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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 17:16

    Mammut

    24.06.2010

    Mitten aus dem Leben

    Alltägliche Dramen, die den Zeitungen kaum noch eine Meldung wert sind, hat Moodysson zu einem bewegenden, eindringlichen und globalen Gesellschaftsdrama verdichtet. Von STEFAN VOLK

     

    Die Kritiken auf der letztjährigen „Berlinale“ fielen derart vernichtend aus, dass Mammut in Deutschland erst einmal von der Bildfläche verschwand. Wer von den Reaktionen bei der Pressevorführung gelesen hatte, wo der Film „niedergebuht“ wurde, und sich an die schweren Geschütze erinnerte, die gegen das Globalisierungsdrama in Stellung gebracht wurden, dem Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung gar einen „reaktionären Mutterkult“ attestierte, der dürfte sich bei der Premierenvorstellung in Berlin, bei der Mammut wohlwollend aufgenommen wurde, verwundert die Augen gerieben haben und sich auch jetzt, fast anderthalb Jahre später, im Kino wohl buchstäblich im falschen Film wähnen. Denn, was sich in mancher Filmkritik las wie ein von Eva Herman inszenierter anti-feministischer Propagandastreifen, entpuppt sich als engagiertes, emotionales Kino, das formal an manchen Stellen zwar etwas dick aufträgt, es sich inhaltlich aber alles andere als einfach macht.

     

    In seiner ersten Großproduktion erzählt Lukas Moodysson (Raus aus Amal; Zusammen!) vom jungen, sympathischen und erfolgreichen New Yorker Ehepaar Leo und Ellen. Leo hat mit einer Spiele-Website derart viel Geld verdient, dass sein Geschäftspartner es sich leisten kann, ihm einen Füller zu schenken, der aus dem Elfenbein von Mammuts gefertigt wurde. Ein deutliches Sinnbild für die Dekadenz einer Wohlstandsgesellschaft – plastisch, vielleicht plakativ. Allerdings hat der schwedische Regisseur den Handel mit Mammutelfenbein keineswegs erfunden. Mit diesem exklusiven Füller soll Leo nun die Unterschrift unter einen Vertrag setzen und seine Internetfirma für viele Millionen an einen asiatischen Konzern verkaufen. Er fliegt nach Thailand, wo sich der Geschäftsabschluss hinauszögert und Leo dem Charme einer hübschen Thailänderin erliegt.

     

    Eigentlich will er ihr aus der Prostitution heraushelfen und wird so, ohne dass er es merkt, selbst zum Freier. Ellen stellt sich derweil als Notärztin in einer unterbesetzten Klinik der harten Realität außerhalb des Elfenbeinturms. Dienst nach Vorschrift ist kaum möglich, wenn es darum geht, das Leben eines schwer misshandelten Kindes zu retten, das auf ihrem OP-Tisch landet.

     

    Keine Frage also, Leo hat in Thailand bedeutende Geschäfte zu erledigen und Ellens Arbeit ist zwar schlecht bezahlt, doch im Grunde noch viel wichtiger. Jackie aber, die gemeinsame Tochter der beiden, fragt nicht danach. Das achtjährige Mädchen vermisst seine Eltern, obwohl das philippinische Kindermädchen Gloria sich liebevoll um sie kümmert. Weil sie die meiste Zeit mit Gloria verbringt, hat Jackie zu ihrem Kindermädchen bald eine engere Bindung als zu ihrer Mutter. Ellen leidet darunter, reagiert eifersüchtig, und verbietet Gloria bezeichnenderweise, mit Jackie in ihrer Muttersprache zu sprechen, wofür sie sich später entschuldigt. Ellen fällt es nicht leicht, sich in ihrer Rolle als arbeitende Mutter zurechtzufinden. Eine scheinbar ungehörige Schwäche. Auch Jackies Kindermädchen Gloria ist Mutter. Um Geld zu verdienen, musste sie ihre beiden kleinen Jungs bei der Großmutter auf den Philippinen zurücklassen. In kurzen, quälenden Telefonaten versucht sie die beiden zu trösten. Als einer ihrer Söhne in die Fänge eines Kinderschänders gerät, reist Gloria Hals über Kopf ab, ohne Rücksicht auf Jackie.

