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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 17:25

    Vorsicht Sehnsucht

    22.04.2010

    Aufbruch in Unversicherbare

    Mit Vorsicht Sehnsucht drehte Alain Resnais den Traum von einem Film. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Als der 87-jährige Alain Resnais im vergangenen Jahr in Cannes seine Herbes folles zeigte (& dafür den Spezialpreis der Jury erhielt), sahen viele Kritiker in diesen „verrückten Kräutern” einen wahnwitzigen “Speed” konzentriert, an dessen artistischer Intensität alle Jüngeren mit ihren aufgeputschten Wettbewerbs-Filmen nicht heranreichten.

     

    Der älteste Regisseur des Festivals hatten den „jüngsten” Film gemacht: eine surrealistische Tragikomödie voller dramaturgischer Geheimnisse und cinéastischer Wunder, souverän & innovativ, elegant und abgründig.

     

    Vorsicht Sehnsucht heißt Resnais´ jüngstes Cinéastenvergnügen nun auf Deutsch, wobei ein Doppelpunkt zwischen den Wörtern den Impuls dieses ironischen Titels eindeutiger signalisiert hätte - im Sinne von „Achtung: Sehnsucht!”

     

    Der französische Titel wiederum leuchtet einem Zuschauer unmittelbar optisch ein, wenn gleich zu Beginn des Films die Kamera dem Verlauf von „Unkraut” folgt, das sich dort eingenistet hat, wo der Asphalt aufgebrochen ist oder Gemäuer verwittert war. Ohne den Titel Les Herbes folles vor Augen bleibt die Sequenz mit ihrer Metaphorik im Vagen. Aber geläufig ist ja auch Sigmund Freuds Sprachbild von der „dünnen Haut der Zivilisation”, die als immer bedrohte Firnis unser gesellschaftliches Zusammenleben umschließt.

     

    Die verrückte Sehnsucht nach einem anderen Leben, dem unvorhergesehenen Abenteuer, der lustvollen Triebbefriedigung, sprengt die alltägliche Lebensroutine der fünfzigjährigen Marguerite Muir (Sabine Azéma) und des wohlhabenden Pensionärs Georges Palet (André Dussollier). Beide darstellerischen Virtuosen des Französischen Kinos haben schon vielfach in Resnais´ raffinierten Kunstwelten brilliert. So auch hier.

     

    Muir und Palet wissen & wüssten nichts von einander – hätte die in einer Pariser Vorstadt allein lebende rothaarige Zahnärztin mit dem Afro-Look nicht an diesem Tag sich den zeremoniellen Kauf eines teuren Pumps-Paars in der Metropole erlaubt; und wäre der ältere Herr, dessen jüngere Ehefrau tagsüber in ihrer Musikalienhandlung arbeitet, während er als „Hausmann” und Gärtner ihres luxuriös eingerichteten Häuschens eines anderen Pariser Vororts von ihr auf Trab gehalten wird, justament an diesem Tag nicht auch in die Stadt gefahren, um die Batterie seiner stehen gebliebenen Armbanduhr in einem exquisiten Uhrengeschäft auswechseln zu lassen.

     

    Die angenehme Stimme eines unsichtbaren Erzählers, der immer wieder innehält und sich verbessert – Thomas Mann hätte ihn den „Geist der Erzählung” genannt –, macht uns erst mit Marguerites städtischem Abenteuer bekannt (ohne dass wir vorerst mehr von ihr zu sehen bekämen als Körperfragmente) – und dann mit Georges´ leichten Verwirrungen eines nervösen Provinzlers, der sich über die aufreizende Mode der jungen Frauen empört, denen er gleichwohl nachblickt. Die männliche Erzählerstimme bleibt im Folgenden unsere freundliche Begleiterin durch den Film; und dann kommen später auch noch die Inneren Monologe der beiden Hauptfiguren hinzu.

     

    Das Wunderbare entsteht aus zwei banalen Vorfällen

    Resnais, der einmal behauptet hat, im Kino könne man zwar die Augen, aber nicht die Ohren schließen, macht nicht nur optisch innovatives Montage-Kino, sondern entfaltet auch die reiche Palette des Akustischen von Sprache, Dialog und Musik in seinen Filmen. Besonders aber nun in Vorsicht Sehnsucht, da er ein kinematographisches Äquivalent für die ironisch-melancholische Erzählweise des ehemaligen Jazzsaxophonisten und Psychoanalytikers Christian Gailly gesucht und gefunden hat, dessen Roman L´Incident ihn wegen der „synkopierten” Schreibweise des Autors fasziniert hatte, der „Sätze in der Mitte mit einem Punkt beendet“ und die Widersprüchlichkeiten und Motivationen seiner Protagonisten offen lässt, so dass wir auf unsere Phantasie angewiesen sind, um uns durch die Lakonie und die Erzählfragmente in Resnais´ Kinowelt zu navigieren. Ein herrliches Spekulations-Vergnügen auf der Spurensuche nach dem Verborgenen im vielfältigen Zeichensystem des mit ebensoviel erzählerischer Eleganz wie hinterlistiger Ironie operierenden Films.

