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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:35

    Me too - Wer will schon normal sein? - Ab heute im Kino!

    05.08.2010

    Liebe mit Handicap

    „Wer will schon normal sein?“, fragen Laura und Daniel und durchbrechen als ungleiches Liebespaar eingefahrene Verhaltensweisen und Vorurteile. Der spanische Spielfilm Me too (Yo, también) erkundet die diffizile Zuneigung zweier Menschen und hinterfragt humorvoll die vermeintlichen Grenzsetzungen zwischen Behinderung und sogenannter Normalität. Von MONIKA THEES

     

    Manchmal genügt eine klitzekleine Winzigkeit, wie ein winziges Chromosom zu viel. Der Spanier Daniel (Pablo Pineda) ist mit Trisomie 21 auf die Welt gekommen, in jeder Zelle seines Körpers existiert das Chromosom 21 drei- statt üblicherweise zweimal. Wir sprechen gemeinhin vom Down-Syndrom und schon setzt die Etikettierung ein: flaches Gesicht, schräge Lidachsen, eine kleine, zur Fülligkeit neigende Statur. Oftmals eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten bei gleichzeitiger Tendenz zu rührend liebevoller, ehrlicher, wenn nicht gar distanzloser Emotionalität. Die angeborene Chromosomenstörung ist nicht therapierbar, nur die Begleiterscheinungen sind behandelbar. Ein Handicap, schade, leider, wir bedauern es sehr, aber es gibt soziale Einrichtungen für Behinderte, Werkstätten, Förder- und Integrationsmaßnahmen, speziell ausgebildete Therapeuten – und ach, wir sind tolerant, natürlich sollen die Betroffenen glücklich werden, sich entfalten und ihre individuellen Möglichkeiten ausschöpfen. Liebe, Sexualität? Warum auch nicht. Na ja, aber im Kino?

     

    Ach so pikant?

    Daniel ist einer von vielen (mit einer auf 700 Geburten ist Trisomie 21 die häufigste angeborene Chromosomenstörung), doch er ist anders und er ist stolz. Der 34-Jährige hat gerade sein Studium (Lehramt und psychologische Pädagogik) mit Erfolg abgeschlossen und tritt seine erste Arbeitsstelle als Sozialarbeiter an. Jetzt müsse er nur noch heiraten, bemerkt er trocken anlässlich einer familiären Feier, und hinter seinem Lächeln ahnen wir Einsamkeit, das unausgesprochene Bedürfnis nach Berührung, nach ganz normal gelebtem Glück. – Manchmal genügt ein kurzer Blick. Daniel verguckt sich in die unkonventionelle Kollegin Laura (Lola Dueñas), die sexy blondiert, provozierend, in engen Jeans und auf High Heels den Flur entlangstöckelt. !Hola!, der Gang ist etwas schmal, die beiden treffen aufeinander, lächeln sich an, wenig später rauchen sie gemeinsam – entgegen der Hausordnung – eine Zigarette auf dem Flachdach hoch über der Stadt. Sie tanzen eng auf einem Betriebsfest, kichern.

     

    Die Kollegen tuscheln, der Zuschauer grient und spürt es längst: „Me too – Wer will schon normal sein?“, das mit mehreren Preisen ausgezeichnete Kinodebüt der spanischen Regisseure Álvaro Pastor und Antonio Naharro, ist kein Betroffenheitsdrama um soziale Ausgrenzung und Leid, kein Minderheitenreport, auf abendfüllende Spielfilmlänge gestreckt – und auch keine voyeuristische Peepshow um eine ach so pikante Beziehung. „Me too“ ist entwaffnend ehrlich und direkt, nicht gestylt als inszeniertes Kammerspiel mit sozialpädagogischem Touch, sondern gedreht auf der Straße, in stickigen Fluren, am Strand, im Schwimmbad in realistischem Licht, mit Menschen wie du und ich, wie Laura und Daniel eben. Der Zuschauer begleitet die Protagonisten durch den Alltag, folgt Laura in die Disco, erlebt in rasant geschnittenen, unscharf-grellen Bildern ihr enthemmtes Trinken, Flirten – den Absturz. Ihr nächster Tag beginnt mit kräftigem Kopfweh. Klar, sie hat ein Problem, irgendwie mit ihrer Familie und ihrem Vater, der ins Koma fiel und jetzt im Krankenhaus liegt. Doch welches?

