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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 18:33

    Das 47. Filmfestival von Gijón

    30.11.2009

    Realismus und darüber hinaus

    THOMAS ROTHSCHILD über gegenwärtiges Autorenkino beim Festival von Gijón.

     

    Die gelegentlich geäußerte Meinung, man könnte auf Filmfestivals mangels hinreichendem Interesse verzichten, wird jedenfalls durch seit längerem existierende Festivals widerlegt, die sich ein treues Publikum herangezogen haben, dem eine wichtige kulturelle Institution entzogen würde, wenn es diese Festivals nicht mehr gäbe. Dazu gehört auch das Festival in der nordspanischen Stadt Gijón mit ihren 300000 Einwohnern. Es ist, nach San Sebastian und Valladolid, das drittgrößte Festival des Landes und fand heuer bereits zum 47. Mal statt. Die Säle sind voll, die Stimmung ist gut und – was vor allem zählt – das Angebot füllt eine Lücke, die das kommerzielle Kino längst nicht mehr zu füllen bereit ist.

    Bei vielen Filmfestivals hat sich eine besinnungslose Konkurrenz um Erstaufführungen verbreitet. Besinnungslos deshalb, weil abgesehen von einigen wenigen Journalisten, die von einem Festival zum anderen reisen, es kaum Schnittmengen beim Publikum gibt. Was schert es die Bevölkerung von Gijón, wenn ein Film auch schon anderswo gezeigt wurde? Es gibt einfach nicht genug hervorragende Filme, um die große Zahl der Festivals mit Premieren zu versorgen. In Gijón pfeift man darauf und setzt stattdessen auf Qualität. Mit dem Ergebnis, dass das Angebot nicht nur reichhaltig, sondern auch künstlerisch ertragreich ist.

    Im Hauptwettbewerb, der von mehreren Nebenreihen begleitet wird, konkurrierten in diesem Jahr 13 Filme (ein weiterer musste zurückgezogen werden, weil die Kopie nicht rechtzeitig eintraf). Die meisten bestachen nicht nur durch aktuelle Themen, die allerdings wenig geeignet sind, zur Erheiterung beizutragen, sondern auch durch eine Machart, die zwar auf Traditionen zurückgreift, sich aber nicht in Routine erschöpft.

    Aki Kaurismäki hat in Nordeuropa Schule gemacht. „The Good Heart“ spielt in New York, aber der isländische Regisseur Dagur Kári hat dort einen Film gedreht, der ganz in der Tradition Kaurismäkis steht: mit skurrilen Typen und einer Geschichte, die sich am ehesten als Märchen verstehen lässt, das in den modernen Alltag verlegt wurde, ein Märchen vom bösen Alten und dem naiven Jüngling, der durch einen weiblichen Engel erwacht und den Bösen schließlich bekehrt. Das wäre nicht genug, wenn nicht die Kameraarbeit und die Farbverfremdungen dieser Geschichte eine Dimension verliehen, die sie erst in einen großen Film verwandelt.

    „Francesca“ von Bobby Paunescu setzt jene Reihe von bemerkenswerten Entdeckungen aus Rumänien fort, die eine düstere gesellschaftliche Wirklichkeit in eine individuelle Story kleiden. Die Titelfigur möchte das Land verlassen, um in Italien einer unbestimmten, wie sie hofft: besseren Zukunft entgegen zu sehen. Ihr Freund ist verschuldet und wird von kriminellen Banden unter Druck gesetzt, sie selbst muss sich unwürdigen Prozeduren aussetzen, um die Ausreise zu ermöglichen. In langen Einstellungen mit unbewegter Kamera werden Gespräche geführt, bei denen Francesca kaum mehr übrig bleibt, als zu reagieren. Für ihren eigenen Willen besteht wenig Spielraum. Der Film zeichnet einmal mehr ein deprimierendes Bild von der Lage Rumäniens nach dem Ende des „Kommunismus“. Von Demokratie jedenfalls und zivilisierten Umgangsformen scheint das Land noch weit entfernt zu sein. „Francesca“ erhielt den Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI).


    Das wohl originellste Drehbuch im Wettbewerb lag der uruguayisch-spanischen Koproduktion „Mal día para pescar“ von Álvaro Brechner zugrunde. Es geht um einen Hochstapler, der mit einem angeblich aus der DDR entkommenen ehemaligen Ringer-Champion durch lateinamerikanische Dörfer tourt, wo dieser gegen einen Einsatz von 1000 Dollar Herausforderer anwirbt. Erinnerungen an „La Strada“, aber auch an John Steinbecks „Of Mice And Men“ stellen sich ein. Der Film lebt nicht zuletzt von der Schauspielkunst Gary Piquers in der Rolle des Managers „Prinz Orsini“, der auch zusammen mit dem Regisseur für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Der Film hat zwar einen unerwartet „glücklichen“ Ausgang, zeigt aber, wenngleich differenziert und nicht eifernd, die entwürdigende Ausbeutung von Menschen. Es ist hier etwas gelungen, das publikumswirksam und anspruchsvoll zugleich ist. Ob der Film auch in den Kinos reüssieren wird, bleibt offen.

