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    Sonntag, 25. Juni 2017 | 17:24

    Festivalbericht Sofia 2010

    22.03.2010

    Der Regen regnet jeglichen Tag

    Vom 14. Internationalen Filmfestival in Sofia berichtet THOMAS ROTHSCHILD.

     

    Es gab eine Zeit, da schmeckten Tomaten in Bulgarien wie Tomaten. Mittlerweile sehen sie aus, als wären sie in Brüsseler Glaspalästen gezüchtet worden, und leider schmecken sie auch so. Die Globalisierung hat die Balkanrepublik mit voller Wucht getroffen. An jeder Straßenecke befindet sich eine Filiale einer westlichen Bank, die Schilder über den neueren Läden sind mit lateinischen statt mit kyrillischen Buchstaben beschriftet, als hätten sie nur an ausländische Touristen etwas zu verkaufen, was angesichts der herrschenden Armut der Wahrheit ziemlich nahe kommen dürfte. Lediglich bei der Schneeentsorgung im zugeschneiten Sofia scheint man sich eher an afrikanischen als an westeuropäischen Standards zu orientieren. Ältere Menschen können sich auf den ungestreuten Gehwegen nur unter Lebensgefahr  fortbewegen, und die Überquerung einer Straße gleicht einer Expedition, bei der man zwischen halbmeterhohen Matschhaufen und halbmetertiefen Schmelzwasserseen wählen kann.

     

    Auch das Internationale Filmfestival, das zum 14. Mal in Sofia stattfand, hält sich an die globalisierten Normen. Gezeigt werden Filme, die in der Saison von Festival zu Festival wandern – zum Glück, muss man ergänzen, denn ansonsten wären viele von ihnen gar nicht zu sehen. Die Klage kompromissloser Filmemacher über die Fixierung von Festivals auf Premieren ist ja nur zur Hälfte berechtigt. Sie trifft auf eine kleine Zahl prominenter Festivals zu. Daneben aber gibt es unzählige Festivals in aller Welt, die bereits aufgeführte Filme präsentieren, und das ist gut so: Sie sind ja nicht für eine Handvoll von Reisejournalisten da, sondern für die Bevölkerung. Junge Regisseure kommen oft gar nicht dazu, ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, weil sie ein Jahr lang mit ihrem Film von Festival zu Festival fahren. So auch nach Sofia, wo ein applaudierfreudiges Publikum sie herzlich begrüßt.

     

    Besonders schön sind sie nicht, die Kinos in der bulgarischen Hauptstadt, und eine euphorische Festivalatmosphäre wird man hier vergeblich suchen. Dafür kann man sich über den Stand des südosteuropäischen Kinos informieren. Gerade in dieser Region hat sich in den vergangenen Jahren Bemerkenswertes getan, was sich zwar in Preisen bei internationalen Wettbewerben ausdrückt, nicht aber im Kinoalltag. Bulgarien scheint weiter entfernt als Argentinien, und wahrscheinlich muss der Name des deutsch schreibenden Ilija Trojanow herhalten, wenn nach einem bulgarischen Schriftsteller gefragt wird. Sein Roman übrigens Die Welt ist groß und Rettung lauert überall ist jetzt verfilmt worden – in Bulgarien!

     

    Der Actionfilm ist in seinem Überbietungswahn und seiner Fixierung auf die technischen Angebote des Computers an Grenzen gestoßen. Wenn der Superheld zwanzig Mal von scheinbar letalen Schüssen und Faustschlägen auferstanden ist, so kann er im nächsten Film einundzwanzig Mal unbeschädigt weitermachen. Wenn er zwanzig Meter durch die Luft geflogen und senkrechte Wände hochgeklettert ist, so kann er nunmehr dreißig Meter zwischen Wolkenkratzern überwinden und den Mount Everest in der Horizontale besteigen. Neuerdings besinnen sich Kritiker bei aktionsarmen Krimis gerne auf Melville. Aber der Verweis ist hoch gegriffen. Den Filmen, die man damit ehrt, mangelt es an der Disziplin der Inszenierung, der strengen Bildkomposition, dem Rhythmus und der konsequenten Stilisierung, die Melvilles Filme auszeichnen. Sie haben mit dessen Meisterwerken nicht viel mehr zu tun als der Klingelton von Nokia mit Beethoven.

     

    Vielleicht ist es ja bloß der Eindruck der Einsamkeit, der Verlassenheit, der in manchen Filmen an Melville erinnert, den aber schon der Film Noir, und zwar meist im Zusammenhang mit Ganoven, produziert hat. Es ist wohl mehr als eine Koinzidenz, wenn zwei Filme – ein bulgarischer und ein französischer – das Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ als Musikbegleitung verwenden. Und während in Sofia die Schneehaufen allmählich dahinschmelzen, regnet es in den Filmen. Wir verstehen: Der Regen symbolisiert eine unfreundliche Welt, in der es ungemütlich zugeht. Kein Sonnenschein, keine Hoffnung, nirgends.

     

    Anspruchsvolle Filme für eine Minderheit

    Wer an einer Filmschule zu tun hatte, kennt das: Die angehenden Filmemacher sind an Filmgeschichte nicht interessiert. Ihre Ahnungslosigkeit ist amüsant, wenn nicht beschämend. Auf Festivals aber trifft man auch auf Filme, die ihren Vorläufern Reverenz erweisen, sie respektvoll oder ironisch zitieren. Fragt sich freilich, ob das Publikum die Anspielungen auf Panzerkreuzer Potemkin oder Citizen Kane noch versteht. Wenn es zutrifft, was ein Medienforscher kürzlich behauptet hat, dass es in 30 Jahren kein Publikum für klassische Musik mehr geben werde, so gilt das ganz allgemein für überlieferte Kultur. Auch Filme, die historische Kenntnisse voraussetzen, die Bildung für unverzichtbar halten, wenden sich zunehmend an eine kleine Minderheit. Warum aber sollte diese schlechter bedient werden als die Minderheit der Bankmanager oder der Kaviaresser?

