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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:22

    Sin Nombre

    29.04.2010

    Auf dem Todeszug ins gelobte Land

    Gnadenlose Gewalt in bestechenden Bildern und furiosen Schnittfolgen: Souverän und schonungslos erzählt Cary Fukunaga von der Mara Salvatrucha, der wohl größten und gefährlichsten Gang der Welt. Von CARSTEN HAPPE

     

    Namen und Identitäten, die diese konstituieren, sind entscheidende Komponenten dieses Films, der bereits in seinem Titel eben jene Ambivalenz andeutet, die bei ihrer Vergabe mitschwingt. In der Welt der lateinamerikanischen Gangs, die den Ausgangspunkt von Sin Nombre bildet, werden Namen wie Labels etikettiert und verweisen auf die Identität, schaffen sie zumeist erst. Es ist kaum ein Zufall, dass sich ein Regisseur dieses Themas annimmt, dessen Name selbst Fragen nach seiner kulturellen Identität aufwirft und den man sich merken sollte, wie schwer es auch fällt: Cary Joji Fukunaga. Als Sohn eines japanischen Vaters und einer schwedischen Mutter im kalifornischen Oakland geboren, aufgewachsen in Frankreich, Japan und Mexico City. Seine Biographie ist der personifizierte Melting Pot of Nations, in den auch die Protagonisten seines ersten Langfilms Sin Nombre aufgehen wollen, jenseits der Grenzanlagen, die Mexiko von den USA trennen.

    Zunächst jedoch zeichnet Fukunaga ein schonungsloses Porträt einer mexikanischen Dependance der Mara Salvatrucha, der wohl größten und gefährlichsten Gang der Welt. Das brutale Aufnahmeritual des 12jährigen El Smiley, dessen eigentlichen Namen wir nie erfahren, bildet den Bodensatz für Willys – genannt El Casper – Aufbegehren gegen seine Jungs und ihren Anführer Lil’Mago. Die Beziehung zu seiner Freundin hält El Casper wohlweislich vor seiner Gang geheim, bis Lil’Mago die ungeliebte Verbindung aufdeckt, das Mädchen zu vergewaltigen versucht und versehentlich tötet, was er einzig mit einem Schulterzucken kommentiert. Der Wert eines Menschenlebens ist hier mit bloßem Auge kaum auszumachen.


    Die sinnlose Tötung seiner Freundin befeuert El Caspers Widerstand gegen die Maras ins Unermessliche – bei einem Übergriff auf einen Zug voller Flüchtlinge aus Mittel- und Südamerika, die leichte Beute bedeuten, ermordet El Casper Lil’Mago und schüttelt dessen mittlerweile treuesten Gefolgsmann El Smiley ab, bevor die junge Honduranerin Sayra ihr nächstes unschuldiges Opfer werden kann. Gemeinsam mit dem Mädchen, ihrem Vater und ihrem Onkel begibt sich Willy, der seinen Gangnamen mit seiner gewalttätigen Vergangenheit zurücklässt, auf die Reise ins vermeintlich gelobte Land, in verrosteten Containerwaggons und auf den Dächern der Züge – seine ehemaligen Compañeros unerbittlich im Nacken.

     

    Bestechende Bildkompositionen, furiose Schnittfolgen

    In bestechenden Bildkompositionen und mit furiosen Schnittfolgen, deren Souveränität zu keiner Sekunde erahnen lässt, dass Sin Nombre sein Regiedebüt ist, begleitet Fukunaga die Reise der Flüchtlinge, die sie im übertragenen wie im Wortsinn bis an die Grenze führt. Seine im Grunde einfache und linear erzählte Geschichte erhält in ihrer bitteren Konsequenz fast universellen Charakter; das Schlussbild auf dem weitläufigen Parkplatz einer anonymen Shopping Mall irgendwo in den Vorstädten demaskiert den amerikanischen Traum mit einem Fingerstreich. Bei allem pessimistischen, bisweilen auch zynischen Blick auf die Situation in den Gangs und unter den Immigranten gelingt es Fukunaga dennoch, eine zutiefst humanistische Haltung einzunehmen und auf differenzierte Weise Stellung gegen die menschenverachtende Gangpolitik zu beziehen.

    Wenngleich Sin Nombre nicht die Intensität eines City of God erreicht, schließt er in eindrucksvoller Manier die Lücke zwischen dem aktuellen brasilianischen Actionkino eines Tropa de Elite und den Immigrationsdramen entlang der mexikanisch/US-amerikanischen Grenze, die sich in Filmen wie Trade oder La misma luna durchzieht. Ausgezeichnet mit dem Regiepreis beim Sundance Festival 2009, hat sich Cary Joji Fukunaga gleich mit seinem Erstling einen klangvollen Namen gemacht, der auch bei seiner angekündigten Adaption von Jane Eyre Großes erwarten lässt.

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