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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 17:24

     

    Vom 58. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg

    17.11.2009

    Der Pfarrer & die Mörderin oder Miss Kiki in Taipeh

    Autorenfilme auf dem 58. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

    Nach der Berlinale ist das für Spiel- & Dokumentarfilme offene (58.) Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg das älteste in Deutschland. Es favorisiert den Autorenfilm: ein Ort der Entdeckungen für Cinéasten und für ein Publikum, das neugierig ist auf den kinematografischen Reichtum jenseits des Mainstreams…Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Während Edgar Reitz, der letztjährige „Master of Cinema”, dem Mannheim-Heidelberger Publikum zwei Filme seines Oeuvres vor dem alles überwölbenden dreiteiligen Heimat- Epos, das ihn weltbekannt gemacht hatte, in digital restaurierten Fassungen präsentierte (Die Reise nach Wien & Die Stunde Null) setzte der diesjährige „Master of Cinema“, der Kanadier Atom Egoyan, mit seinem 1984 in Mannheim mit einem „Dukaten” ausgezeichneten Erstlingsspielfilm Next of Kin einen thematischen Akzent, der auch in anderen heutigen Filmen des 58. (!) (Wettbewerbs-) Programms präsent war.

    Der 1960 in Kairo geborene und mit seiner armenischen Familie im kanadischen Toronto lebende Egoyan hatte zu seinem zweiten Besuch Mannheims die Super8-Filme mitgebracht, die er bei seinem ersten von sich für seine spätere Ehefrau und Schauspielerin gedreht hatte. Die öffentliche Vorführung und humoristische Präsentation dieser solipsistischen Dokumente seines ersten Europaaufenthalts war der vielumjubelte Höhepunkt seiner Auszeichnung, die durch eine kleine Retrospektive seines Oeuvres begleitet wurde.

    Atom Egoyans Next of Kin spielt die Topoi seines gesamten Werkes leichthändig- ironisch durch: die Fragilität und Unsicherheit persönlicher und kultureller Identität, die Familie als Schrecken und Utopie, und die Rolle, welche die Audiovisuellen Medien bei der Suche nach Wahrheit und der Konstitution von Sicherheit spielen. Hier wechselt ein lethargischer junger Mann, der sich in der ebenso dominanten wie zerstrittene Ehe seiner Eltern fremd fühlt, als „verlorener Sohn” in eine armenische Emigrantenfamilie über, die das vermeintliche Familienmitglied, das sie einst aus Armut zur Adoption fortgegeben hatte, glücklich in ihre offenen Arme schließt. Vom Verlustschmerz und der Versöhnungssehnsucht der Emigranten hatte er zufällig durch ein Video erfahren, das er in der Praxis des Familientherapeuten fand, der die Sitzungen seiner Klienten zur späteren Diskussion aufzeichnete.

    Erstaunlicherweise taucht das thematische Motiv der allein durch Sehnsucht konstituierten Familie in Christian Becker und Oliver Schwabes Zarte Parasiten wieder auf. Ein aus allen familiären Bindungen gefallenes Pärchen, das im Wald robinsonadisch kampiert, bestreitet seinen ungewöhnlichen Lebensunterhalt, indem es als hilfsbereite familiäre „Dienstleister” zeitweilig bei „Bedürftigen” Unterschlupf sucht: das Mädchen bei einer bettlegerischen alten Dame, der Junge bei einem reichen Ehepaar, das nach dem tragischen Unfalltod seines geliebten Sohnes unter dem Verlustschmerz leidet. Als „zarte Parasiten” füllen sie die Lücke der Einsamkeit und den Verlust von Lebenssinn vorübergehend aus; aber als der Junge sich zu intensiv mit seiner Phantomrolle identifiziert, wird seine eigene Sehnsucht nach einer familiären Verankerung zerstört. Der unspektakuläre kleine Film der beiden Deutschen erinnert in seiner gelungenen Balance tragikomischer Motive an die Anfänge Francois Truffauts.

    In Diego Sabanes´ historischer Beschwörung der Fünfziger Jahre (Mentiras Piadosas nach Erzählungen des großen Julio Cortázar) verstrickt sich eine bürgerliche Großfamilie in die Konstruktion einer Fiktion, deren Unterhalt sie um ihr Vermögen bringt. Pablo, der leichtsinnige Musiker, ist nach Paris zu einer akademischen Karriere aufgebrochen und dort spurlos verschwunden. Seine zurückgebliebenen Geschwister Jorge und Nora, zuletzt aber auch seine Verlobte, fingieren Briefe, Zeichnungen und sogar aufwendige Geschenke als Zeugnisse des Gedenkens Pablos, um der dahinsiechenden Mutter die Illusion vorzuspielen, ihr Lieblingssohn habe als Künstler Karriere gemacht und denke an sie - bis die Geschwister, verarmt, nach dem Tod der Mutter selbst an ihre Fiktion mehr glauben als an die triste Wirklichkeit, in der sie beide ihr Lebens- & Liebesglück für eine familiäre Illusion geopfert haben, an die noch nicht einmal die darob gerührte Mutter geglaubt hatte.

