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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:14

    Berlinale 2010

    22.02.2010

    Raum und Zeit

    Vom 40. Internationalen Forum des jungen Films bei der Berlinale berichtet THOMAS ROTHSCHILD

     

    Dass die Berlinale ihr 60-jähriges Jubiläum lautstark feiert, wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht einer Tendenz einen Schub verliehe, die auch ohne solche Anlässe seit ein paar Jahren anhält: dass der Tratsch und die Kolportage über das Drumherum überhand nimmt und die seriöse Auseinandersetzung mit Filmkunst an den Rand drängt. Aber es gibt sie doch nach wie vor, die traditionelle Filmkritik, antworten die Medienmacher etwas ungehalten, wenn man diesen Tatbestand zur Sprache bringt. Und sie beteuern einem mit überlegenem Lächeln, dass das Feuilleton früherer Zeiten „heute nicht mehr möglich“ sei, als folge das einer göttlichen Verfügung.

     

    Die Zeitungen und die Rundfunksendungen müssten unterhalten, weil sie sonst mehr noch, als es ohnedies der Fall ist, in ökonomische Schwierigkeiten gerieten – und niemand kann belegen, dass das Rezept Wirkung zeige, dass die Leser und Hörer nicht vielmehr abhanden kämen, weil das seichte Gerede, mit dem man sich am Wettbewerb beteiligt, seit jeher vom Boulevard besser beherrscht wurde. Die Chance einer intelligenten Kulturkritik, die Qualitätsblätter und Qualitätsrundfunk von Yellow Press und Privatradio unterscheidet, wird verspielt, bis eine Generation herangewachsen ist, die sich tatsächlich nicht mehr daran erinnert, dass es das einmal gab. Die Prognose, dass BILD dumm mache, hat sich bewahrheitet, und die Medien, die einst stolz darauf waren, mit BILD nichts gemeinsam zu haben, haben in vermeintlicher Vorwärtsverteidigung an der Verdummungsstrategie mitgewirkt.

     

    Das Publikum hat es satt, unterfordert zu werden

    Das Internationale Forum des jungen Films, entstanden aus einer Initiative, die in Opposition stand zur offiziellen Berlinale, seit der Intendanz von Dieter Koslick aber als eigenständige Programmschiene in diese integriert, kann in diesem Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag feiern. Es fand bereits zum 40. Mal statt und nutzte den Trubel, um an einige Höhepunkte aus den bisherigen Jahren zu erinnern. Nach wie vor gilt für das Forum, dass es dem Sperrigen gegenüber dem Verkäuflichen den Vorzug gibt, dass es nicht de facto die Vorpremieren für die Kinoketten abfeiert, sondern zeigt, was ansonsten jenseits von Festivals und Fernsehanstalten wie arte und 3-sat meist nicht zu sehen wäre: politisches Kino, Dokumentarfilme, experimentelle Filme, mit einem Schwerpunkt auf der Produktion jenseits der USA und Europas.

     

    Diese Konzeption hat sich, mit leichten Verschiebungen, die nicht die Substanz betrafen, bei der Übergabe der Stafette von Erika und Ulrich Gregor, die heuer mit einer Goldenen Kamera geehrt wurden, an Christoph Terhechte gegen alle Anfechtung populistischer „Öffnung“ erhalten – und die Rechnung geht auf. Die Vorstellungen des Forums sind überfüllt. Das Publikum hat es satt, unterfordert zu werden. Wenn man Anspruchsvolles mit Ausdauer anbietet, dann wird es auch angenommen. Selbst Enttäuschungen werden dann als lehrreiche Erlebnisse akzeptiert.

     

    Der kursorische Rückblick auf die ersten 40 Jahre des Forums fördert solche Schätze zutage wie Glauber Rochas Revolutionsballade Antonio das Mortes von 1969, David Gordon Greens George Washington aus dem Jahr 2000 oder Jean-Luc Godards Sauve qui peut (la vie) von 1980. Der Film erinnert an eine Epoche, als das „Expanded Cinema“ noch im Kino selbst stattfand und nicht in Kunstausstellungen, Installationen und Performances, die die Unterschiede zwischen den Künsten verwischen und deren eigenständige Möglichkeiten damit im Einerlei verschwinden lassen. „Grenzüberschreitung“ erweist sich bald in Wahrheit als Verarmung, als hybride Mischung von einstmals Spezifischem. Bei Godard expandieren die Kamera als gestaltender, sich selbst thematisierender Apparat, die Tonmischung, eine Handlung, die nicht mehr von einem zentralen Kontinuum, sondern von der Peripherie her bestimmt ist, die nicht gleich auf dem kürzesten Weg „zur Sache“ kommen will.