     

    Flirrende Freude und Vielfalt

    „Me too“ erklärt nicht, psychologisiert nicht, die Dinge sind so, wie sie sind: Wir sehen verschwitzte Gesichter, keine makellos retuschierten Körper, keine auf Hochglanz polierte Illusion – sondern die ungewöhnliche und doch so normale Geschichte zweier Menschen, die sich mögen. Laura und Daniel fahren an den Strand, kommen sich näher, berühren sich. Sie agieren im sozialen Niemandsland zwischen Behinderung und Normalität. Daneben das glückliche Bilderbuchpaar: Daniels Bruder Santi (Antonio Naharro) und seine Partnerin Reyes (Maria Bravo) erwarten ein Baby. Luisa und Pedro hingegen, beide mit Down-Syndrom und Mitglieder in der von Santi und Reyes geleiteten Tanzgruppe, dürfen ihre Liebe nicht leben und flüchten aus ängstlicher Überbehütung in ein Stundenhotel. Luisa und Pedro küssen sich zaghaft, träumen von einer Hochzeit in Weiß. Sind von Trisomie 21 Betroffene überhaupt reif für die Ehe, Familie, für Kinder? Was wissen sie über Schwangerschaftsverhütung, über den Anstand, die Moral? Und überhaupt: Wer setzt die Regeln, wer zieht die Grenze? Gibt es diese überhaupt?

     

    „Me too – Wer will schon normal sein?“ ist kein sozialpsychologischer, theoretischer Diskurs mit farbiger Bebilderung, sondern lässt Menschen mit (und ohne) Down-Syndrom einfach so sein, wie sie sind, er zeichnet sie ohne Weichspüler, dafür mit Respekt. Das auf Tempo gespielte Basketballspiel athletischer Hünen, die kraftvollen Schwimmzüge trainierter Sportler im Hallenbad und die ausdrucksstarken Bewegungen der Mitglieder der Behinderten-Tanzgruppe „Danza Móbile“ – weniger über Dialoge denn Bilder und Musik (hervorragend und mit einem „Goya 2010“ für den besten Filmsong prämiert: Guille Milkyway) vermittelt sich eine flirrende Lebensfreude und -vielfalt, die Konflikte, Unterschiede nicht negiert, sondern sie humorvoll, leicht, als selbstverständlich benennt. Kein Wohlfühlgesäusel lässt unsere Vorbehalte und anfängliche Abwehr bröckeln, sondern die überzeugende Darstellung authentischer, bei allem rebellischen Verve sehr gegensätzlicher Figuren:

     

    Keine Rührseligkeit, kein Kitsch

    Lola Dueñas, bekannt aus den Filmen „Sprich mit ihr“ (2002), „Volver“ (2006, beide Pedro Almodóvar) und „Das Meer in mir“ (2004, Alejandro Amenábar), erhielt 2010 für ihre Darstellung der Laura den angesehensten spanischen Filmpreis, den „Goya“. Pablo Pineda, selbst betroffen von Trisomie 21 und Europas erster Akademiker mit Down-Syndrom, bildet die Brücke, den Grenzgänger zwischen den Welten. Pineda, in seiner Heimat bekannt aus Interviews und Fernsehen, spielt sein Alter Ego – nicht jedoch sein Leben, auch wenn es Parallelen gibt – und wurde beim Film Festival in San Sebastian als bester Schauspieler prämiert. Alle weiteren Rollen wurden, um einen größtmöglichen Grad an Authentizität zu erreichen und der Spannbreite komplexer Realität gerecht zu werden, mit in Spanien weitgehend unbekannten Schauspielern oder Laien besetzt. Antonio Naharros Schwester Lourdes, vom Down-Syndrom betroffen und Tänzerin der Gruppe „Danza Móbile“, spielt in „Me too“ die Figur der Luisa.

     

    Hoffnung, Enttäuschung, Hilflosigkeit und Mut gehören zum Leben. Nicht jede Liebe endet mit einem Happy End, nicht jeder Traum erfüllt sich. Laura und Daniel heben nicht ab ins rosawolkige Märchenland, sondern werden ihre Wirklichkeit leben, wir das Kino verlassen und, wie gehabt, uns irgendwie durchwuseln in Job, Beziehung und Familie. „Me too“ ist kein Befreiungsschlag für die Nöte des Alltags, auch nicht für die zwingende Integration von Ausgegrenzten, Behinderten, Randgruppen und die zu fordernde Selbstverständlichkeit eines vorurteilsfreien, im Ansatz unbefangenen Umgangs. Eine Gesellschaft, die Behinderte ausgrenzt, behindert sich selbst, heißt es ganz zu Anfang. Wie wahr. Wir pauschalisieren – und differenzieren nicht. Wir urteilen in Schwarzweiß und sehen nicht die feinen Nuancen: Wir zwängen uns in eine Normalität, die einschränkt. – Manchmal genügt ein sommerleichter Film, der die Balance hält auf dem schmalen Grat klarer Wahrhaftigkeit, ohne abzurutschen in Rührseligkeit, Sozialkitsch oder plakative Parolen. Ein Film, der an eingefahrenen Sichtweisen kratzt und so die Vielfalt erahnen und akzeptieren lässt: uns, die anderen, auch die mit dem winzigkleinen Chromosom zu viel.


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