     

    Was bringt aber nun diese zwei einander Unbekannten in einen flamboyanten Kontakt – wie ihn Lautréamonts surrealistische Vision vom „zufälligen Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch” als Epiphanie des Wunderlich-Wunderbaren einst dingfest machte?

     

    Zwei „banale” Vorfälle sind es: Marguerite wird beim Bummel nach dem Schuhkauf von einem Dieb ihre Handtasche mit ihren Identitätspapieren entrissen und George findet ihre Brieftasche im Parkhaus neben seinem Auto wieder. Beim Stöbern darin stößt er auf den Privat-Pilotenschein der attraktiven Fünfzigjährigen.

     

    Eben noch, durch die kaputte Armbanduhr an die gestundete Zeit in seiner Todesnähe irritiert, elektrisiert ihn der zufällige Einblick in die Intimität der Fremden, mit der er seine vom Vater übertragene Leidenschaft für die Fliegerei teilt, ohne doch selbst Pilot zu sein. Erst will er die Dokumente selbst ihrer Besitzerin bringen und imaginiert sich während der Fahrt in seinem Auto eine optisch beschworene Variantenreihe von Übergabesätzen; dann liefert der Feigling aber die Brieftasche zusammen mit seiner Telefonnummer in einem Kommissariat ab, wobei er – in einem Inneren Monolog – befürchtet, der Polizist, der sich einem etwas verwirrten Finder gegenübersieht, könne ihn „wiedererkennen“ – als gäbe es einen unbekannten, kriminellen Grund für seine Angst.

     

    Als Marguerite sich nach einiger Zeit meldet - gerade als Georges und seine Frau Suzanne (Anne Consigny) ihre Kinder zu einem Essen zuhause haben –, sieht sich der erwartungsfrohe Finder durch die Förmlichkeit von Marguerites telefonischer Danksagung und ihrem Desinteresse an einem Treffen zutiefst verletzt. Von nun an agiert er als „Stalker“, der die Widerspenstige mit immer längeren Episteln, in denen er von sich und seinem Leben spricht, verfolgt – bis Marguerite, die sich mit ihrer befreundeten Kollegin Josépha (Emmanuelle Devos) eine Zahnarztpraxis teilt, die Polizei bittet, gegen den lästigen Bedränger vorzugehen. Die beiden ihn zuhause aufsuchenden Polizisten treffen auf einen ängstlich-verwirrten Mann, dem sie aber das Versprechen abnehmen, Marguerite künftig unbehelligt zu lassen. Nachhaltig eingeschüchtert, hält er sich daran.

     

    Surrealismus & Aeronautik

    Nun wechselt jedoch die irrationale Obsession, die Georges heimgesucht hatte, auf Marguerites Seite, jetzt kann sie von ihm nicht mehr lassen, obwohl sie sich bislang noch nicht einmal gesehen hatten. Schon im Bett liegend, ruft sie bei Georges an, hört von seiner Frau, dass er zu einer Spätvorstellung ins Kino gegangen sei, wo er den Koreafilm Die Brücken von Toko-Ri besucht. Marguerite zieht sich an, fährt zu dem Vorstandkino und wartet in einem Bistro gegenüber, bis als letzter, gedankenversunken, ein älterer Mann, den ihr die Polizisten beschrieben hatten, aus dem Kino kommt. Es ist George, den sie zum ersten Mal leibhaftig sieht, sie läuft ihm hinterher, überholt ihn, dreht sich um: und sie erkennen sich. “Sie lieben mich also?”, glaubt er von Marguerite, die verwirrt verneint; als sie, bei einem Schnaps im Bistro, ihn und seine Frau zu einem gemeinsamen Flug einlädt, verlässt er aber  wortlos empört das Treffen.

     

    „Wenn man aus dem Kino kommt”, bemerkt der Erzähler, „erstaunt einen nichts mehr. Alles kann sich auf die natürlichste Weise zutragen”. Gesagt, getan. Von nun an steigert sich Vorsicht Sehnsucht in ein Delirium hinein, in dem die Bodenhaftung der Figuren schwindet und die Aeronautik an ihre Stelle tritt.

