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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:27

    Eindrücke von den Solothurner Filmtagen 2010

    28.01.2010

    Leistungsschau des Schweizer Filmschaffens

    Ein Festivalbericht von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Ivo Kummer, der Leiter der Solothurner Filmtage, ist kein Süßholzraspler. Unverblümt sagte er der versammelten Gemeinde, die sich zum 45. Mal bei dem sympathischen Festival, das stets auch eine Leistungsschau des einheimischen Schaffens ist, eingefunden hatte, was er vom aktuellen Zustand des Schweizer Films hält. Im Gegensatz zum Dokumentarfilm, der gut in Form sei, bleibe der Spielfilm in der Behandlung seiner Themen oberflächlich. Stellt sich freilich die Frage, ob das eine spezifisch schweizerische oder nicht vielmehr eine globale Entwicklung benennt. Frank Beyer, der Regisseur eines so eminent politischen Films wie Spur der Steine, äußerte kurz vor seinem Tod Ähnliches über den jungen deutschen Film.

     

    Der Eröffnungsfilm von Solothurn schien jedenfalls Kummers Diagnose bestätigen zu wollen. Zwerge sprengen von Christof Schertenleib kann als satirische Parabel auf eine Schweiz verstanden werden, in der Lüge und Heuchelei, Geldgier und Unmoral herrschen. Aber die Satire hat keinen Biss, die Kritik bleibt stumpf, das Milieu zwergenhaft putzig. Dass ein Mann verspätet entdeckt, er habe die richtige Frau verfehlt, gehört zum Grundbestand der Screwball Comedy wie des Melodrams. Im ersten Fall kriegt er sie, im zweiten Fall muss sie in der Regel sterben. Schertenleib lässt die Frau weiterleben, aber kein Mann entführt sie ins ohnedies melodramatisch belastete Casablanca.

     

    Der Regisseur kann sich nicht entscheiden, ob er es komisch oder ernst meint. Im Gegensatz zu Jessica Hausners Lourdes, das im Europäischen Panorama in Solothurn gezeigt wurde und in grandioser Weise Satire wie Melodram zugleich ist, ist Zwerge sprengen weder dies noch jenes. Schertenleib hat in Österreich, wo er studiert hat und vorwiegend lebt, offenbar das Vergnügen an der „Nestbeschmutzung“ erlernt, aber er möchte dennoch daheim geliebt werden. Zwerge sprengen, ja, aber es soll nett anzusehen sein.

     

    Wer für seinen Film einen Titel wählt, unter dem Alain Resnais bereits ein Meisterwerk gedreht hat, nämlich La guerre est finie, droht sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Mitko Panovs Spielfilm handelt von einer albanischen Familie aus dem Kosovo. Er ist redlich, voll von guten Absichten, aber er bleibt weit unterhalb jenes Niveaus, das Resnais unter diesem Titel nun einmal gesetzt hat. Er bleibt es auch, weil er wiederum politisch naiv und klischeehaft ist.

     

    "Sinestesia": Virtuoses Spielfilmdebüt

    Nun muss ein Film nicht unbedingt politisch sein. Ivo Kummers Vorbehalt ist nicht als Dogma zu verstehen, sondern muss sich am eigenen Anspruch bewähren. Die Filmgeschichte als Geschichte einer Kunstform ist nicht zuletzt vom Genrefilm geprägt, dessen Qualität sich an der Professionalität der Machart und an der Originalität bemisst, mit der ein vorgegebenes Schema ausgefüllt wird. Mit Sinestesia hat Erik Bernasconi einen ganz erstaunlichen Publikumsfilm vorgelegt. Die Geschichte eines Unfalls und seiner Folgen wird, nicht ganz neu, aus der Perspektive von vier verschiedenen Beteiligten gezeigt. Die Chronologie ist durchbrochen, nach und nach vervollständigt sich das Bild vom Geschehen. Das ist virtuos inszeniert, die Schauspielerführung und das Tempo lassen nicht vermuten, dass dies das Spielfilmdebüt des Regisseurs und Drehbuchautors ist.

     

    Elena Hazanov hat Alfred de Mussets Theaterstück Les caprices de Marianne verfilmt – nicht als Kostümfilm, aber auch nicht mit dem heutigen Jargon. Ihre Figuren sind Menschen von heute, im heutigen Genf, aber sie sprechen die Sprache des frühen 19. Jahrhunderts. Eine Literaturverfilmung, ungeheuer filmisch und doch auch literarisch. Ihr Reiz besteht gerade in der Nicht-Übereinstimmung von Bild und Sprachstil.

