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Nord

07.01.2010

Schneeleiden

Die Depression als Inspirationsquell. Während hierzulande, ausgelöst durch den Suizid eines Nationaltorwarts, verstärkt die gesellschaftliche Tabuisierung psychischer Erkrankungen diskutiert wird, bekennt sich nur wenige Monate nach Lars von Triers Antichrist ein weiterer skandinavischer Filmemacher höchst offen zur Verwurzelung seines jüngsten Werks in Seelenpein. Von MATTHIAS WANNHOFF

 

Anders als von Trier flankiert der Norweger Rune Denstad Langlo seine Erkrankung allerdings in keinen filmischen Fiebertraum, sondern in ein tragikomisches, höchst unaufgeregtes Roadmovie.

Daß Langlo seinen Helden hierfür auf einem Schneemobil gen Polarkreis schickt, steht nur auf den ersten Blick in einem Widerspruch zum Genre. Ging es letzterem, seinem Namen zum Trotz, doch immer schon weniger um Asphalt als darum, den Gemeinplatz vom Weg als Ziel mit kinematographischem Leben zu füllen. Selbiges geschieht auch mit Jomar, der Titelfigur in Nord, als er von der Existenz seines vierjährigen Sohns erfährt. Obwohl der einstige Skiprofi sein Dasein viel lieber mit Schnaps und Tabak in der Psychiatrie fristen würde, begibt er sich auf eine Reise in den höchsten Norden, wobei das Ziel schnell hinter die skurrilen Typen zurücktritt, die den Weg des wortkargen Liftwärters kreuzen: Die kleine Lotte führt ein eremitisches Leben bei ihrer Oma und quält Jomar mit den Polkaklängen der Band Kaizers Orchestra; ein homophober Jüngling weiht seinen Gast in ungewöhnliche Trinkrituale ein; der im Tipi hausende Greis Ailo schließlich hat bereits sein eigenes Ableben arrangiert. All dies birgt, von Jomar mit kleinstmöglicher Anteilnahme bedacht, eine unwiderstehlich trockene Komik.

 

Wie tiefschürfend die seelische Düsternis des Reisenden derweil auch ist, die Mise en scène bleibt von ihr weitgehend unberührt: Gleißend hell blitzt der Schneeteppich von der Leinwand und sorgt damit auf Seiten Jomars tragischer- oder ironischerweise auch für optische Düsternis. Denn vom strahlenden Weiß schneeblind geworden, trennt ihn bei Lotte die meiste Zeit eine Augenbinde von der Sinneswelt, wodurch die Wahrnehmung der Figur mit derjenigen des Publikums in Widerstreit gerät. Ein für Nord symptomatischer Moment, da Langlo eben nicht die Welt durch die Augen eines Depressiven zeigt, sondern ein letztlich heiteres Bild von jener Welt entwirft, deren Eigentümlichkeiten erst durch das reservierte Gebaren eines seelisch Kranken hervorgelockt werden. Daß man folglich weniger über den Depressiven als vielmehr über dessen Umwelt lacht, ist die wahre Leistung des Films.

 

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