    Dem vielleicht in unserer Gegenwart brisantesten Thema, der Situation von Migranten, widmet sich der Franzose Philippe Lioret in „Welcome“. Für seine Geschichte von dem 17-jährigen Iraker, der trainiert, um von Calais aus über den Ärmelkanal zu schwimmen, kann es freilich kein Happy End geben. Der Film erinnert in seinem psychologischen Realismus und in der Verknüpfung von politischen und persönlichen Problemen an Ken Loach. Er verharrt in der Tradition des Erzählkinos, besticht aber durch seine Genauigkeit und durch den Verzicht auf Knalleffekte, für die sich das Sujet durchaus anböte.


    Auf Realismus pur setzt „Humpday“ von Lynn Shelton. Unter Bevorzugung von Großaufnahmen dürfen zwei gegensätzliche Freunde, der eine ein rastloser Bohèmien, der andere im bürgerlichen Alltag gelandet, „natürliche“ Dialoge führen, die nach und nach ihre Lebenslügen enthüllen. Das kennen wir von Denys Arcand, der die Sache komplexer angeht und dessen Charaktere nicht so schrecklich exaltiert amerikanisch agieren.

    Der Realismus hat den Film mehr als alle anderen Künste, die Fotografie ausgenommen, erobert. Der Zuschauer wurde zunehmend konditioniert, im Kino Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Film soll wahr scheinen. Wenn ein Mann von ferne zu sehen ist, der eine Straße entlang geht, die Kamera ohne erkennbaren Schnitt nach unten schwenkt und der selbe Mann, nun in Nah, im Bild auftaucht, wie in Vimukthi Jayasundaras „Between Two Worlds“, wenn innerhalb einer psychologisch realistischen Studie über einen Transvestiten plötzlich eine stilisierte, hochartifizielle Passage auftaucht, wie in João Pedro Rodrigues‘ „Morrer como um homem“, dann irritiert das nach wie vor. „Die letzten Tage von Emma Blank“ sind eine Parabel mit surrealistischen Stilelementen von Alex van Warmerdam. Auch dieses Genre hat seine Tradition, aber es ist im Kinoalltag selten geworden. Filme dieser Art entdecken keine neuen Wahrheiten, sondern zeigen bekannte Tatsachen auf eine neue Weise. Hier wird die mörderische Gier im Familienverband kammerspielartig grotesk übersteigert.

    Die Internationale Jury zeichnete jenen Film mit dem Hauptpreis aus, der sich am weitesten von den Konventionen des Spielfilms entfernt und dem Dokumentarfilm am stärksten angenähert hat: „La Pivellina“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Es geht um eine italienische Zirkusartistin, deren Lebensgefährten und einem befreundeten Jungen, die sich eines weggelegten Kleinkindes annehmen. Der Film bleibt unspektakulär, die Kamera ganz nah am Objekt. Auf Oberflächenglätte wird verzichtet zugunsten einer Alltagswahrhaftigkeit und einer schon fast altmodischen Liebe zu den „kleinen Menschen“. Man muss diesen Film nicht mögen. Der Jury kann man aber attestieren, dass sie mit ihrer Entscheidung dem Mainstream eine Absage erteilt hat. Sie hat auch die Hauptdarstellerin von „La Pivellina“, Patrizia Gerardi, als beste Schauspielerin prämiert. Erstaunlicher schon ist, dass sie Lynn Sheltons supernaturalistischer Psychostudie „Humpday“ nicht nur den Preis für die beste Regie, sondern auch für die besten männlichen Darsteller gab. Da hätten einem, außer Gary Piquer, auch Paul Dano aus „The Good Heart“, Fernando Santos aus „Morrer como um homem“ oder Vincent London aus „Welcome“ einfallen können.

    Das Kino, davon konnte man sich auch in Gijón wieder überzeugen, hat mehr zu bieten als den alltäglichen Hollywood-Schmarrn, diese Fließbandproduktion von Lügen und Klischees. Das Autorenkino ist keineswegs tot, wie interessierte Kreise und uninteressierte Kritiker zu suggerieren versuchen. Aber die Problematik ist nicht neu, sie hat sich nur verschärft. Ein Gigant der Filmkunst wie Orson Welles konnte kaum eines seiner Projekte so beenden, wie er es gewollt hatte. Und doch wird man sich an ihn noch erinnern, wenn die Namen der Handwerker, die gleichzeitig die Kinos beliefert haben, zu Recht vergessen sind. Das ist zwar ein schwacher Trost, aber vielleicht doch eine Ermutigung für ideenreiche Filmemacher und für Festivalveranstalter wie jene von Gijón.

     

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