     

    Eindringliches Gesellschaftsdrama

    Kinder zu zeigen, die unter der Trennung von ihren Müttern leiden, nahm man Moodysson übel. Einer modernen jungen Akademikerin mütterliche Skrupel ins Skript zu schreiben, kam offensichtlich einem Affront, einer „archaischen Botschaft“ (Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel) gleich: „Family values forever“. Tatsächlich ist Mammut unter der Oberfläche der Globalisierungskritik auch ein Film, der für die Familie eintritt. Moodyssons Botschaft aber ist kein „zurück“ zur Familie. Vielmehr richtet der Film seinen Blick nach vorne und nimmt auf der Suche nach neuen, harmonischeren Familienmodellen am Ende auch den Vater, der sich im Gegensatz zu Ellen seiner Verantwortung lange nicht stellt und von keinem schlechten Gewissen geplagt wird, mit in die Pflicht. Umso abwegiger erscheint da der Vorwurf, der Film sei reaktionär. Moodysson liefert keine Patentrezepte, schickt Ellen nicht heim an den Herd, sondern deutet lediglich an, dass Doppeltverdienen und Kindermädchenengagieren vielleicht auch nicht der familiären Weisheit letzter Schluss sind.

     

    Dazu greift er auf bisweilen arg offensichtliche Stilmittel zurück, etwa wenn Jackie und Glorias Kinder in New York und auf den Philippinen, durch eine Parallelmontage miteinander verbunden, zeitgleich in die Kirche gehen, aber Gloria nicht bei ihren eigenen Kindern sein kann, weil sie dafür bezahlt wird, sich um Jackie zu kümmern. Auch wenn Gloria ihrem jüngsten Sohn von dem Geld, das sie in New York verdient hat, zum Geburtstag einen Basketball auf die Philippinen schickt, der, wie die Kamera in einer Großaufnahme entlarvt, ursprünglich dort hergestellt wurde, mag einem das reichlich plakativ erscheinen. Unrealistisch ist es nicht.

     

    Ein „Zuviel“ wurde Mammut vorgeworfen. Zuviel an Symbolik, aber auch: zu viele Probleme, zu viele Dramen. Vergleicht man das Geschehen in Mammut mit demjenigen in Babel, in dessen Schatten Moodyssons Film verschiedentlich gestellt wurde, muss auch das verwundern. Denn während Babel spektakuläre Zwischenfälle miteinander verknüpft, sind es in Mammut die alltäglichen Dramen, die den Zeitungen kaum noch eine Meldung wert sind – die Prostitution in Thailand, der Kindesmissbrauch auf den Philippinen, die soziale Kälte und der Karriererausch in New York –, die Moodysson auf einer Länge von zwei Stunden zu einem bewegenden, eindringlichen und aufrüttelnden globalen Gesellschaftsdrama verdichtet.

     

    Die Opferrollen sind in Mammut nicht für bildungsferne, exotische Schichten reserviert, sondern auch für die Tochter aus gutem Hause. Und sogar für die Profiteure selbst, bei denen es sich um keine aalglatten Politiker handelt, keine schmierigen Waffenhändler oder skrupellose Geschäftemacher, sondern um junge, weltoffene, gutmeinende Akademiker, von Michelle Williams (Wendy and Lucy) und Gael García Bernal (Die Reise des jungen Che) sympathisch unaufgeregt verkörpert. Sie könnten auch Berliner Filmkritiker sein, mit einer Haushaltshilfe aus der Ukraine. Mammut ist bei aller sinnbildlichen Opulenz nämlich ein Film mitten aus dem Leben. Das macht ihn so ergreifend, mitreißend, erschütternd und trotz seiner warmherzigen und differenzierten Herangehensweise offensichtlich auch so provokativ.

     

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