     

    Die Eisenstein-Parodie findet sich in The Trotsky des Kanadiers Jacob Tierney. Dieser Film beweist, dass intelligenter Humor, Publikumswirksamkeit und Insiderspäßchen einander nicht ausschließen müssen. Er handelt von einem Schüler, der sich so sehr mit Leon Bronstein, alias Trotzki, identifiziert, dass er dessen politisches und privates Leben nachzuahmen versucht. Das ist eine mit komischen Einfällen gespickte Selbstkritik an kindischen Ritualen und Fehleinschätzungen der Linken. Aber am Schluss demonstriert der Film unmissverständlich, dass seine Sympathie jenen gehört, die etwas unternehmen, auch mit dem Risiko, sich zum Narren zu machen, und nicht jenen, die in Apathie versinken. The Trotsky ist eine politische Komödie, bei der die Botschaft nicht im Lachen verloren geht und das Lachen nicht durch eine Botschaft erstickt wird. Muss die Familie des Möchtegern-Trotzki aus Montreal jüdisch sein? Muss die bange Mutter mit einem ausgelutschten Standardwitz fragen, ob der Freund der Tochter jüdisch sei? Wahrscheinlich muss das so sein. Nicht weil Trotzki Jude war, sondern weil es jenseits der jüdischen Tradition wohl kaum üblich ist, sich über sich selbst so präzise und zugleich undenunziatorisch lustig zu machen.

     

    Eines heiklen Themas nimmt sich der russische Film Ein Krieg von Vera Glagoleva an. Es geht um das Schicksal von Frauen, die sich im Zweiten Weltkrieg mit Deutschen einließen und von ihnen ein Kind bekamen. Heikel ist der Film auch deshalb, weil er, auf relativ plumpe Weise, Parallelen herstellt zwischen einem nationalsozialistischen Konzentrationslager in Estland, das zudem nicht von Deutschen, sondern von Einheimischen betrieben wurde, und russischen Lagern. Die fünf Frauen spielen, als befänden sie sich in einem Stück von Tschechow. Die Dialoge aber sind von einer Klischeehaftigkeit, die einen mit Erschrecken erkennen lässt, wie wenig es bedarf, um selbst einen Tschechow zu übelstem Kitsch absinken zu lassen.

     

    Der schönste Film des Wettbewerbs ist eine Koproduktion von Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Großbritannien und Serbien. Esel von Antonio Nuic ist eine schlichte Familiengeschichte, in der mehr verschwiegen als gesprochen wird. Man kann sie aber auch als Parabel verstehen über das  inzwischen historische Jugoslawien, über Brüder, die sich zerstritten haben, obwohl sie doch eigentlich zusammengehören. Die Geschichte spielt 1995. Das wird aber nur angedeutet. Sehenswert ist dieser Film auch wegen Nebojša Glogovac in der Hauptrolle des Boro.

     

    Was zählt, sind Filme

    Eine Kollegin stellte mit Befriedigung fest, dass vier der zwölf Wettbewerbsfilme von Frauen stammen. Dass kein asiatischer, kein afrikanischer Film zur Wahl stand, schien sie nicht zu stören. Man kann die Zusammenstellung bei Festivals unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Ich habe, offen gestanden, bedauert, dass es nicht mehr gute Filme, mehr originelle Sujets, mehr Courage bei der Kameraarbeit und bei der Montage gab. Das Geschlecht, die Nationalität oder der Glaube der Regisseure sind mir ziemlich egal. Eine Frau, eine Koreanerin, ein Muslim machen gute Filme nicht, weil sie Frau, Koreanerin oder Muslim, sondern weil sie begabte Künstlerinnen und Künstler sind. Und darauf kommt es an. Jedenfalls bei einem Filmfestival. Wo man die aufregenden Arbeiten von Lina Wertmüller, von Agnès Varda, von Kira Muratova, von Vera Chytilová, von Márta Mészáros, von Chantal Akerman, von Helke Sander sehen konnte, hat man nicht den Anteil der Frauen gezählt. Was zählte, waren die Filme.

     

    Und wie verhält es sich mit dem „weiblichen Blick“? Julia Solomonoff erzählt in Der letzte Sommer von la Boyita zum 500. Mal von den Mühen des Erwachsenwerdens, mit der kleinen Variante, dass der Freund des Mädchens, dessen Perspektive der Film aufnimmt, ein Transsexueller oder, genauer, ein als Junge missinterpretiertes Mädchen ist, das sich – Achtung, Botschaft! – als der bessere Mann bewährt. Ein schlechteres Zeugnis jedoch als die Polin Katarzyna Roslaniec in Mall Girls kann man den jungen Frauen von heute kaum ausstellen. Aber die Strafe folgt auf den Fuß. Diese Pseudosozialreportage im Stil von Boulevardzeitungen ist künstlerisch ein Desaster. Auf einem Festival hat sie nichts zu suchen.

     

    Die mehrheitlich männlich besetzte Internationale Jury vergab ihren Grand Prix an den Film einer Frau, an Vera Glagolevas Ein Krieg. Die zu zwei Dritteln weiblich besetzte Jury des internationalen Filmkritikverbands (FIPRESCI) vergab ihren Preis an Álvaro Brechners Mal día para pescar (siehe den Bericht aus Gijón vom 30.11.2009). Was soll man nun daraus schließen?

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