     

    Der Film als Medium der Zeiterfahrung

    In dieser Tradition steht auch der spanische Film Fin von Luis Sampieri. Ein junger Mann, eine Manisch-Depressive und eine Araberin bewegen sich durch eine karge Landschaft. Was sie vorhaben, lässt sich nur nach und nach erahnen. Die Dialoge sind knapp, Aktionen gibt es kaum. Und doch vermittelt dieser stille Film ein (zutiefst pessimistisches) Menschenbild. Denn er zeigt, wie drei exemplarische Figuren noch kurz vor dem freiwilligen Tod ihre sozialen Verhaltensweisen beibehalten: die Lust an der Demütigung, der Herrschaftsausübung, der Grausamkeit. Fin wird sicher kein Kassenerfolg. Wer sich aber dafür interessiert, wie Zeit im Film spürbar gemacht wird, wie soziale Netze sich auch und gerade dort konstituieren, wo sie scheinbar abhanden gekommen sind, kurz: wie Film eine eigene Realität erschafft, der könnte „Fin“ als das Meisterwerk erkennen, das es ist.

     

    Es ist ja erstaunlich, wie sehr die Rezeption von Kunst – nicht nur beim Film – konditioniert ist. Als man bald nach Erfindung des Films die Möglichkeiten der Montage entdeckte, waren die Zuschauer zunächst irritiert von der Durchbrechung räumlicher und zeitlicher Kontinuität. Doch sie gewöhnten sich schnell daran, und heute versteht jedes Kind diese „Sprache“. Im Lauf der Jahrzehnte beschleunigte sich der Schnitt. Hatte eine Einstellung im klassischen Hollywood-Film der vierziger Jahre noch eine durchschnittliche Länge von sieben Sekunden, so ist sie heute im Mainstream-Kino und mehr noch im Videoclip oft kürzer als eine Sekunde. Das hat die Sehgewohnheiten so sehr geprägt, dass junge Menschen und auch junge Kritiker die Filme von Bresson, Ozu, Straub oder Tarkowski langweilig finden und kaum aushalten.

     

    Der kanadische Dokumentarfilm La belle visite über Menschen in einem Altersheim endet damit, dass ein Mann sein Zimmer verlässt und um die langgestreckte Baracke am Meer geht. Die Kamera folgt ihm. Die Einstellung dauert genau so lang, wie der Mann braucht, um das Heim ein Mal zu umrunden. Eine originäre Möglichkeit, die der Film allen anderen Künsten voraus hat, wird da genützt: Raum und Zeit erfahrbar zu machen. Den Raum und die Zeit in diesem Fall, die das Universum des alten Mannes definieren. Es ist die extreme Alternative zur Montage, die der Regisseur Jean-François Caissy gewählt hat. Es wäre unsinnig, sie zum künstlerischen Dogma zu erklären. Auf sie zu verzichten freilich wäre nicht weniger unsinnig.

     

    Der Narzissmuss ist nicht auf den Dokumentarfilm beschränkt

    Wenn das narzisstische Unterfangen eines Dokumentarfilms, der sich ausschließlich mit der eigenen Person beschäftigt, für Zuschauer von Interesse sein soll, wenn er nicht eine schamlos intime Zumutung sein soll, die den Rezipienten gegen seinen Willen zum Voyeur von Wahrheiten macht, die zu ignorieren einem die Diskretion befiehlt, muss er zumindest eine von zwei Bedingungen erfüllen: Er muss formal so gelungen sein, dass sein Objekt zweitrangig wird, oder die Erkenntnisse über seinen Gegenstand, also den Filmemacher, müssen so sehr auf andere Menschen übertragbar sein, dass sie eine allgemeine Gültigkeit erlangen.

     

    Schnupfen im Kopf von Gamma Bak, die ihre eigene psychische Erkrankung und deren Verlauf zum Thema macht, wandelt auf einem schmalen Grat. Dass es ihr tatsächlich mehr um die Krankheit als um die eigene Person ging, darf bezweifelt werden: Schon vor ihrer Erkrankung nützte die Frau den Film zur Selbstspiegelung. Fast fragt man sich, ob die psychotischen Katastrophen von vornherein für die Egomanie verantwortlich oder ob sie deren Folge sind. Immerhin: Schnupfen im Kopf ist zwar nicht sonderlich originell, aber diszipliniert und mit einem einleuchtenden Rhythmus geschnitten, und mit etwas gutem Willen kann man ihn doch als Studie eines Krankheitsbildes betrachten, die, wenn nicht Erfahrungen, so doch Ängste anspricht.

     

    Im Zentrum des Forums stand sehr oft ein Film mit Überlänge. Diese Filme von vier, fünf, manchmal auch mehr als acht Stunden zeichneten sich dadurch aus, dass ihre Länge zwingend war. Man fiel in sie hinein und folgte ihnen konzentriert, weil Thema und Machart einen gefangen nahmen. Diesmal beendete das Forum sein Programm mit dem 500-Minuten-Film Im Angesicht des Verbrechens von Dominik Graf. Dies aber ist eine Serie, aus zehn 50-Minuten-Teilen zusammengestückelt und für das Fernsehen bestimmt. Dass Dominik Graf sein Handwerk versteht, weiß man. Aber dieser Berlin-Krimi im Russenmilieu kommt so klischeehaft daher wie sein Titel. Dafür hätte es des Forums nicht bedurft. Dass der Jubel bei der Premiere im Delphi kein Ende nahm, hat einen trivialen Grund: Das halbe Kino war mit Mitwirkenden und dem Stab des Films gefüllt. Die jubelten sich selber zu. Der Narzissmus ist nicht auf den Dokumentarfilm beschränkt.

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