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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 29. Juni 2017 | 04:13

    Das Bildnis des Dorian Gray

    15.04.2010

    Galerie der Eitelkeit

    Dass die Jugend an die Jungen verschwendet ist, philosophierte bereits George Bernard Shaw, der Zeitgenosse Oscar Wildes, dessen einziger Roman die literarische Vorlage für diese mittlerweile sechzehnte Verfilmung liefert. Vor 120 Jahren verfasste Wilde sein faustisches Hauptwerk über Schönheit, hedonistische Dekadenz und die Abbildung des Seelischen. Von MARTIN WOLKNER

     

    Das Gesicht wird bekanntlich im zunehmenden Alter zum immer offensichtlicheren Spiegel der Seele und zum Beispiel durch Sorgen- oder Lachfalten eindeutig gekennzeichnet. In Zeiten des Lifting- und Botox-Jugendwahns trifft die Kritik von Das Bildnis des Dorian Gray mehr denn je den Zeitgeist. Promigesichter sind durch kosmetische Eingriffe ins Groteske entstellt und Schauspielerinnen berauben sich im Kampf gegen natürliche Altersfalten ihres Ausdrucksinstrumentariums. In Ermangelung eines Stellvertreters wie Dorians Bildnis, welches an seiner statt Alter und moralischen Seelenzustand anzeigt, verfallen viele den Versprechungen der Schönheitschirurgie, tabula rasa im Gesicht (und an anderen Körperteilen) zahlungswilliger Kunden zu machen und so für vermeintlich ewige Jugend zu sorgen.

    Auch der junge, unschuldige Dorian Gray, frisch nach London gezogen, lässt sich verführen, als der charmante und mephistophelische Lord Henry Wotton Dorians Moral mit seinem verruchten, hurenden Lebensstil untergräbt. Eifersüchtig auf das niemals alternde Bildnis seiner selbst, welches Maler Basil Hallward als sein Meisterwerk vollendet hat, lässt Dorian sich auf einen magischen Handel ein: Das Bild soll statt seiner die Geschichte seines Lebens erzählen, während Dorian ewig jung und schön bleibt. Doch erlaubt ihm dies nicht nur ein hemmungsloses Leben, sondern bringt auch einige Schattenseiten mit sich. Nach vielen Jahren des lasterhaften Lebens grämt und schämt er sich und sucht nach Läuterung, als er den Unterschied zwischen Vergnügen und Glücklichsein entdeckt hat. Ben Barnes' vielschichtige Darstellung des Dorian überzeugt ebenso wie die der anderen Schauspieler, doch Colin Firth stellt als Lord Henry alle in den Schatten und beweist einmal mehr sein phänomenales Talent.

     

    Hübsch anzusehen, aber ohne Seele

    Die neue Verfilmung durch Oliver Parker, der bereits die Wilde-Stücke Ein perfekter Ehemann und Ernst sein ist alles umsetzte, erzählt trotz einiger Modernisierungen im Grunde nichts neues, und die Handlung bleibt im viktorianischen London des ausgehenden 19. Jahrhunderts verortet. Finleys Debütdrehbuch erlaubt sich lediglich eine Straffung der Geschichte sowie einige Freiheiten. Sybil Vane stirbt nicht mehr an Gift, sondern wie Ophelia im Wasser, und Lord Henry hat nun eine Tochter um sein Gewissen zu testen und Dorians Wandel zu dramatisieren. Die homoerotische Komponente, die man dem bekennenden Schwulen Wilde gern unterstellen wollte, aber im Text nie ganz eindeutig ausmachen konnte, wird hier deutlicher betont, ja sogar eindeutige Bisexualität als wichtiges Element der unmoralischen Entgleisung hinzugedichtet. Dies wird heutzutage natürlich anders wahrgenommen als zu Wildes Zeiten der Kriminalisierung des Homosexuellen.

    Atmosphärisch erinnert Dorian Gray an die Twiligth-Reihe, weil Parker, der als Horrorfilmer mit Clive Barker (Hellraiser) begann, die Gothic-Horror-Elemente betont. Das Bildnis erhält subjektive Point of view-Einstellungen und erwacht dank der modernen Digitaltechnik zum ersten Mal richtig zum Leben. Schon bald winden sich Maden aus dem sich verändernden Gemälde, die Fratze bewegt sich und scheint Dorian zum Finale verschlingen zu wollen. Die explizite und überdeutliche Darstellung des Grauens wirkt jedoch unnötig reißerisch, als bedürfe die moralische Kritik einer solch plakativen Vermittlung. Aber irgendeinen bleibenden Eindruck – und sei es nur das fürchterlich entstellte Gesicht – muss der Film ja hinterlassen. Trotz einwandfreier Umsetzung, die der Vorlage (abgesehen vom effektüberladenen Ende) gerecht wird, ist der Film glatt wie Dorians makelloses Gesicht: hübsch anzusehen, aber ohne Charakter oder Seele.

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