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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:23

    Herbst

    13.05.2010

    Chronik eines angekündigten Todes

    Das Debüt von Özcan Alper reiht sich ein in eine neue Generation des jungen türkischen Kinos, das seit einigen Jahren international Aufmerksamkeit erregt.

     

    Von CORNELIUS HÄHNEL

     

    1997 geht der damals 22jährige Student Yusuf für die sozialistische Bewegung in der Türkei auf die Straße. Er wird verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung kehrt er, durch die Zeit hinter Gittern gesundheitlich schwer angeschlagen, in sein Heimatdorf in der östlichen Region des Schwarzen Meeres, nahe der Grenze zu Georgien, zurück. Einzig seine alte und kranke Mutter wohnt noch dort, sein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben, und seine große Schwester ist nach ihrer Hochzeit in die Stadt gezogen. Überhaupt leidet das Dorf unter der Abwanderung der jungen Leute. Mit den alten Bewohnern wird Yusuf nicht warm, nur bei seinem Jugendfreund Mikhail fühlt er sich verstanden. Eines Abends gehen die beiden jungen Männer in die hiesige Taverne, wo Yusuf auf die georgische Prostituierte Eka trifft. Die beiden Außenseiter fühlen sich zueinander hingezogen, und aus ihrer Einsamkeit heraus versuchen beide, sich gegenseitig Halt zu geben. Doch es scheint, als wäre dies weder die richtige Zeit noch der richtige Ort für eine gemeinsame Zukunft.

    Das Debüt von Özcan Alper reiht sich ein in eine neue Generation des jungen türkischen Kinos, das international Aufmerksamkeit erregt. 2008 begeisterte Seyfi Teoman mit Summer Book das Publikum der Berlinale, 2009 gewann Wrong Rosary von Mahmut Faz?l Coskun das Crossing Europe Festival in Linz, und Herbst war ebenfalls 2009 als beste europäische Neuentdeckung für den Europäischen Filmpreis nominiert. Allen Filmen gemein ist, dass sie vom Status Quo der heutigen Türkei berichten, vom noch immer andauernden Wandel zwischen Tradition und Moderne. Ohne dabei in Wertigkeiten zu verfallen, räumen sie beiden Positionen einen selbstverständlichen Platz in der Gesellschaft ein und sehen gerade darin das spezifische Charakteristikum des Landes.

     

    Von Veränderungen, von Hoffnungen und vom Scheitern

    Auch Herbst handelt von Veränderungen, von Hoffnungen und vom Scheitern. Behutsam seziert er soziale Gegebenheiten und streut zurückhaltend und mit großer Naturmetaphorik seine Kommentare. Überhaupt ist die Landschaft einer der wesentlichen Protagonisten. In elegischen Bildern erfasst die Kamera die nebligen Bergwälder und die tobende See und verfolgt den Wechsel von Herbst zu Winter. Dies sind brillante Kompositionen beeindruckender Naturspektakel und doch mitunter leider etwas zu symbolträchtig. Yusuf, der versucht, wieder ins Leben zu finden, steht einer, jahreszeitlich bedingt, absterbenden und überwältigenden Natur gegenüber, einer perfekten Analogie zur Infrastruktur des Dorfes. So wandelt er wortkarg von Schauplatz zu Schauplatz, ein stiller Beobachter der Gegenwart, einem Chronisten des Todes gleich. Über seine Vergangenheit erfährt der Zuschauer wenig. Alper inszeniert ein Kapitel der jüngsten Geschichte der Türkei als Rückgrat seines Films, das im Hintergrund bleibt und das er anhand der Auswirkungen auf die heutige Zeit thematisiert. Einzig zu Beginn sieht man kurz einige Nachrichtenbilder der Proteste und Demonstrationen der Menschen, die sich für den Sozialismus eingesetzt haben, sowie authentisches Videomaterial der politischen Gefangenen aus ihren Zellen. Die Figur des Yusuf beruht, nach Aussage des Regisseurs, auf wahren Begebenheiten, zwar nicht auf einer konkreten Person, aber in ihr verschmelzen die Schicksale verschiedener Personen, welche so den Stellvertreter einer Generation bilden. Doch auch hier muss auf Vorwissen zurückgegriffen werden, mehr als Andeutungen gibt es nicht.

    Und so ist Herbst in seiner Ruhe mitunter zu still, verlässt er sich doch oft zu sehr auf ein Wissen seitens des Zuschauers, das eine Kontextualisierung möglich macht, wo bei vielen vielleicht nur Ahnungen vorhanden sind. Zugleich aber wird durch diese Zurücknahme, trotz der spezifisch türkischen Thematik, eine Allgemeingültigkeit möglich, die eine emotionale Identifikation erlaubt. Und so streift man mit Yusuf durch die herbstliche Natur, den Tod vor Augen und das Wissen im Herzen, dass es dieses Absterbens bedarf, damit neues Leben entstehen kann.

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