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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 17:28

    Ein Prophet

    11.03.2010

    Herr und Knecht

    Der Knast als Topos des Kinos. Audiards Experimente mit dem Setzkasten des Genres zeigen die Kehrseiten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Von NICOLAS OXEN

     

    Malik lernt. Wieder spuckt er die Rasierklinge in das schmutzige Waschbecken und betrachtet verzweifelt sein blutiges Gesicht im Spiegel. Töten und sprechen lernen soll Malik mit einer Klinge zwischen den Zähnen und Reyeb heißt sein Opfer, dem er in seiner Zelle die Kehle durchschneiden muss. Malik El Djebena hat keine Wahl, denn er kennt niemanden „da draußen“ und kann mit 19 Jahren weder lesen noch schreiben. Zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, braucht er den Schutz der korsischen Mafia, für den ihr Chef César Luciani eine Gegenleistung erwartet: „Dass du träumst, dass du lebst, dass du denkst, verdankst du mir!“, schreit er ihn an und Malik erledigt Auftrag um Auftrag, tötet, schmuggelt und wird zu Césars Hand und Auge im Knast-Krieg mit „den Bärtigen“ des muslimischen Mafia-Clans. Maliks Fähigkeiten wachsen mit seinen Aufgaben und durch sein Wissen gelangt er schließlich selbst zu Macht.

    Für Ein Prophet wurde Jacques Audiard in Cannes begeistert gefeiert und mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Die Goldene Palme musste er Michael Haneke überlassen, gegen den er auch für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film angetreten ist. In Frankreich gab es neun Césars, unter anderem als bester Film, Regie, Kamera und Buch. Audiard hat für seinen Film völlig unbekannte Gesichter gesucht und mit seinem Cast Maßstäbe gesetzt. Mit einer neuen Art von Typen („un nouveau prototype de mecs“), hat Audiard seinen Film besetzt. Schauspieler maghrebinischer Herkunft, aus kleinen TV-Produktionen: „Pack“ wie Nicolas Sarkozy es 2005 gern aus den Pariser Vororten gekärchert hätte.

     

    Für Tahar Rahim (Malik) ist es der erste große Kinoerfolg, für den er gleich doppelt als bester Schauspieler und bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Entdeckt hat ihn Audiard in der Serie La commune auf Canal+ über die Pariser „banlieues“. Dieser Film zeigt eine neue Generation Schauspieler und prophezeit eine neue soziale Wirklichkeit Frankreichs; ein Gegenbild zum republikanischen Integrationsmodel, das jeden aufnimmt und aufsteigen lässt, der an die Ideale der „grande nation“ glaubt. Wer nicht in dieses Bild passt, wird eingesperrt, in Gefängnisse oder die Wohnsilos der Vororte. Ein allgemeines Problem mit sehr französischer Ausprägung.

     

    Die staatliche Besserungsanstalt pervertiert hinter ihrem humanistischen Anspruch zum schlechten Gewissen der Gesellschaft und wird zu ihrem Spiegelbild. Der „french dream“ von „liberté, égalité, fraternité“ ist längst eine Farce und französische Gefängnisse haben bei Amnesty International traurige Berühmtheiten erlangt. Was Malik erfährt, hat wenig mit Reintegration zu tun. Das hegelsche Machtspiel zwischen Herr und Knecht ist Knastgesetz. Skandalös ist daran jedoch, dass sich Maliks Fähigkeiten zu Demut und Herrschaft auch wunderbar für die Welt da draußen eignen und ihm eine Freiheit ermöglichen, für die er keine Gitterstäbe mehr durchfeilen muss.

     

    Experimente mit dem narrativen Genre-Setzkasten

    Der Knast ist ein Topos des Kinos. Der Stacheldraht auf den Mauern, lange hallende Gänge, der Lärm und die Eintönigkeit in den Werkstätten. Kraftvolle Symbolbilder, denen das Kino seine eigene Ikonizität gegeben hat. Ein geometrisch organisiertes Dispositiv. Seine Zellen, Höfe, Türspione und Gitter beschränken den Blick und kadrieren die Freiheit der Bilder. Der Kamerablick inszeniert die Struktur des Gefängnisses, beherrscht und organisiert Räume. Dann werden die Bilder wieder undeutlich, kaschiert von Gittern, begrenzt durch Zellenwände und verschwommen, wenn Maliks Kräfte schwinden oder er nach einem Wutausbruch Césars fast sein Augenlicht verliert.

     

    In seinen Filmen feiert Audiard das Genre, bedient sich kunstvoll seiner Bildsprache. Er setzt dabei nicht auf dramaturgische Therapie und die große Wandlung des Helden, sondern auf Experimente mit dem narrativen Setzkasten des Genres. So entstehen neue Helden mit neuer Moral. In Read my lips (Sur mes lèvres, 2001) macht der kleinkriminelle Praktikant Paul (Vincent Cassel) die taubstumme Sekretärin Clara (Emanuelle Devos) zur Gangsterin. Ihre Fähigkeit zum Lippenlesen lässt sie zu Pauls Werkzeug werden und gegen die Unterdrückung am Schreibtisch aufbegehren. Eine Variation auf Bonny und Clyde, die nicht im Kugelhagel endet, sondern Clara zeigt, wie man ohne unterwürfigen Bürofleiß sein Glück erkämpft.

     

    In Der wilde Schlag meines Herzens (2005) muss sich Tom (Romain Duris) erst durch das brutale Immobilienbusiness prügeln, bevor er seine Hände wieder auf die Klaviertasten legen kann. Manchmal müssen Audiards Figuren zu sich zurück oder über sich hinaus. Malik muss kämpfen und bis zum Schluss für César Kaffee kochen, bis er seinen Meister herausfordern kann. Vom Knecht zum Herrn. Den Weg in die Freiheit findet allein der Held – im Genre-Kino wie in der hegelschen Dialektik.

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