    Triumphe des schauspielerischen Risikos

    Miss Kicki des Schweden Hakon Liu - eine alleinstehende Alkoholikern, deren sechzehnjähriger Sohn bei ihrer Mutter aufgewachsen ist - glaubt, die ultimative Liebe ihres Lebens in einem Taiwanesischen Geschäftsmann gefunden zu haben, mit dem sie über Skyper-Bildtelefon bekannt geworden ist. Als sie aber mit ihrem Sohn, dem sie nichts von ihrer Hoffnung sagt, „im Urlaub” in Taipeh auftaucht, trifft sie auf einen wohlsituierten Familienvater, der den häuslichen Überfall der peinlichen Person mit einem bezahlten Aufenthalt in einem leeren Luxushotel pariert. Während die alternde Illusionistin einer späten Liebe in der taiwanesischen Fremde ihrer letzten Lebens- & Liebes-Enttäuschung nachsinnt, findet ihr alleingelassener Sohn eine erste (schwule) Liebe in einem Gleichaltrigen, der als Schlepper einer Erpresserbande die zwei Schweden auf Taiwan unwillentlich in Kalamitäten bringt.

    Der selbst zwischen den fernen Kulturen aufgewachsene Regisseur einer norwegischen Mutter und eines taiwanesischen Vaters macht seine hybride existenzielle Situation in seinem Spielfilmdebüt zum Stoff eines geistreichen, gestisch sehr reich instrumentierten Melodramas, das seine Reflexion über Liebe, Familie und menschlicher Zuwendung vor dem Hintergrund einer semidokumentarischen Realitätsbeschwörung entfaltet. Die internationale Jury zeichnete Miss Kicki mit dem R.W.Fassbinder-Preis aus.

    Wie Miss Kicki aber vor allem körpersprachlich von der meist stummen Bergman-Darstellerin Pernilla August bestimmt wird, so der vielleicht exzentrisch-abgründigste Film des Wettbewerbs - Briefe an Vater Jakob des Finnen Klaus Härö - von zwei uns unbekannten Darstellern. Kaarina Hazard - ein wie von Alkohol aufgedunsener Trumm von Frau - spielt eine verstockte, bösartige, zu lebenslanger Haft verurteilte Vatermörderin. Der erblindete alte Pfarrer Jakob (Heikki Nousiainen), der in seiner ländlichen Einöde die täglich eintreffenden Briefe von Ratsuchenden beantwortet, hat die Widerwillige durch ein Gnadengesuch frei bekommen. Nun soll sie, die er nicht sehen noch berühren kann und die ihn verachtet, ihm in seiner Einsiedelei als Schreibkraft zur Seite stehen. Daraus entfaltet Härö in seinem Spielfilmdebüt einen ebenso hintergründigen wie brutalen, ebenso abstoßenden wie bewegenden Kampf zweier Personen um die Rückgewinnung und Bewahrung von Menschlichkeit und Versöhnung, eingebettet in ein landschaftliches - auch häusliches - Ambiente von stiller Schönheit und eremitenharter Einsamkeit. Zu Recht erhielt er den Hauptpreis des Festivals.

    Die grandiose Alpenlandschaft jenseits der Baumgrenze im Schweizer Wallis fungiert in Coeur animal, dem Debütspielfilm der vierunddreißigjährigen Séverine Cornamusaz, als abweisende Härtezone einer bäuerlichen Existenz, aber auch als Seelenlandschaft ihres animalischen Helden, der seine Frau viehisch behandelt. Er muss erst lernen, aus der Brutalität und Sprachlosigkeit seiner archaischen Existenz in die Mitmenschlichkeit einzutreten. Mit einem Spezialpreis der Jury, sowie der FIPRESCI und der ökumenischen Jury war Coeur animal der am häufigsten ausgezeichnete Film des Festivals.

    Die blutenden Wunden Lateinamerikas

    La buena via von Andrés Wood (Chile), La Sangre y la lluvia von Jorge Navas (Kolumbien) und Cana Dorado von Eduardo Pinto (Argentinien) formierten sich zu einem düsteren Triptychon Südamerikas, das in jedem dieser unterschiedlich erzählten Menschen- und Städteporträts, die Wunden Lateinamerikas und seiner paternalistisch & mafiotisch durchsetzten Gesellschaften, in denen Vergewaltigung, Prostitution und Drogenkonsum an der Tagesordnung sind, brutal und grell offen legt. Es sind semidokumentarische Zeugnisse für eine soziale und psychische Verwahrlosung, deren traumatische Verdichtung gleichsam von der Permanenz des Kokainrauschs erzeugt wird und sich in dem kolumbianischen Nachtmahr aus „Blut und Regen” zu einer somnambulen Gewaltorgie auswächst, die es an dramatischer Intensität und Durchschlagskraft mit Martin Scorseses besten New Yorker Epen aufnimmt, die sich neben Jorge Navas´ fulminanter Reise durch die schmutzige Nacht Bogotás geradezu lackiert ausnehmen.