     

    Denn Resnais verlässt den Parallelismus der Figuren, mit dem er die beiden gewissermaßen als „Themen” eines erzählerischen Sonatensatzes einander konfrontiert & exponiert hatte und macht sich an deren motivzersplitternde „Durch-” & „Engführung”, sprich: die zunehmend phantastischer werdende Auseinandersetzung zwischen ihnen. 

     

    Es ist Marguerite, die immer „verrückter” sich in Georges Privatleben einmischt und dabei sowohl ihre Freundin als auch Georges sanfte Ehefrau in den Strudel ihrer Obsessionen und in die Beschleunigung ihrer Konflikte zieht. Am Tag nach dem Treffen mit Georges erscheint sie nicht in der Praxis, an einem anderen verlässt sie ihre gequälten Patienten fluchtartig und sucht auf dem Privatflugplatz Zuflucht, wo sie ihre „Spitfire” liebevoll nächtlich tätschelt und in deren Cockpit übernachtet.

     

    Der Flugplatz in der ländlichen Provinz ist dann auch der Poetische Ort für den Showdown. Marguerite hat sie alle dorthin bestellt: den ihr widersetzlichen Georges, dessen sanfte Frau – und ihre Freundin. Im treppen- & gängereichen Terminal treffen überraschend Georges und Marguerite aufeinander und umarmen sich unter der triumphalen Titelmelodie der 20th Century Fox. Ein Happyend á la Hollywood? Mitnichten. Die Pilotin lädt George und Suzanne zu einem Rundflug mit einer kleinen Maschine ein. Als Georges neben ihr Platz genommen und Marguerite ihm in der Luft die Übernahme des Steuers anbietet, kann er vor ihr das peinliche Malheur nicht mehr verbergen, das ihm auf  dem Flugplatz passiert war: der Reißverschluss seiner Hose war nach einem überstürzten Toilettenbesuch kaputt gegangen. Stummer Blick-Dialog zwischen den beiden über den offenen Latz.

     

    Danach dreht die kleine einmotorige Maschine mehrere Loopings, wofür sie nach Einschätzung des Erzählers (& unter den erstaunten Blicken eines verwunderten Bauern auf seinem Traktor) nicht geeignet ist, bis sie im Tiefflug hinter einem buschigen Feldbegrenzung verschwindet – und wir auf den Feuerball des verborgenen Absturzes vergeblich warten, jedoch eine Kaskade bizarrer Bilder und einem schnellen Schwenk über einen Provinzfriedhof uns assoziativ ein tragisches Ende nahe legt.

     

    In der kurzen „Coda” von Les Herbes folles sehen wir in einem Dorfhaus, wie Marguerites Freundin Josépha von ihrer kleinen Tochter gefragt wird, ob sie „Kitekat” von ihr bekäme, wenn sie ein Kätzchen wäre.

     

    Ein absurdes Ende?

    Wieso hat Josépha überhaupt eine Tochter, von der nie die Rede gewesen war?

    Erinnert man sich aber, dass die einzige explizite Liebesszene des gesamten Films den angetrunkenen Georges zeigte, der die wehrlos ihm hingegebene Josépha am Steuer ihres Autos durch das herunter gelassene Seitenfenster leidenschaftlich küsst? Und dass danach das Paar Georges Wohnung betritt, in der Marguerite und Suzanne über Georges beraten hatten, Josépha Suzanne um ein Glas Wasser bittet und George behauptet, er habe jetzt mit Josépha geschlafen und er sei ihr nur zuvorgekommen, weil sie vorgehabt habe, ihn zu verführen? Darf, soll man also assoziieren, dass das flüchtige Techtelmechtel nicht folgenlos geblieben sei und die letzte Sequenz Jahre später lokalisiert ist?

     

    Das erstaunlich Schöne an dieser Reverie des 87jährigen Resnais ist die Leichtigkeit und Gelenkigkeit, mit der er als Schöpfer seiner kleinen Welt des verrückten Begehrens nach dem Glück das Karussell der Erzählung sowohl in Bewegung setzt als auch offen hält für die auf- & abspringenden Phantasien der Zuschauer (& hörer!).

     

    Vor drei Jahren - in seinem Reigen von Herzen (siehe: TITEL-Artikel: “Ein Pariser Wintermärchen”) - hatte er gewissermaßen ein Sextett der verborgenen Sehnsüchte komponiert; nun hat Alain Resnais die Virtuosität seiner surrealistischen Spielfreude zu einem Quartett verdichtet. Große cinéastische Kammermusik! 

     

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