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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:21

    Ein russischer Sommer

    05.02.2010

    Ars moriendi

    Die literaturhistorischen Quellen weisen gerne darauf hin, daß Leo Tolstoi als junger Mann in der Welt der großen Literatur keine Einstiegsschwierigkeiten hatte. Das Publikum lag ihm nach der ersten Veröffentlichung sofort zu Füßen, die Brotarbeit brauchte er dank adeliger Besitztümer nicht zu übernehmen. Umso komplizierter gestaltete sich sein Lebensabend, dem sich der Film von Michael Hoffman widmet. Von EKATERINA VASSILIEVA

     

    Von Intellektuellen zum Meinungsführer auserwählt, findet er sich in seiner prophetischen Rolle gefangen. Jedes von ihm gesprochene Wort wird von den immer anwesenden Journalisten sorgfältig notiert - aber nicht mehr ernst genommen. Denn Tolstoi ist längst zum bloßen Zeichen geworden, das von der jeweiligen Interessensgruppe nach Belieben ausgelegt werden kann. Den Platz in der Ewigkeit hat er sich verdient, das Problem ist nur, daß er noch nicht ganz dazu bereit ist, die Gegenwart aufzugeben.

     

    Sogar das Bett, das bei einem Greis schon prototypisch für die letzte Ruhestätte stehen könnte, wird gerne mal als Liebesnest für zärtliche Spiele mit Ehefrau Sofia benutzt. Aber auch Familienstreitereien, bei denen es um die geplante Testamentsänderung geht, fordern vom alten Leo Tolstoi die höchste Konzentration und lassen ihn nicht vorzeitig von den irdischen Dingen Abstand nehmen. Tolpatschig, aber energisch und geistesgegenwärtig irrt er durchs Haus und das anliegende Landgut, zugleich über das Schicksal der Menschheit und Sofias Heimtücke nachsinnend.

     

    Das alles hat bereits 1984 den Stoff für die von Sergei Gerasimov in nüchtern klassischer Manier verfilmte Biographie Lev Tolstoy geliefert. Ein russischer Sommer, der auf Jay Parinis Roman »Tolstojs letztes Jahr« beruht, fügt ein weiteres, weitgehend fiktives Narrativ hinzu: die Liebesgeschichte zwischen Tolstois jungem Sekretär Valentin Bulgakow und einer Anhängerin seiner philosophischen Lehre, Mascha, die in der von Tolstoi inspirierten Kommune lebt.

     

    Die Konzentration auf die Figur von Valentin, mit dessen naiven und bewundernden Augen wir den großen Schriftsteller anblicken sollen, bringt allerdings statt frischer Luft jene Banalität ins Spiel, die den Film vor allzu großem Tiefgang bewahrt. Die junge Liebe von Valentin und Mascha taugt auch wenig als Spiegelung der »reifen« Beziehung zwischen Tolstoi und Sofia, denn in ihrer Geradlinigkeit und Trivialität entfernt sie sich denkbar weit vom Lebens- und Vorstellungskreis des russischen Klassikers.

     

    Problematisch ist auch der etwas aufdringliche Versuch, krisenhafte psychologische Zustände durch affektive Handlungen zu akzentuieren. Vor allem Sofia, von Helen Mirren verkörpert, muß ihre Sensibilität etwa mit einem Pistolenschuss auf das Foto des Widersachers Tschertkow oder mit einem slapstickreifen Wohnzimmerauftritt durch das Fenster unter Beweis stellen. Gerade der Vergleich mit Gerasimovs Film macht deutlich, daß subtilere Töne hier viel größere Wirkung erzielen würden.

     

    Während Tolstoi die spirituelle Suche bis zuletzt nicht aufgeben kann und in seiner Unruhe noch kurz vor dem Tod das Familienhaus verläßt, steuert der Film schon auf das versöhnliche Finale zu. Als der große Dichter, von der Lungenentzündung befallen, die Reise unterbrechen muß und auf der Bahnstation Astapowo im Sterben liegt, steigt das Pathos fast ins Unerträgliche, bis die kathartische Auflösung unvermeidlich wird. Aber vielleicht würde Tolstoi für so eine sentimentale Vereinfachung sogar gewisses Verständnis aufbringen. Er war ja schließlich derjenige, der zusammen mit Tschertkow einen Verlag initiierte, der Literaturklassiker dem einfachen Volk in einer billigeren Aufmachung zugänglich machen sollte.

     

    Die Zeiten ändern sich, jetzt erobert man die Massen eben mit aufwendigeren Produktionen. Der bunte Bilderbogen mit Starbesetzung und großzügig gestreuter Situationsdramatik ist heute anscheinend der beste Weg, das Interesse am klassischen Erbe zu wecken. So löst der Film im Endeffekt sogar tatsächlich das aufklärerische Vermächtnis des großen Russen ein.

     

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