     

    ,,Nel giardino del suoni" und Face au juge: Berührende Dokumentarfilm

    Der Dokumentarfilm Nel giardino del suoni besticht vor allem durch sein Sujet. Er beobachtet den blinden Musiktherapeuten Wolfgang Fasser bei seiner Arbeit mit schwer behinderten Kindern. Das berührt durch die Ernsthaftigkeit und die einfühlende Anteilnahme, aber es strahlt zugleich eine protestantische Bravheit aus, die zum Widerspruch reizt. Man ahnt doch, weil man das Leben erfahren hat, dass das heitere Mädchen mit den spastischen Symptomen auf dem Schulweg auch verspottet und getriezt wird. Man weiß, wie viel Verzweiflung, Rückschläge und Enttäuschungen es bei dieser Problematik gibt. Davor aber verschließt der Film die Augen. Sein Optimismus spiegelt den Optimismus seines Protagonisten, aber so recht überzeugen wird er nur den, der schon zuvor diese Weltsicht geteilt hat.

     

    Die Dokumentation Face au juge von Pierre-François Sauter, der man anmerkt, dass  sie eine Fernsehproduktion ist, gibt sich minimalistisch. Sie zeigt einen Untersuchungsrichter bei der Befragung diverser Straffälliger, die bereit waren, die Anwesenheit der Kamera zu dulden. Aber dieser kleine Film enthält im Kern, was Drama ausmacht: Dialog und ein Menschenschicksal. Mehr braucht es nicht, um Interesse und Anteilnahme zu erwecken.

     

    Das politische Kino, das Ivo Kummer sucht, fand in einer Nische des Festivals statt, bei der Präsentation von restaurierten Filmen. Sie stammen aus den Jahren 1929-1938 und erinnern an eine Zeit, als die Arbeiterbewegung mit einem buchstäblich holzschnittartigen Trickfilm wie Berthold Bartoschs L‘idée, mit einem satirischen Spielfilm wie Slatan Dudows Seifenblasen oder mit einem Dokumentarfilm über den Spanischen Bürgerkrieg Agitation und Propaganda betrieb, ohne sich vor dem Vorwurf der Parteilichkeit zu fürchten.

     

    Ein Wort noch zur Festivalberichterstattung. Die Solothurner Filmtage wurden auf eine volle Woche verlängert. Zugleich werden Journalisten nur noch für die halbe Dauer des Festivals eingeladen, wie das bei anderen Festivals schon lange der Fall ist. Das bedeutet, dass sie aus dem ohnedies überbordenden Angebot noch weniger Filme sehen können. Man kennt die Kollegen, die aus dieser Situation die Konsequenz gezogen haben, dass sie statt im Kino vor Monitoren sitzen und unter reichlichem Gebrauch des „fast forward“ DVDs betrachten. Das ist in doppelter Hinsicht unfair gegenüber den Filmemachern: das Format wie die eingeschränkte Konzentration verfälschen das Produkt. Ebenso gut könnten sich Kritiker die DVDs zuschicken lassen und ihre Festivalberichte zu Hause verfassen.

     

    Zeit nehmen zur Auseinandersetzung mit der Filmkunst

    Unberührt von den Sparmaßnahmen bleibt die grundsätzliche Problematik von bezahlten Hotel- oder auch Reisekosten für eingeladene Journalisten. Natürlich wird kein Kritiker zugeben, dass er sich durch solche Vergünstigungen „bestechen“ lasse. Aber ausschließen kann er nicht, dass er sich, unbewusst, als dankbar erweisen möchte, wie nicht auszuschließen ist, dass Festivals eher solche Journalisten wieder einladen, die ihnen und ihrem Angebot wohlgesonnen sind. Andererseits gäbe es ohne finanzierte Einladungen keine Festivalberichterstattung mehr. Die Medien übernehmen kaum noch Spesen, und ein Festival ist auch so, bei bezahltem Hotel oder Flug, noch ein Zuschussgeschäft: Das Zeilenhonorar ist nicht höher als für eine einzelne Filmkritik. Und wer sich eine Woche Zeit für ein Festival nimmt, verliert in dieser Woche Einnahmen für mögliche andere Aufträge am Wohnort. Aus diesem Dilemma gibt es keinen eleganten Ausweg.

     

    Es gehört heute zum alltäglichen Ritual, über das Verschwinden der Filmkritik zu jammern, das in Wahrheit schon vor vielen Jahren eingesetzt hat und an dem sich auch Redakteure beteiligt haben, die es heute beklagen. Aber schlimmer als die Sternchenbewertung der kommerziellen Dutzendware ist die fehlende Auseinandersetzung mit der Filmkunst, und die findet nun einmal weitgehend auf Festivals statt. Wer zu Recht über die Streichung von Stellen, seiner  Stelle stöhnt und zuvor gezögert hat, eine (von bezahlten Einladungen) unabhängige Festivalberichterstattung zu garantieren, ist nicht so recht glaubwürdig. Das Mitleid, das ihm zukommt, hält sich in Grenzen.

     

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