    Die 1974 in Iran geborene, seit 1997 in Australien lebende Granaz Moussavi hat ihr Spielfilmdebüt My Theran for sale in ihrem Geburtsland gedreht; aber es ist kaum vorstellbar, dass ihr Film auch dort gezeigt werden könnte, erst recht nicht in diesen Tagen. Denn diese fiktive Geschichte unter jungen Teheraner Intellektuellen und Künstlern beginnt mit einer Sequenz voller Gewalt und Terror. Während in einem Dorf nahe bei Teheran afghanische Bauern in einem Haus den Tagesabschluss mit ihren traditionellen Liedern und Gesängen feiern, trifft sich in einer Scheune die „moderne” Jugend zu einer Rave-Party. Ein Paar hat sich zu einem intimen Tete-à-tete hinausbegeben - und entgeht deshalb dem plötzlichen Überfall der Sittenwächter, die auf ihrer nächtlichen Razzia sowohl die Bauern als auch die Jugendlichen zusammenschlagen, auseinander treiben und es vor allem auf die jungen Frauen abgesehen haben. Das diktatorische Regime Ahmadinedschads mit seinen terroristischen Revolutionsgarden, das nur „die anderen” genannt wird, bleibt wie ein permanent drohender Schatten gegenwärtig, ohne je optisch präsent zu sein.

    Der Spezialpreis der Jury ging zurecht an den türkischen Dokumentarfilm Demsala Dawi: Sewaxan von Kazim Öz, der ein Jahr im beschwerlichen Leben kurdischer Saison-Nomaden mit einer Vielfalt von kontroversen Mitteln (epischer Hymnus, Selbstaussagen, Reportage, soziale Binnenanalyse, mediale Selbstreflexion) zur sympathetischen & kritischen Evokation eines archaischen Mikrokosmos „weit hinten in der Türkei” aufleuchten lässt. Es sind Kurden, die den harten Winter mit ihren Schafen und Ziegen in Steinhäusern und -ställen verbringen und im Frühling bis zum Herbst auf weit entfernten Almen, wohin die Tiere tagelang in mehrstöckigen Lastwagen auf schmalen Gebirgsrouten verfrachtet werden, in Zelten verbringen. Herzzerreißend ist der tränenreiche Abschied eines Hirten von seinen Schafen, wenn sie in einer vollautomatisierten Fabrik geschlachtet und zerlegt werden, zum Himmel schreiend die Klage der Männer über die Schwere der Arbeit, den geringen Verdienst für ihre Mühen und anklagend die Kommentare der Frauen über ihre „faulen Männer”, die sie prügeln.

    Was im Panoramablick auf die großartigen Gebirgslandschaften in prangendem Grün oder im Schnee „märchenhaft” oder „paradiesisch” erscheinen mag, wird im Blick aus der Nähe zu einer Hölle des Schmerzes, der Qual und des Elends. Dabei behalten die Menschen, die Kazim Öz mit seinem Team über ein Jahr begleitet hat, ihre menschliche Würde und werden nicht zu Demonstrationsobjekten einer Anklage oder eines Urteils: sie sprechen sich über ihr Leben selbst aus.

    Die Rückkehr der „Aura” – zwangsweise

    Dieser „embedded journalism”, der sich selbst im Film problematisiert, ist als filmische Dokumentation einer Langzeitbeobachtung zugleich von höchster ästhetischer Bewusstheit und tiefgreifender sympathetischer Aufmerksamkeit. Eine bewundernswerte anthropologische Recherche im „Bäuerlichen Universum” (John Berger).

    Auf dem 58. Internationalen Filmfestival von Mannheim-Heidelberg waren eine Vielzahl von innovativen, phantasiereichen Autorenfilme von „Newcomern” in allen Bereichen und Genres des Autorenfilms zu entdecken, die weltweit bezeugen, dass der eigensinnige Film nach wie vor in höchster Blüte steht. Tragisch ist nur, dass die reiche Ernte, die Dank dieses Festivals für 11 Tage zur Besichtigung in den Kinos der Rhein-Neckarregion versammelt wurden, nur zu einem verschwindend-geringen Teil in unser Verleih-, Kino-, TV- und DVD-System Eingang und damit ein Publikum finden wird - jenseits des temporär-lokalen Filmfests.

    Wenn Walter Benjamin Mitte des vergangenen Jahrhunderts den „Verlust der Aura” des Kunstwerks sowohl durch dessen technische Reproduzierbarkeit als auch durch dessen Ubiquität zu konstatieren meinte, so stellt sich eine Aura zweiten Grade bei jenen Filmen wieder ein, die sowohl nur für einen kurzen zeitlichen Moment wie nur an einem Ort in Erscheinung treten. Das ist - im Hinblick auf die Weltkinematografie - gewissermaßen die „sakrale” Bedeutsamkeit von Filmfestivals wie dem von Mannheim-Heidelberg.

     

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