis dahin nahm der Film den gewohnten Lauf aller Filme in der DDR. Doch schon drei Monate später wurde er bei einer Abnahme von den Direktoren des DEFA-Studios sehr kritisch beäugt. Er bekommt keine Freigabe, wird zwar nicht verboten, erhält aber erhebliche Korrekturauflagen.

     

    Ins Gesicht gespuckt

    Was war in der Zwischenzeit passiert? Woher der plötzliche Sinneswandel der Verantwortlichen? Mit Die Schlüssel (1972) von Egon Günther, Die Legende von Paul und Paula (1973) von Heiner Carow und Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow (1973) von Siegfried Kühn wurden kurz vor der Fertigstellung von Die Taube auf dem Dach drei weitere Filme vollendet, die von der damaligen Obrigkeit als kritisch eingeschätzt wurden. Als letzter Film dieser Reihe war Die Taube auf dem Dach mit hoher Sicherheit ein Opfer der verstärkten Aufmerksamkeit des DDR-Regimes gegenüber der eigenen Filmproduktion.

     

    Vor diesem Hintergrund halfen alle Rettungsversuche nichts. Iris Gusner und ihr Team schnitten den Film in großer Eile um, doch im Juni 1973 wurde ihm die Zulassungsprozedur endgültig verweigert. Die Entscheidung darüber traf man hinter verschlossenen Türen. Gusner hat die ihr mündlich mitgeteilten Gründe handschriftlich festgehalten. Der Film unternehme „massive Angriffe gegen kleinbürgerliche Haltungen“ und gebe das „Arbeiterbild verzerrt“ wieder. Weiter hält die Regisseurin in ihren Aufzeichnungen als Verbotsbegründung fest: „Iris Gusner hat der Arbeiterklasse ins Gesicht gespuckt“.

     

    Fast 40 Jahre später

    Obwohl sich anschließend viele bekannte DEFA-Größen, darunter Kurt Wolf und Kurt Maetzig, für die junge Kollegin einsetzten, blieb das Verbot bestehen. Zumindest verlangte damalige Generaldirektor der DEFA, Albert Wilkening, das Material aufzubewahren – dennoch wurde es später komplett vernichtet. Einzig eine Arbeitskopie blieb in einem Vorführraum erhalten, weil sie noch mit dem mittlerweile abgelegten Arbeitstitel „Daniel“ beschriftet war.

     

    Als die letzte verbleibende Rohschnittfassung nach der Wende von Kameramann Roland Gräf 1990 aufgefunden wurde, war sie so schlecht erhalten, dass von dem Farbfilm nur eine schwarzweiß Kopie gezogen werden konnte. Der Film hatte anschließend im Oktober desselben Jahres Premiere und wurde zwei Mal im Kino aufgeführt, bevor er wieder in Vergessenheit geriet. Erst 2009 konnte der Film nach jahrelanger Recherche durch die DEFA-Stiftung wieder aufgefunden werden. Nun erscheint Die Taube auf dem Dach offiziell im Kino – fast 40 Jahre nach seiner letzten Bearbeitung – und das Genre des DDR-Verbotsfilms erhält ein neues Mitglied.

     

    Glücklicherweise für Iris Gusner wurde der Film von damals offizieller Stelle als „Experiment“ gewertet, so dass das Verbot nicht zum Stolperstein für die Karriere der Regisseurin wurde, die später beliebte Filme wie wie Das blaue Licht und Alle meine Mädchen gedreht hat.

     

     

    Detailliertere Informationen können in dem Buch Fantasie und Arbeit. Biografische Zwiegespräche nachgelesen werden.


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