• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:08

    Alice im Wunderland

    04.03.2010

    Alice Doesn´t Live Here Anymore

    Jeder Kameraschwenk enthüllt ein überbordendes Szenario aus Kitsch und Anti-Kitsch. Alice im Wunderland ist eine stimmige Balance aus finsteren Mittelalterverliesen und neonfarbenen Blumengesichtern – und Johnny Depp ist nicht der einzige, der sich mühelos durch eine Welt des Irrsinns bewegt. Von DANIEL BICKERMANN

     

    Es setzt ein seltsamer Effekt ein, während einer der Schlüsselszenen aus Tim Burtons großer Kinderfilmorgie Alice im Wunderland: Da trifft die junge Alice auf die verrückte Teegesellschaft, die hier aus einem lallenden Märzhasen mit abstrusem Akzent, einer ein- und übergeschnappten Haselmaus und eben jenem berühmten Mad Hatter besteht, dem Hutmacher voller Phantome im Hirn. Man befindet sich in einem knallbunten, aber verfallenen Gothic-Garten – ‚Acid im Wunderland’ – die kleinen computeranimierten Figuren wirbeln und schwatzen, und spätestens durch den Diorama-Effekt der 3D-Projektion erreicht die Szenerie eine Stufe geradezu blendender Artifizialität: Und dann steht da mittendrin Johnny Depp.

     

    Alle anderen realen Schauspieler wirken zwar brillant integriert in dieses visuelle Pandämonium, aber eben immer noch aus einer fremden Realität herbeigeholt. Johnny Depp steht unter randalierenden CGI-Tieren in einer quietschebunten Computerwelt und wirkt, als wäre er genau hier geboren und aufgewachsen. Selten konnte ein Schauspieler seine individuelle Entrücktheit von dieser Welt und seine fein abgestimmte Künstlichkeit im Schauspiel so geschickt und letztlich dann sogar ‚realistisch’ an Phantasie-Reiche anpassen, die ebenfalls entrückt von dieser Welt und mehr oder weniger künstlich wirken sollen. Dieser Film ist ein weiteres Meisterwerk in seiner an Höhepunkten nicht armen Karriere.

     

    250 Millionen Dollar Produktionskosten

    Man hätte ja vorher durchaus skeptisch sein können: Große Budgets haben Regisseur Tim Burton selten Glück gebracht, und mit Alice im Wunderland brennt er das mit Abstand teuerste Feuerwerk seiner bisherigen Laufbahn ab – weit über 250 Millionen Dollar soll der Film gekostet haben. Zudem glich die Laufbahn des ewigen Gothic-Wunderkindes im letzten Jahrzehnt eher einer qualitativen Achterbahnfahrt als dem Hochplateau, das man von einem Meister seiner Statur und seines inzwischen fortgeschrittenen Alters erwarten würde: Nach dem Totalausfall Planet der Affen folgten durcheinander zwei geniale kleine Filmjuwelen (Charlie und die Schokoladenfabrik und Tim Burton's Corpse Bride) und zwei eher laue Versuche (Big Fish und Sweeney Todd). Und wenn man dann noch vernahm, dass Burtons neue Arbeit ausgerechnet von Disney produziert wird, dann konnte einem schon angst und bange werden.

    Doch es stellt sich bald heraus, dass die meisten dieser Sorgen unbegründet sind. Burtons Erfahrungen mit Kinderbüchern mögen sich auf seine wunderbar schaurig-traumatische Geschichtensammlung The Melancholy Death of Oyster Boy beschränken, aber er hat einige talentierte Menschen an der Hand, die ihm bei einem Filmprojekt wie diesem von großer Hilfe sind. Vor allem die Ausstattungsabteilung und die Garderobe unter Leitung von Burtons langjähriger Partnerin Colleen Atwood toben sich in diesem ebenso farbenfrohen wie sinistren Kinderspektakel ordentlich aus.

     

    Die Spannung zwischen Burtons bewährtem Hammer-Horrorstil und den bunten Disney-Anforderungen wird dabei absichtlich niemals aufgelöst – und tatsächlich entsteht statt einer gegenseitigen Abstoßung eine ironische Brechung des einen durch das andere, eine stimmige Balance zwischen knorrigen Eichen, verfallenen Windmühlen und finsteren Mittelalterverliesen auf der einen und neonfarbenen Blumengesichtern, kleinen Törtchen und fracktragenden Hoppelhasen auf der anderen Seite. Jeder neue Kameraschwenk enthüllt ein visuell so überbordendes Szenario aus Kitsch und Anti-Kitsch, dass man das seltsame Gefühl eines Gothic-Zuckerschocks empfindet.

     

    Perfide Verhöre subversiver Frösche

    Das Drehbuch? Nun ja. Leider versucht die Disney-Autorin Linda Woolverton, die Hook-Variante wieder aus den staubigen Kisten zu kramen: Sie siedelt die Geschichte gute zehn Jahre nach den Handlungen des Kinderbuchklassikers an, und wie einst Peter Pan, so ist nun auch Alice ein wenig erwachsener geworden und muss das Phantasiereich ihrer Jugend wiederentdecken und schließlich retten. Dass das mit dem wahrhaft irrsinnigen Dialog- und Wortwitz der literarischen Vorlage nicht mehr viel zu tun hat und stattdessen auf eine Märchenreise samt Sturz der bösen Königin und Tötung des Drachens hinausläuft, sei dem Film verziehen – seine eigentlichen Werte liegen woanders.

    Und hier muss man dann doch noch einmal auf Johnny Depp zurückkommen und das Lob ein wenig relativieren: Er ist nicht ganz der einzige, der sich sichtlich mühelos durch eine Welt des Irrsinns bewegt. Helena Bonham Carter hat beinahe schon verboten viel Spaß als megalomanische rote Königin, und ihre perfiden Verhöre subversiver Frösche gehören ebenso zu den Freuden des Films wie die obligatorisch wiederholte Forderung nach sofortiger Enthauptung aller Umstehenden.

     

    Anne Hathaway darf als weiße Königin mit Ach-so-feinen-Fingerspitzchen immer in den richtigen Momenten irgendetwas echt Ekliges anfassen, und auch die zwanzigjährige Mia Wasikowska, durch einen hinreißenden Auftritt in der Serie In Treatment bereits aktenkundig geworden, überzeugt als Alice, die von einer kindischen Träumerin zu einer resoluten jungen Frau herangewachsen ist. Und als Zwanzigjährige in Johnny Depps Wohnzimmerwelt zu kommen, zu all seinen turbulenten Tierfreunden und tolldreisten Torkeleien, und dort auf Augenhöhe mit dem Meister persönlich zu bestehen, das muss man auch erst mal hinkriegen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    10 Gründe, Engelmann zu lieben

    Aufgelistet von BRIGITTE HELBLING

    Der Spielplatz macht zu

    Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter