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DAS LETZTE SCHWEIGEN - ab heute im Kino!

19.08.2010

Erschreckende Ehrlichkeit

In den Geschichtsbüchern und Medienarchiven halten sich manche Namen als grausige Mahnmale der Perversion. Josef Fritzl oder Marc Dutroux stehen da für die Seite der Täter und Natascha Kampusch oder Madeleine McCann bilden die traurige, vor allem mediale Speerspitze der Opfer, die es zu ungewollter Berühmtheit geschafft haben. Von MAXIMILIAN REISS

 

Im Kino haben sich unter anderem Fritz Lang in M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Luis Buñuel in Das junge Mädchen oder Ladislao Vajda in Es geschah am hellichten Tag, dem zeitlosen Thema Sexualverbrechen gewidmet. Die Liste ließe sich noch lange erweitern, auch auf die Literatur und erst recht auf das Fernsehen ausdehnen.

 

Sehr gewissenhaft und feinfühlig hat sich nun der Schweizer Regisseur Baran bo Odar bei seinem Kinodebüt Das letzte Schweigen diesem sensiblen Thema angenommen. Geschaffen hat er einen Film, der sich in kein Genre quetschen lässt, der Thriller, Ensemble- und Polizeifilm ist. Der aber von wesentlich mehr erzählt als nur von der grausamen Tat und der Jagd nach dem Täter.

 

Der Film behandelt im Kern das Thema Verlust und Einsamkeit. Zwei identische Mädchen-Morde, die mit 23 Jahren Abstand zueinander geschehen, bilden das Gerüst für die Verknüpfung von unterschiedlichsten Figuren, die trotz der vielen Verbindungen allein im Kampf mit ihren Problemen bleiben. Der Film basiert auf dem Kriminalroman Das Schweigen von Jan Costin Wagner und verlegt die Handlung aus dem kalten Finnland in eine namenlose deutsche Kleinstadt.

 

HFF-Absolvent Baran bo Odar erzählt nicht aus der Perspektive einer einzelnen Figur oder einer spezifischen Gruppe, es geht ihm um alle Beteiligten, die Schuldigen und Unschuldigen, um Täter, Ermittler und Angehörige.

 

Kampf von Kamera und Figuren

Besonders gelungen und interessant ist dabei das Verhältnis der beiden Täter. Timo (Wotan Wilke Möhring) ist jung und weiß mit seinen pädophilen Gefühlen noch nicht umzugehen, er unterdrückt sie. Der ältere Per (Ulrich Thomsen) hingegen hat sich seiner Krankheit schon lange hingegeben, und hofft in Tilo endlich einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, mit dem er seine geheimen, perversen Vorlieben teilen kann. Trotz ihrer gemeinsamen sexuellen Neigung herrscht ein ständiger Konflikt zwischen den beiden, der dazu führt, dass sie sich in ihren Dialogen und Aktionen selbständig offenbaren, freiwillig und unverfälscht. Dadurch bekommt der Zuschauer einen viel echteren, meist erschreckenden, aber auch ehrlicheren Zugang zu diesen Figuren.

 

Die Schauspieler werden alle ihren Rollen und großen Namen gerecht: Kathrin Sass, Burghart Klaußner und Ulrich Thomsen ganz besonders. Auch Wotan Wilke Möhring spielt überzeugend, aber ihn sowohl den jungen Studenten von 1986 als auch den daraus erwachsenen Familienvater im Jahr 2009 spielen zu lassen, war leider keine optimale Entscheidung. Selbst mit Mathebuch, Vollhaarperücke und schüchternem Lispeln, kann man diesem Kerl einfach keinen unsicheren Heranwachsenden abnehmen.

Die Bilder sind sehr stark und eindringlich, die Musik ebenfalls. Doch in dieser Stärke von Bild und Ton liegt paradoxer Weise das einzige wirkliche Problem dieses Films. Die Kamera von Nikolaus Summerer und die Filmmusik von Pas de Deux, sind zu präsent, drängen sich an falschen Stellen zu sehr in den Vordergrund. Dadurch nehmen sie der Geschichte und den Figuren häufig die Aufmerksamkeit und zurückhaltende Unterstützung, die sie verdient hätten.

 

Mutig und engagiert

Das Bildkonzept ist sicher nicht völlig verkehrt, die Bilder sind kontrastreich und stimmungsvoll, die Kamera-Bewegung übt einen ständigen Druck auf die Figuren aus und die flirrende Sommerhitze, in der die Handlung stattfindet, ist audiovisuell genial wiedergegeben Aber hier wird zu verbissen an einem visuellen Konzept festgehalten. Oft wünschte man sich jedoch die Kamera würde auch Vorstellungen für die Räume außerhalb des Kaders zulassen, oder würde die Musik einen nicht zu Gefühlen zwingen, die sich besser von selbst einstellen sollten.

 

Es bleibt dennoch sehr erfreulich, hier einen mutigen und engagierten deutschen Film präsentiert zu bekommen. Baran bo Odar ist mit seinem Debüt ein spannender Thriller und eine sensible Auseinandersetzung mit Verlust und Einsamkeit gelungen. Ein Krimi, der es schafft sich ästhetisch und erzähltechnisch von Tatort und Co abzuheben. Ein Film, der die idyllische Kornfeld-Kulisse aus der Karo-Kaffee Werbung zu einem Ort des Schreckens werden lässt und das nächste Bad im See zu einer echten Überwindung.


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